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Griechenland Flüchtlinge auf Samos leiden unter Zuständen in Auffanglager

Selbstmordversuche und Vergewaltigungen sind auf Samos an der Tagesordnung. Das reiche Europa ist der Flüchtlinge überdrüssig geworden.
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Auf der griechischen Insel Samos arbeiten manche Flüchtlinge daran, sich Hütten aus Holzresten zu bauen. Quelle: dpa
Flüchtlinge auf Samos

Auf der griechischen Insel Samos arbeiten manche Flüchtlinge daran, sich Hütten aus Holzresten zu bauen.

(Foto: dpa)

Athen/SamosEs stinkt so eindringlich, dass man instinktiv die Nase schließt und durch den Mund atmet, weil Abfälle und Exkremente sich den Geruch streitig machen. Zwischen Bäumen, Geröll und Matsch stehen provisorische Zelte, abgedichtet mit Gestrüpp und Plastiktüten.

Manche Flüchtlinge arbeiten daran, zum Schutz vor Kälte, Regen und sengender Sommerhitze Hütten aus Holzresten zu bauen. Sie haben verstanden, dass sie hier, am Rande Europas, mindestens Monate oder sogar länger als ein Jahr ausharren werden.

Die bei Touristen beliebte Kleinstadt Vathy im Nordosten von Samos ist mit 7000 Einwohnern in etwa so groß wie das malerische Mittenwald in Bayern. Mit dem Unterschied, dass oberhalb der Inselgemeinde 4500 Flüchtlinge und Migranten ihr Dasein fristen. Sie haben sich notgedrungen rund um den so genannten Hotspot der Insel angesiedelt, einem ehemaligen Gefängnis, das hinter seinen mit Stacheldraht bewehrten Stahlzäunen Platz für gerade mal 650 Menschen bietet.

Alle harren sie auf die Annahme oder Ablehnung ihres Asyl-Bescheids.

Außerhalb des Auffanglagers gibt es keine Toiletten, ein verunreinigter Brunnen dient als einzige Wasserquelle. Die Flüchtlinge versuchen so weit wie möglich, den Müll und die Fäkalien selbst zu entsorgen.

Das Militär liefert Tiefkühlkost. Dafür wird angestanden, von morgens bis abends zieht sich die Menschenschlange vor der Essensausgabe durch das Ghetto. Rund 100 unbegleitete Kinder tummeln sich dort, dazu alte Menschen, Schwangere, Kranke. In Europa, auf einer Insel, die den Europäern einst als Urlaubsparadies galt.

„Viele Flüchtlinge leiden vor allem psychisch, sie haben Angstzustände und Panikattacken“, sagt Antonis Rigas, der den Einsatz der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) auf Samos leitet. Es gebe immer wieder Vergewaltigungen, Selbstmorde und Selbstmordversuche; die meisten Menschen seien bereits in der Heimat Verfolgung, Folter und Epidemien ausgesetzt gewesen. Die Situation ist für das rund 30-köpfige Team derart belastend, dass die Ärzte selbst psychologisch betreut werden.

Die Organisation hatte die Arbeit auf Samos vor gut einem Jahr unterbrochen, im Februar jedoch wieder fortgesetzt. „Der Flüchtlingszustrom hat erneut an Fahrt aufgenommen, die Situation ist außer Kontrolle“, begründet Rigas den Einsatz.

Er hat nur eine einzige, sehr bittere Erklärung für die Lage: „Der Plan scheint zu sein, die schlimmen Zustände hier zu halten, damit weitere Flüchtlinge abgeschreckt werden.“ Unausgesprochen steht dahinter der Vorwurf, dass die EU von den unmenschlichen Zuständen profitiert.

Denn Geld hat die Staatengemeinschaft genug bereitgestellt für Griechenland. Und entsetzt sich nun über die Lage vor Ort: Die Situation sei „eine Schande für Europa“, soll der zuständige Brite Simon Mordue einem Bericht der „Welt“ zufolge Mitte März gesagt haben.

Es gelte nun, Handlungsdruck auf Griechenland auszuüben. Die „Welt“ zitiert einen internen Bericht deutscher Diplomaten in Athen, die kritisieren, dass drei Jahre zähen Ringens um bessere Aufnahmebedingungen, schnelle Asylverfahren und eine Erhöhung der Rückführungszahlen nicht die erhofften Fortschritte gebracht hätten.

Die Schuld liegt bei Athen? Das sieht die Organisation Ärzte ohne Grenzen anders. „Drei Jahre nach dem von Angela Merkel mitverhandelten EU-Türkei-Deal behandelt unser Team auf Samos Schwangere und Kinder, die zwischen Müll, Ratten und Kakerlaken leben“, sagt MSF-Geschäftsführer Florian Westphal. „Es ist empörend und frustrierend, dass das EU-Türkei-Abkommen angesichts dieser Zustände ständig als Erfolg angepriesen wird.“

Die Bundesregierung müsse dafür sorgen dass die verletzlichsten Menschen umgehend von den Inseln gebracht werden, sagt Westphal. Nicht nur Samos ist betroffen; auch auf den Inseln Lesbos, Chios, Kos und Leros herrschen menschenunwürdige Zustände. „Wir haben einen Plan geschmiedet, der nicht funktioniert“, bilanziert MSF-Arzt Antonis Rigas. „Das Flüchtlingsproblem, das ein weltweites ist, ruht hier in Europa auf den Schultern der Bewohner von fünf Inseln.“

Und auf den Schultern der Flüchtlinge und Migranten. „Wir haben nicht nur Syrer, sondern auch Menschen aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Afrika. Vielerorts herrscht Krieg, gibt es Epidemien“, sagt Rigas. Die Migranten auf Samos hätten ein Recht darauf, Asyl zu beantragen und ihren Antrag ordentlich geprüft zu bekommen. „Das haben auch die weltweit verantwortlichen Staaten unterschrieben.“

Doch genau diese Verpflichtung kostet Zeit, und entsprechend gering sind die Rückkehrzahlen im Rahmen des EU-Türkei-Deals. Laut aktueller Statistik des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) wurden seit Inkrafttreten des Pakts im Jahr 2016 gerade mal 1843 Migranten zurück in die Türkei überführt.

Gleichzeitig gelangen über das Meer täglich neue Flüchtlinge nach Samos, die von der Türkei aus illegal übersetzen. Auch Todesopfer kostet die gefährliche Überfahrt immer wieder, erst jüngst starben bei schwerem Winterwetter ein vier Jahre altes Zwillingspaar und ihr Vater, der die Jungen noch retten wollte, als das Boot kenterte. Die ursprünglich vereinbarte Verteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU ist derweil ein Flop: Staaten wie Ungarn weigern sich kategorisch, auch nur einen einzigen Schutzsuchenden aufzunehmen.

„Wir fühlen uns als Europäer zweiter Klasse“, sagt Michalis Angelopoulos, der Bürgermeister von Samos. Er steht für jene, die die geballte Last tragen: die rund 7000 Bewohner von Vathy. Sie alle fragen sich, wo die europäische Solidarität bleibt. Die Insel lebt vom Tourismus, und glücklicherweise, so Angelopoulos, bleiben viele Touristen ihr treu. „Aber wir leiden, und es ist nicht allein unser, sondern ein europäisches Problem. Es kann nicht angehen, dass hier Tausende festsitzen und dass es keine europäischen Ausweg gibt.“

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  • dpa
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