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Globaler Klimastreik Von 120 auf Tausend Demonstranten: Wie die Klimaproteste auch in Japan Fuß fassen

Mehr als Tausend Menschen haben in Japan im Zuge der weltweiten Klimastreiks demonstriert. Doch auch wenn die Zahl im Vergleich klein ist: Sie macht Umweltaktivisten Mut.
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Die Teilnahme am politischen Diskurs ist eigentlich nicht üblich in Japan, wie schon die Zahl der Demonstranten zeigt. Quelle: dpa
Globaler Klimastreik in Tokio

Die Teilnahme am politischen Diskurs ist eigentlich nicht üblich in Japan, wie schon die Zahl der Demonstranten zeigt.

(Foto: dpa)

Tokio In den meisten Ländern auf der Welt fingen die Proteste für mehr Klimaschutz schon am Vormittag an. Schüler schwänzten die Schule, Erwachsene gingen nicht zur Arbeit, um Teil des weltweiten Klimastreiks zu sein. Damit in Japan überhaupt Schüler, Studenten und Berufstätige zur Demonstration kommen konnten, haben die Veranstalter dort den Starttermin der Kundgebung „Fridays for Future Tokyo“ auf 17 Uhr angesetzt. Denn niemand würde es sich in Japan erlauben können, für einen politischen Protest die Schule geschweige denn die Arbeit zu schwänzen. Aus der Sicht der Umweltbewegten ist diese Taktik aber aufgegangen.

Als ein paar Jugendliche im Februar den ersten Marsch für mehr Klimaschutz in Japan organisierten, trafen sich gerade 120 Seelen, erinnert sich Hiroto Inoue, einer der Gründer der japanischen Bewegung. „Doch mit der Zeit sind es immer mehr Menschen geworden.“ Am Freitag versammelten sich etwas mehr als Tausend Demonstranten vor der Universität der Vereinten Nationen in Tokio – von Familien, über Oberschüler, Studenten, Berufstätige, Rentner und Ausländer. In weiteren 22 Städten zogen kleinere Gruppen durch die Straßen.

Im Vergleich mit europäischen Ländern wirkte der Tokioter Auflauf sicherlich lächerlich. So gingen in Deutschland am Freitag laut Organisatoren 1,4 Millionen Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straßen. Allein in Berlin sollen es 270.000 Menschen gewesen sein.

In Japan machen die etwas mehr als Tausend Teilnehmer der Demo in Tokio den Umweltaktivisten im Land jedoch Mut. „Ich bin total überrascht“, sagt Toshinori Hayashi, Geschäftsführer der Japanischen Agentur zur Förderung der Umweltwirtschaft (JAEB). Normalerweise kämen zu Umweltschutzaktionen nur ein paar Dutzend Japaner. Aber hier sieht der 70-jährige zu seiner Freude auf einmal viele junge Menschen, die plötzlich ihre politische Aktivität entdecken.

Die 16-jährige Hinano Wakamatsu ist eine dieser Jugendlichen: Mit fünf Freundinnen von der Privatschule hat sie „Lets Save Our Earth“ auf ein Transparent gemalt und ist zur Demonstration gegangen. Dort stehen die 15- bis 18-jährigen jetzt in ihren Schuluniformen und posieren für die Kameras. „Es ist das erste Mal, dass wir an einer Demonstration teilnehmen“, erzählt Wakamatsu. „Wir wollen etwas tun, um unsere Zukunft zu bewahren.“ Ein Freund, der dazugestoßen ist, wedelt dabei mit einem Pappschild herum, auf dem „No Plastic“ in zig Sprachen der Welt steht – so auch auf Deutsch: „Kein Kunststoff“.

Jugend in Japan gilt als unpolitisch

Die Teilnahme am politischen Diskurs ist nicht üblich in Japan, wie schon die Zahl der Demonstranten zeigt. Und gerade die Jugend gilt als unpolitisch. So senkte die Regierung das Wahlalter von 20 auf 18 Jahre, um der Stimme der Jugend mehr Gewicht zu verleihen. Aber bei den Oberhauswahlen im Sommer machten nur 42 Prozent der 18-jährigen und ein Drittel der 19-jährigen von ihrem Stimmrecht Gebrauch.

Auch auf den Schulen spielen politische Diskussionen im Allgemeinen und Klimapolitik im Besonderen keine große Rolle, berichten die jungen Japaner. „Bis ich mich in der Bewegung engagiert habe, konnte ich mit niemanden über globalen Klimawandel reden“, erzählt Inoue, der Mitgründer der Bewegung. „Meine Freunde haben kein Interesse an dem Thema, für sie ist das ein fernes Problem. Mir hat sich nun eine ganz neue Welt aufgetan.“

Auch der Mitorganisator und Student Takuro Kajiwara sieht das ähnlich. „Es ist ganz klar, dass Japan hinter der globalen Bewegung hinterherhinkt“, meint er. „Das Umweltbewusstsein ist niedrig, und nur wenige sind sich über den Klimawandel im Klaren.“ Und diese Lage spiegelt sich auch in Japans Politik wider.

Klimaexperten kritisieren Japan

Ministerpräsident Shinzo Abe führt sich zwar wie ein Klimaschützer auf. Immer wieder stellt er Japan als Pionier der Wasserstoffwirtschaft dar. Allerdings setzt er nur halbherzig auf erneuerbare Energien und Sparen, und dafür vor allem auf fossile Brennstoffe und die Atomkraft.

So möchte er möglichst viele der einst 54 japanischen Atommeiler wiederbeleben, die nach der Atomkatastrophe in Fukushima gänzlich abgestellt worden waren. Neun sind inzwischen wieder am Netz. Und so wundert es nicht, dass auch sein Plan zur Senkung der Treibhausgase, den er im Sommer vor dem G20-Gipfel vorlegte, Klimaexperten noch stärker enttäuschte als die Pläne der Europäischen Union.

Die Experten der Homepage „Climate Action Tracker“, die die Klimapläne der 32 größten klimaverschmutzenden Länder analysiert, kritisierte Japans Plan als „höchst unzureichend“. Danach steuere Japan auf eine Erderwärmung von drei bis vier Grad zu. Dies liegt deutlich über dem Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens von zwei Grad, geschweige denn von dem ambitionierteren Versprechen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Zum Vergleich: Die EU ist auf einem Pfad von zwei bis drei Grad.

Im Griff von Politik und Wirtschaftslobby

Als Grund für den geringen Druck von unten beim Thema Klima- und Umweltschutz führen die jungen Japaner zum einen die isolierte Lage der Inselnation an und zum anderen die geringe Einwanderung. „Für viele Japaner ist die Welt daher wenig sichtbar“, meint der Student Kajiwara. Zudem könne kaum jemand Englisch.

Informationen kommen daher vor allem vorgefiltert durch die Medien zum Volk. Und das ist ein Problem, meint der alte Umweltexperte Hayashi, der als früherer Manager viel Erfahrung in Wirtschaft und Politik gesammelt hat. „Der Unternehmerverband Keidanren ist in Japan zu stark“, urteilt der Mann vom JAEB.

Die regierende konservative liberaldemokratische Partei (LDP) hat daher seines Erachtens kaum Politiker, die Ahnung von Umweltfragen haben. Und der Einfluss der Wirtschaftslobby auf die Medien wurde nach der Atomkatastrophe von Fukushima allzu deutlich.

Nicht nur berichten die Medien kaum kritisch über die Gefahren der Atomkraft. Auch nach dem Unfall sahen TV-Sender und Zeitungen es als ihre erste Pflicht an, den Bürgern nicht allzu sehr Sorgen zu machen. Am Donnerstag setzte sich die Tendenz fort. In den Abendnachrichten des öffentlich-rechtlichen TV-Senders NHK war sogar eine Warnung vor einem Diätprogramm wichtiger als selbst eine kurze Erwähnung der globalen und erst recht der japanischen Klimamärsche.

Es sei daher anstrengend, sich zu engagieren, gesteht Kajiwara „Selbst unsere Freunde haben Probleme, zu verstehen, was wir tun.“ Aber aufgeben wollen die Organisatoren nicht, auch nicht die 16-jährige Saori Iwano. Zu groß ist ihre Sorge um die Zukunft der jetzigen Schülergeneration. „Wir haben weder Stimme, noch Geld, Macht oder Wissen“, appelliert sie an den Rest der Gesellschaft. „Wir brauchen Eure Hilfe.“

Mehr: Das Klimapaket 2030 besteht aus Förderprogrammen, Anreizen, einem CO2-Preis und regulatorischen Maßnahmen. Bürger sollen zudem entlastet werden.

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