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Griechenland Die Wege der Schleuser: Wie Menschenschmuggler Geflüchtete nach Nordeuropa bringen wollen

Zehntausende Migranten sitzen in Griechenland fest und hoffen auf Schleuser. Eine Methode ist der Flug mit gefälschten Pässen nach Deutschland.
16.08.2020 - 11:28 Uhr Kommentieren
Menschen aus dem Flüchtlingslager Moria, die mit einem Schiff von der Insel Lesbos gekommen waren, stehen nach ihrer Ankunft im Hafen von Piräus bei Athen. Quelle: dpa
Flüchtlinge in Griechenland

Menschen aus dem Flüchtlingslager Moria, die mit einem Schiff von der Insel Lesbos gekommen waren, stehen nach ihrer Ankunft im Hafen von Piräus bei Athen.

(Foto: dpa)

Athen Die Flugreise nach Düsseldorf war für den angeblichen Petros P. schon am Check-in des griechischen Provinzflughafens Kalamata zu Ende. Das Foto auf dem griechischen Personalausweis, den der junge Mann am Schalter vorzeigte, passte nicht zu seinem Gesicht.

Die herbeigerufene Polizei stellte schnell fest: Der Ausweis war von seinem rechtmäßigen Inhaber als gestohlen gemeldet. Bei dem Passagier handelte es sich um einen 22-jährigen Afghanen. Aus dem Flug, mit dem er am vergangenen Freitag nach Deutschland reisen wollte, wurde nichts.

Kein Einzelfall: Allein am Kalamata Airport wurden in den vergangenen vier Wochen etwa 60 Migranten bei dem Versuch erwischt, mit gestohlenen oder gefälschten Ausweisen nach Deutschland und in andere EU-Länder zu fliegen.

Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 kamen jeden Tag Tausende Schutzsuchende aus der Türkei nach Griechenland. Von dort zogen sie über die Balkanroute nach Ungarn, Österreich und Deutschland. Seit dem Februar 2016 sind die Grenzen der Balkanstaaten weitgehend dicht. Auch deshalb ist die Zahl der Geflüchteten stark zurückgegangen.

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    Nach Angaben der Uno-Flüchtlingsagentur UNHCR kamen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 10.400 Migranten aus der Türkei nach Griechenland – so viele wie im Sommer 2015 manchmal an einem einzigen Tag. Aber rund 122.000 Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsmigranten sitzen in Griechenland fest, viele seit mehreren Jahren. 92.000 von ihnen warten immer noch auf ihre Asylverfahren. Die meisten wollen weiter in andere EU-Staaten, vor allem nach Deutschland.

    Schleuser halten nach Kundschaft Ausschau

    Der Weg dorthin führt viele zunächst einmal zur Platia Viktorias in Athen, dem Viktoria-Platz im Zentrum der Viermillionenstadt. „Wer in Athen keinen kennt, kommt hierher“, erklärt Hakim, ein junger Syrer. Er hat zwar gute Aussichten, in Griechenland Asyl zu bekommen. Aber darauf will er nicht warten.

    Deshalb ist er hier, an der Platia Viktorias. Der von Laubbäumen und Straßencafés gesäumte Platz ist Treffpunkt für Geflüchtete und jene, die versprechen, ihnen weiterzuhelfen. Auch wenn die Balkanländer ihre Grenzen geschlossen haben: Die Schleuser, die am Viktoriaplatz umherschlendern und nach Kundschaft Ausschau halten, kennen viele Möglichkeiten.

    Erfolg können allerdings auch sie nicht garantieren. Vergangenen Mittwoch stoppte die nordmazedonische Polizei bei der Stadt Demir Kapija einen verdächtigen Lastwagen. Im Laderaum waren 103 Migranten eingepfercht, darunter 29 Kinder. Die meisten waren Pakistaner. Sie kamen aus Griechenland und waren unterwegs nach Österreich.

    Am gleichen Tag entdeckte eine Polizeistreife nahe dem Dorf Vaksince nahe der Grenze zu Serbien in einem Lastwagen weitere 45 Migranten aus Syrien, Bangladesch, Somalia, Pakistan und den palästinensischen Autonomiegebieten. Allein im Juli meldete die nordmazedonische Polizei die Festnahme von 567 Migranten, die aus Griechenland kamen und illegal durch das Land reisen wollten.

    Für manche endet die Reise tödlich. Vor zehn Tagen raste ein mit zwölf Migranten vollgestopftes Auto auf der Autobahn beim nordgriechischen Alexandroupolis in eine Betonbarriere. Acht der Insassen waren sofort tot, zwei starben wenig später im Krankenhaus. Der Schleuser hatte die Migranten am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros aufgenommen und wollte sie offenbar zur Grenze nach Nordmazedonien bringen.

    Ein weiterer Weg von Griechenland nach Nordeuropa führt über die Adria. Vor vier Wochen zerschlug die griechische Polizei einen Schleuserring. Die Menschenschmuggler betrieben eine Flotte von vier Segeljachten, mit denen sie regelmäßig Migranten von der griechischen Insel Korfu nach Italien brachten. Für die Überfahrt berechnete die elfköpfige Schleuserbande pro Passagier 5.500 Euro.

    Viele versuchen es über den Luftweg

    Seit Griechenland nach einer dreimonatigen Corona-Zwangspause seine Flughäfen wieder geöffnet hat, versuchen die Schleuser immer häufiger, Migranten auf dem Luftweg außer Landes zu bringen. Allein in der ersten August-Woche fasste die Polizei auf den Flughäfen von Heraklion und Chania auf Kreta 63 Passagiere mit gefälschten Ausweisen. Schleuser besorgen die Papiere zu Preisen von 500 bis 3000 Euro, je nach Qualität.

    In jüngster Zeit benutzen die Menschenschmuggler zunehmend Provinzflughäfen wie Kalamata, Aktio oder Araxos. Billigflieger verbinden diese Airports mit Zielen in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Skandinavien und Großbritannien. Die Schleuser setzen darauf, dass die Kontrollen auf diesen kleinen Airports laxer sind als etwa in Athen.

    Die zahlreichen Aufgriffe scheinen das aber nicht zu bestätigen. Seit Mitte Juli wurden allein auf den Flughäfen Kefalonia, Zakynthos, Kalamata, Aktio, Korfu und Araxos 260 Passagiere mit gefälschten Reisedokumenten gefasst.

    Auf dem Hauptstadtflughafen Athen sind im Terminalbereich B, wo die Flüge nach Deutschland abgehen, neben der griechischen Polizei auch Beamte der Bundespolizei in Zivil im Einsatz. Die auf gefälschte Reisedokumente spezialisierten Beamten dürfen zwar selbst nicht kontrollieren, mustern aber am Gate die Reisenden und machen ihre griechischen Kollegen auf Verdachtsfälle aufmerksam. Wer erwischt wird, verliert die teuer bezahlten Papiere, kommt aber schnell wieder auf freien Fuß – und kann es erneut versuchen.

    Manche Migranten beweisen Einfallsreichtum: Kürzlich nahm die Polizei am Athener Flughafen zwölf Reisende fest, die sich als Handballmannschaft verkleidet hatten. Die aus Afghanistan stammenden jungen Männer, die zur Tarnung sogar mehrere Bälle dabeihatten, wollten mit gefälschten bulgarischen Pässen nach Wien fliegen. Eine Überprüfung ergab, dass der Sportverein, für den sie angeblich spielten, gar nicht existierte.

    Mehr: Armin Laschet hat in Griechenland eine europäische Lösung in der Flüchtlingsfrage gefordert.

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