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Griechenland Ein Land in Auflösung

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Die Arbeitslosenrate gilt als geschönt

Die jungen Leute werden im Juni wieder links wählen, sie haben nichts zu verlieren. Davon abgesehen, stimmen sie schon längst mit den Füßen ab. „Alle meine Freunde wollen das Land verlassen oder sind schon weg“, erzählt die 25-jährige Musikerin Danai Moraiti. Sie hat Marketing studiert, sie gibt Geigenunterricht und verdient sich ein bisschen Geld in einer Band. Mit 600 Euro kommt sie zurecht. Im Herbst wird ihre Mutter, eine Sprachlehrerin, nach London gehen. Ihrem Vater tut das weh, aber mittlerweile rät auch er seiner Tochter, sich dem Exodus anzuschließen. Trotzdem sagt Danai: „Ich bleibe, so lange es geht.“ Vielleicht gehört sie zu den Menschen, die den griechischen Planeten auch nach einem Staatsbankrott noch bevölkern werden.

Seit zweieinhalb Jahren leben die Griechen im Zustand einer wirtschaftlichen und sozialen Kernschmelze. Ihre Gehälter sind gekürzt worden, die Steuern erhöht. Ganze Familien sind obdachlos, manche Leute arbeiten in Firmen, die keine Gehälter mehr zahlen. Die offizielle Arbeitslosenrate von 22 Prozent gilt als politisch geschönt. Es ist einfach geworden, in Athen einen Parkplatz zu finden, denn viele benutzen ihr Auto nicht mehr. Ein Vertrauter des Wahlsiegers Tsipras schlug vor, die verbliebenen Spareinlagen der Banken zwangsweise für staatliche Investitionen zu nutzen. Nun sieht man alte Frauen in Plastiktüten ihre Ersparnisse nach Hause tragen, wo eine neu aufblühende Kleinkriminalität in Schubladen und Zuckertöpfen sichere Beute zu machen weiß.

Fünf Personen leben manchmal von Großmutters Rente. Die Jungen scharen sich für ein Essen um die Alten und bekommen noch etwas für die Woche eingepackt. Das nennen sie die „Tupper-Wirtschaft“. Familienverbände sorgen bisher dafür, dass das soziale Netz nicht reißt. Aber auch das stößt an Grenzen.

Petros Sfikakis hat sich immer als Sozialdemokrat empfunden, als Pasok-Linken, was ihn nicht hinderte, ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt zu werden. „Wie sich meine Klienten auf die Lage einstellen? Sie machen sich klein, sie entlassen Leute und senken die Löhne, um geschrumpft die Depression zu überstehen.“ Diese Erschöpfung der wirtschaftlichen Aktivitäten ereignet sich wie im Lehrbuch, Arbeitslosigkeit, Kaufkraftverlust, Einbruch der Binnennachfrage. Die Banken sind durch den Wertverlust der Staatsanleihen und den Schuldenschnitt angeschlagen; seit die Griechen ihr Geld auf Auslandskonten transferiert oder abgehoben haben, fehlt ihnen Liquidität. Sie geben kaum noch Kredite aus. Immobilienpreise und Mieten sinken, Lebensmittel werden billiger, Athen ist eine Stadt der Sonderangebote. Das ist auf den ersten Blick gut für Menschen mit wenig Geld, aber in Wirklichkeit ist es Ausdruck einer Deflation. „Die Mittelklasse hat sich praktisch aufgelöst“, fährt Petros Sfikakis fort, „und die ehemalige Mittelklasse wird die kommende Wahl entscheiden.“ Was einer wählt, wird unter solchen Umständen zu einer sehr persönlichen Frage. „Wer Kinder hat oder ein kleines Geschäft oder einen Kredit über 100000 Euro, muss kalkulieren: Wählt er die Sicherheit, die alten Parteien, oder wählt er Syriza, womöglich die eigene Pleite samt Chance eines Neuanfangs?“

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17 Kommentare zu "Griechenland: Ein Land in Auflösung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Da sieht man es wieder, das Dilemma der Griechen. Sie denken immer noch, das gut wirtschaften privat konsumieren heisst.
    Sparen sollen die Griechen bei den Staatsausgaben, das sind nun mal bei so wahnsinnig vielen Beamten auch deren Löhne. Tun Sie doch nicht so, als hätten Sie das nicht verstanden.

  • Und kein Kommentar zu den 2.000 reichen Griechen???

  • Langweilig.

    Diese Entwicklung ist seit Jahren klar gewesen, ok natürlicht den Qualitätsmedien sondern den ach-so-kruden Untergangshysterikern.

  • Fotos von Bettlern besagen gar nichts.

  • wie bitte?ich verstehe die deutschen nicht!erst sollen wir massive sparen und dann wundern sie sich wenn nicht mehr konsummiert wird und die wirtschaft nicht anspringt! was denn nun????

  • Hier eine chronologische Nachzeichnung aller relevanter Entwicklungen in den letzten Monaten
    http://fortunanetz-forum.xobor.de/t2f2-Austritt-Griechenlands-aus-dem-Euro.html

  • ND, PASOK, KK und nicht zu vergessen die orthodoxe Kirche, der alle Parteien recht waren - es macht keinen Unterschied Wer das Problem über Jahrzehnte verursacht hat, wird es auch nicht lösen. Zu stark sind die Bindungen - Seilschaften zwischen der Politelite in Athen und Brüssel. Wenn Griechenland aus dem EURO geht, wäre die nächste Option sich nach Russland zu orientieren. Das Risiko will USA, Deutschland, Frankreich und England sicher nicht eingehen. Um nicht die Interessen Israels nicht zu vergessen. Irgendwie wird man versuchen gerade Griechenland aus geostrategischen Gründen an der finanziellen Leine zu halten. Ich glaube für Russland und China wäre 'Griechenland' locker zu stämmen und allein Geostrategisch von höchsten Interesse.

  • Texteinschub: Ist ein Euro-Austritt Griechenlands möglich?
    Anstieg von Altschulden

    Zitat: „Bei Einführung einer neuen Währung wäre besonders schwerwiegend, dass für Griechenland die in Euro aufgenommenen Altschulden infolge der Abwertungseffekte drastisch steigen würden.“

    Hier wird suggeriert, die Griechen würden auf jeden Fall ihre Verbindlichkeiten in € belassen und nicht in Drachmen umstellen.
    Stellen die Griechen aber die Verbindlichkeiten um, so stünden sie folglich keinesfalls vor einem Berg nicht zu bewältigender Schulden.
    Deswegen stimmt das Schreckenscenario auch nicht.
    Vielmehr würden die ausl. Banken und Versicherungen, die meist die Gläubiger Griechenlands sind, einen großen Teil (50%?) ihrer Gelder verlieren. Darum und NUR darum geht es. Hier soll den Griechen Angst vor der für sie günstigeren Drachme gemacht werden, damit die Banken kein Geld verlieren. Denn wenn GR im € bliebe, würde ja auch das Geld der europäischen Steuerzahler weiter fließen. Wenn aber nicht, fließt auch kein Geld mehr und die Gläubiger bleiben womöglich auf einem Teil der Schulden sitzen.

  • Zitat: Petros Sfikakis bringt es auf den Punkt: „Ich hoffe jetzt, dass die Nea Dimokratia die stärkste Partei wird. Und das ist für einen Linken eine wirklich schmerzhafte Aussage.“
    Das ist überhaupt keine schmerzhafte Aussage, Herr Sfikakis. Denn wenn man bedenkt, dass Sie mit der angeblich linken, angeblich sozialdemokratischen PASOK jahrelang einen guten Schnitt gemacht haben und vermutlich wie die allermeisten Ihrer Kollegen auch keine/kaum Steuern gezahlt haben, dann ist für Sie die ND tatsächlich die einzige Alternative.
    Denn es ist Ihre Schicht, die etwas zu verlieren hat. Vom Marktbeschicker verlangt man Quittungen, vom Kafeneoninhaber ebenfalls. Auch vom Kleinsthöker wird es erwartet. Rechtsanwälte und/oder Notare jedoch drücken sich davor. Vor meiner Nase liegen jede Menge Jachten, die allesamt notleidenden Ärzten und Rechtsanwälten gehören, die dem Finanzamt Einkommen von unter 15.000,-€ melden. Wer so etwas ermöglicht (wie z.B. die PASOK), sollte sich weder links noch sozialdemokratisch nennen dürfen.

  • der euro muss weg. griechenland muss abwerten, und wohl auch italien, spanien, portugal. das ist fuer alle beteiligten das beste. die ewige transfererei bringt nix

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