Athen

Griechenlands Premier Alexis Tsipras.

(Foto: AFP)

Griechenland Tsipras bringt deutsche Reparationen zurück auf die Tagesordnung

Griechenland meldet dreistellige Milliardenforderungen für deutsche Besatzungsgräuel an. Der Zeitpunkt dürfte kein Zufall sein: Heute ist Bundesaußenminister Maas in Athen.
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AthenUm die deutsch-griechischen Beziehungen stand es lange nicht zum Besten. Berlin galt vielen Griechen als treibende Kraft hinter dem „Spardiktat“, unter dem sie jahrelang zu leiden hatten. Mit dem Ende des griechischen Hilfsprogramms schien sich eine Entspannung im Verhältnis zu Deutschland anzubahnen.

Bundesaußenminister Heiko Maas will mit seinem Besuch in Athen helfen, eine neue Seite aufzuschlagen. Aber jetzt sorgen dunkle Schatten der Vergangenheit für Irritationen: Die griechische Regierung bringt das Thema deutscher Reparationen wieder auf die Tagesordnung. Es geht um gewaltige Summen: Griechische Stellen sprechen von rund 300 Milliarden Euro. Die Bundesregierung hält die Forderungen für unberechtigt.

Unmittelbar vor dem Besuch des Bundesaußenministers kündigte jetzt der griechische Parlamentspräsident Nikos Voutsis an, die Athener Volksvertretung werde im November über die Reparationsfrage debattieren und beschließen, wie die Forderungen durchgesetzt werden können.

Ein Gutachten des griechischen Rechnungshofes beziffert die Entschädigungsansprüche auf 309,5 Milliarden Euro. „Wir werden unsere Forderungen in bilateralen Verhandlungen und auf dem Rechtsweg durchsetzen“, bekräftigte Voutsis diese Woche.

Schon 2015 hatte der damalige Justizminister der Tsipras-Regierung erwogen, deutsche Liegenschaften in Griechenland, wie das Goethe-Institut und die Deutsche Schule, zu beschlagnahmen, um einen Teil der Entschädigungen einzutreiben.

Maas landete am Mittwochabend zum Abschluss seiner viertägigen Balkan-Reise in Athen. An diesem Donnerstag wird er dort von Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos empfangen. Anschließend trifft Maas seinen griechischen Amtskollegen Nikos Kotzias. Ob bei den Treffen das Reparationsthema zur Sprache kommt, ist unklar. Aber es steht im Raum.

Pavlopoulos hatte erst am 2. September bei einem Besuch im nordgriechischen Ort Chortiatis, der 1944 Schauplatz eines Massakers der deutschen Wehrmacht an der Zivilbevölkerung war, an die „niemals verjährenden, berechtigten Entschädigungsansprüche für die deutsche Nazi-Besatzung“ erinnert. Diese Forderungen seien „nicht verhandelbar“, unterstrich Pavlopoulos.

„Historische Schuld gegenüber den Opfern“

Drei Tage später, am 5. September, kündigte Ministerpräsident Alexis Tsipras bei einem Besuch in der Ortschaft Kandanos auf Kreta an, das Parlament werde in Kürze über die Reparationsforderungen entscheiden. Es handele sich um eine „historische Schuld gegenüber den Opfern, aber auch künftigen Generationen“, sagte Tsipras.

Wie Chortiatis, ist auch Kandanos eine von fast 120 so genannten Märtyrergemeinden – Orte, die deutsche Besatzer verwüsteten. Die Bewohner wurden verschleppt, vertrieben oder ermordet. Als „Sühnemaßnahme“ für einen Überfall kretischer Widerstandskämpfer auf einen deutschen Militärkonvoi wurde Kandanos am 3. Juni 1941 von der Wehrmacht dem Erdboden gleichgemacht. Die deutschen Soldaten erschossen 189 Dorfbewohner – Männer, Frauen und Kinder.

Das Thema der Reparationen für die Zerstörungen und Gräuel während der deutschen Besatzung sorgt seit Jahrzehnten immer wieder für Spannungen zwischen beiden Ländern. Wenige Völker haben im Zweiten Weltkrieg so unter der deutschen Besatzung gelitten wie die Griechen.

Während der Besatzungsjahre 1941 bis 1944 kamen Hunderttausende im Widerstand oder durch Massaker der Wehrmacht und der SS ums Leben, darunter Frauen, Kinder und Greise. 70.000 griechische Juden wurden in die Vernichtungslager verschleppt.

Zahllose Griechen verhungerten oder erfroren im Winter 1941/42, weil die deutschen Besatzer Brennstoffe und Nahrungsmittel beschlagnahmten. Beim Abzug der Deutschen im Herbst 1944 waren 50 Prozent der Industrie und Gewerbebetriebe, die Hälfte des Straßen- und Eisenbahnnetzes sowie fast 90 Prozent der Handelsflotte zerstört.

Bei den Reparationsforderungen geht es um Entschädigungen für materielle Kriegsschäden, Zahlungen an Hinterbliebene von Zivilisten, die Massakern der Besatzer zum Opfer fielen, sowie um die Rückzahlung einer 1942 bei der griechischen Notenbank aufgenommenen Zwangsleihe, mit der das Deutsche Reich den Griechen auch noch die Kosten für die Besatzung und den Nordafrika-Feldzug aufbürdete.

1960 überwies die Bundesrepublik 115 Millionen DM für griechische Opfer der Nazi-Herrschaft nach Athen. Die Zahlung war an die Bedingung geknüpft, dass Griechenland keine weiteren Forderungen stellt. Berlin vertritt die Position, dass die Reparationsfrage infolgedessen „ihre Berechtigung verloren hat“. In den vergangenen Jahren haben Hinterbliebene griechischer Kriegsopfer immer wieder versucht, Entschädigungsforderungen vor deutschen und europäischen Gerichten durchzusetzen – ohne Erfolg.

Während der Griechenland-Krise spielte das Reparationsthema zwar in der griechischen Öffentlichkeit eine große Rolle. Die Athener Regierungen hielten sich allerdings in jenen Jahren mit Forderungen gegenüber Berlin zurück. Es sollte offenbar nicht der Eindruck entstehen, man wolle die deutsche Schuld gegen griechische Schulden aufrechnen.

Tsipras kann mit dem Thema nur punkten

Nach dem Ende des Hilfsprogramms tritt Tsipras in der Außenpolitik nun selbstbewusster auf – und zieht die Reparationsforderungen wieder auf seiner politischen Agenda nach oben. Das dürfte auch mit dem in Griechenland bevorstehenden Wahlkampf zusammenhängen.

Tsipras hatte schon vor den Wahlen von 2015 die Reparationen zu einem zentralen Thema gemacht. Unmittelbar nach seiner Vereidigung als Premierminister fuhr er als erstes zu einer Gedenkstätte für Nazi-Opfer im Athener Stadtteil Kesariani und legte dort Blumen nieder.

2016 erklärte Tsipras, das griechische Volk werde „die Kriegsverbrechen der Nazi-Armee niemals vergessen“ und forderte, dass die deutsche Regierung „diese Untaten endlich anerkennt, und sei es mit 73 Jahren Verspätung“. Mit dem Thema kann Tsipras sowohl bei linken wie auch bei nationalistischen Wählern punkten.

Mehrere deutsche Bundespräsidenten, von Richard von Weizsäcker über Johannes Rau bis zu Joachim Gauck, haben über die Jahre bei Griechenland-Besuchen zwar immer wieder Versöhnungsinitiativen angekündigt. Geworden ist daraus finanziell aber bisher nicht viel.

Ein vom Auswärtigen Amt eingerichteter Deutsch-Griechischer Zukunftsfonds soll zum Aufbau einer gemeinsamen Erinnerungskultur und zur Versöhnung beitragen. Die Arbeit des Fonds konzentriert sich auf Stipendien, Symposien und wissenschaftlichen Austausch, wird aber in der Öffentlichkeit beider Länder so gut wie gar nicht wahrgenommen.

2014 kündigte Bundespräsident Gauck bei seinem Staatsbesuch in Athen ein deutsch-griechisches Jugendwerk an. Viereinhalb Jahre später lässt dessen Gründung immer noch auf sich warten. Vor allem die griechische Seite bremse, sagen Insider. Dahinter steht wohl die Sorge, mit Initiativen wie dem Jugendwerk könnte die Reparationsfrage in Vergessenheit geraten – was ja auch die deutsche Absicht sein dürfte.

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