Griechenland-Krise Tsipras tanzt den Limbo

Griechenland unter dem Schirm und womöglich vor dem Graccident: Die Schuldenkrise beschert uns immer neue Wortkreationen. Ein Überblick von Troika bis Grexit – und darüber, was die Hellenen mit dem Limbo zu tun haben.
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Der griechische Premier braucht ein neues Hilfspaket. Wie es wohl heißen wird? Quelle: Reuters
Alexis Tsipras

Der griechische Premier braucht ein neues Hilfspaket. Wie es wohl heißen wird?

(Foto: Reuters)

BerlinDas Lexikon der Euro-Krise ist um einen Eintrag reicher: Grimbo. Die Wortschöpfung verschmilzt Griechenland mit dem englischen Begriff Limbo und soll anzeigen, dass sich Athen finanziell in einem Zustand zwischen Leben und Tod befindet.

Damit fügen die Ökonomen der Citigroup, die schon den Kunstbegriff „Grexit“ kreiert haben, der Euro-Krise eine neue Facette hinzu: Statt des baldigen Austritts oder Rauswurfs Griechenland droht nun das Dauer-Koma. Dass Limbo im Englischen auch den Ort der Vorhölle markiert, verleiht Grimbo jene Zweideutigkeit, die so vielen Wörtern aus dem Krisen-Lexikon eigen ist. Die doppelte Botschaft stimmt in diesem Fall sogar und ist wohl auch beabsichtigt.

Oft dient das Vokabular der Krisenmanager aber nur dazu, Verwirrung zu stiften. Das Ultimatum ist dafür ein schönes Beispiel. Mitte Februar setzten die Euro-Finanzminister der neuen Regierung in Griechenland eine letzte Frist, um mit den Reformen zu beginnen. Passiert ist bislang kaum etwas. In Athen muss man das Wort Ultimatum als „Schau‘n mer mal“ verstanden haben.

Auch die in den Verträgen von Maastricht festgeschriebene „No-Bail-out“-Klausel hat man in einigen Krisenländern eher biblisch mit „Liebe deinen Nächsten“ übersetzt. Da die Finanzierung von Staatshaushalten der Europäischen Zentralbank (EZB) verboten ist, hat EZB-Chef Mario Draghi zahlreiche Abkürzungen wie Ela, OMT, LTRO und QE erfunden, um den Geldhahn dennoch weiter aufdrehen zu können.

Der Lieblingsbegriff von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist „moral hazard“, was sich mit der Losung „keiner für alle, alle für einen“ übersetzen lässt und nicht nur den Griechen unterstellt wird. Dass das nicht funktionieren kann, wussten schon die vier Musketiere.

In die Irre führt auch der „Primärüberschuss“, der in Wahrheit gar kein Überschuss ist. Handelt es sich rein rechnerisch doch um einen positiven Saldo, bei dem die Staatseinnahmen die Ausgaben übertreffen. Aber eben nicht alle Ausgaben: Zinsen und Tilgungen werden nicht mitgezählt. Man lügt sich also selbst in die Tasche. Wenn wir schon dabei sind, die Begriffe neu zu definieren, dann können wir auch gleich Schulden als Wagniskapital bezeichnen. Der Schuldenschnitt ist dann einfach eine Fehlinvestition.

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Die Gläubiger legen die Limbo-Stange immer niedriger
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7 Kommentare zu "Griechenland-Krise: Tsipras tanzt den Limbo"

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  • Nein. Das war kein Ultimatum, sondern eine "greek deadline". So heißen jetzt die Ultimaten der EU.
    Greek, Statistics, Greek Deadline, Grexit, Grimbo... wie langweilig wäre doch unsere Welt ohne GR.

  • Ich halte es für ein Gerücht, dass Griechenland pleite wäre.

    Herr Riedel, die Griechen sind pro Kopf mit rund 28.000 € Staatsschulden verschuldet und die Deutschen sind mit 26.000 € Staatsschulden pro Kopf verschuldet.

    Natürlich ist die Staatsverschuldung der Griechen gemessen am BIP dramatisch höher. Nur kann man tatsächlich mit Privatisierungen und anderen Maßnahmen das BIP in Griechenland steigern.

    Ich sehe es nicht wie Sie, dass Griechenland gemessen an diesen Kennzahlen pleite wäre. Es fehlt aber der Wille in Griechenland, endlich einmal die Bürokratiehemmnisse und die Korruption abzubauen.

  • Wortspielereien hin oder her: Griechenland ist und bleibt pleite. Mit positiv
    besetzten Begriffen wie Primärüberschuss soll das normale EU Volk nur darüber
    hinweg getäuscht werden, dass die Verschuldungsspirale weiter geht.

    Ich war gestern bei meiner Sparkasse und sagte meinem Bearbeiter "ich habe einen Primärüberschuss, also positive Einnahmen vor Zinszahlung und Tilgung" meiner Hütte. Der hat sich totgelacht und mich nicht weiter für ernst genommen.

  • Der Kernsatz des Atikels lautet : Aus Sicht vieler Griechen legen die Gläubiger die Stange immer niedriger. Und genau so ist es. Bald finden sich die Gläubiger damit ab, daß die griechische Regierung verspricht, im Jahr 2050 ein Reformpaket vorzulegen. Es bleibt indes abzuwarten, ob sich die Steuerzahler das noch lange bieten lassen. In Deutschland setzt man wohl darauf, daß durch die Selbstzerlegung der AfD sich keine Partei mehr gegen weitere Zahlungen an Griechenland ausspricht. Die CDU hat in diesem Punkt das geistige Erbe eines Ludwig Erhard längst verraten und der Koalitionspartner SPD nimmt die Interessen der steuerzahlenden Arbeitnehmer auch nicht mehr wahr.

  • Grexit, Graccident, Grimbo
    --------------------
    Alle Begriffe passen.

    Das Lexikon der Euro-Krise ist um einen Eintrag reicher: Grimbo. Die Wortschöpfung verschmilzt Griechenland mit dem englischen Begriff Limbo und soll anzeigen, dass sich Athen finanziell in einem Zustand zwischen Leben und Tod befindet.

    Die Griechen wollen sich retten lassen, verweigern aber beharrlich jegliche Reformen.
    Sie wissen, dass die Eurokraten sie bedingungslos retten werden.
    Mittlerweile ist Griechenland die bestimmende Macht in der EUdSSR.
    Die Troika haben sie außer Landes gejagt. Jetzt heißen sie "die Institutionen".
    Die Gläubiger heißen jetzt "Euro-Partner" und das dritte "Hilfspaket" nennen sie dann "Solidarbeitrag".

    Tsipras droht den Eurokraten mit einem "Referendum" sollten sie seine Forderungen nicht zu 100% erfüllen.
    Auch das ist neu! Seit wann kann ein Schuldner Forderungen stellen?

  • Und der Begriff des „moral hazard“ ist auch ein Begriff, der nicht nur von Schäuble gerne genutzt wird, um zutreffend den Reaktionszustand zu beschreiben.

    Wenn wir kein EU-Staateninsolvenzrecht haben, dann wird die Situation solange destabilisiert, bis der kritische Zustand auf eine gesetzliche Regelung stößt. Und vorliegend bedeutet das für die griechische Wirtschaft und die griechischen Bürger, dass sie irgendwann mit dem Insolvenzrecht in Berührung kommen, dass für sie als Bürger und Unternehmen existiert.

    Ein paradoxer Zustand, wenn man sich überlegt, dass die Probleme durch die ungenügende Staatslenkung der griechischen Parteien entstanden ist.

  • Den Limbo werden wir dann aber gemeinsam tanzen, denn das Ableben der fiskalischen Ader Griechenlands bedeutet,

    1. dass die Griechen selbst mit einer neuen Währung Griechenlands weiter mit dem Euro Handel betreiben werden. Es wird eine Schattenwirtschaft der Griechen im EURO geben.

    2. Dadurch wird es der griechischen Regierung nicht möglich sein, eine eigene Währung erfolgreich durchzusetzen. Alternativ wäre es denkbar, dass die griechische Regierung hart durchgreift und einen derartigen EURO-Handel unterbindet. Davon ist aber nach dem Gebaren von Syriza nicht auszugehen.

    3. Griechenland wird das Bild von Syriza wiedergeben, unstabil, uneinig, unlogisch im Handeln.

    4. Wenn man Unruhen mit einem Grexit vermeinden will und auch vermeiden muss, dann bleibt den EU-Staaten keine andere Wahl als humanitäre Hilfe zu leisten.

    5. Bereits heute bekommen griechische Unternehmen kaum Kredit. Privatisierungen sind praktisch schon deshalb ausgeschlossen, weil sich in dieser Situation keine Käufer finden dürften. An diesem Vertrauensverlust wird eine neue Regierung nach Syriza lange arbeiten müssen.

    6. Unwägbar bleibt die Verhaltensweise der griechischen Wähler. Wenn die griechischen Wähler weiter radikalisierenden Parteien ihre Stimme geben, dann bleibt die Bereitschaft der EU, der Industrie und der Konsumenten in Griechenland zu investieren gering.

    Wir haben sträflich versäumt an einem EU-Insolvenzrecht der Staaten zu arbeiten. Der griechische Wähler hätte mit einem solchen Insolvenzrecht bereits mit der Wahl seiner Partei über die Konsequenzen gewusst, welche Folgen seine Wahl hat.

    Jetzt stehen wir vor dem Problem, dass sich der griechische Wähler ein Wünsch-Dir-Was-Insolvenzprogramm gewählt hat, dass praktisch nicht durchführbar ist.

    Das Versäumnis eines EU-Insolvenzrechts für Staaten ist die eigentliche Schlamperei, die man der EU vorzuhalten hat. Auch die EZB hätte mit einem solchen Insolvenzrecht eine klare Vorgabe gehabt.

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