Griechenland wartet auf Ergebnisse „Schäuble ist nicht für alles verantwortlich“

Ein schöner Sommertag in Thessaloniki. Doch das Idyll trügt. Die Stadt ist gepflastert mit Aufklebern, die gegen die Sparvorschläge mobilisieren. Die Wahllokale haben mittlerweile geschlossen. Ein Stimmungsbericht.
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Die Bewohner in Thessaloniki treffen heute eine möglicherweise folgenschwere Entscheidung. Quelle: AFP
Referendum in Griechenland

Die Bewohner in Thessaloniki treffen heute eine möglicherweise folgenschwere Entscheidung.

(Foto: AFP)

ThessalonikiEin strahlend schöner Sommertag in Thessaloniki. Die Menschen sitzen in Cafes und Restaurants, ein paar Touristen schlendern durch die Stadt oder erkunden die antiken Ausgrabungsstätten wie das Forum mitten in der Stadt. Kaum vorstellbar, dass ihre Bewohner heute eine möglicherweise folgenschwere Entscheidung treffen sollen. Doch das sonntägliche Idyll trügt. Die Stadt ist gepflastert mit Plakaten und Aufklebern, auf denen ein Wort in roten Versalien hervorsticht: ΟΧΙ, zu deutsch Nein. Die Plakate werben für ein Nein zu den Spar- und Reformvorschlägen von EU, EZB und IWF.

Auf einem Plakat ist ein - zugegeben recht unvorteilhaftes - Foto von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zu sehen, fast wie auf einem Fahndungsfoto. Ihm werden die Folgen von fünf Jahren Sparpolitik angelastet. Drei junge Kerle mit Bart und Hipster-Zöpfchen versuchen, mich zu beschwichtigen. Das Plakat solle ich nicht allzu ernst nehmen. „Du musst hier als Deutscher keine Angst haben, wir wollen Dir nichts Böses!“ Das ist immerhin beruhigend. Aber von den sehr offenen und freundlichen Dreien habe ich mich auch gar nicht bedroht gefühlt.

Griechenland zwischen Ja und Nein
Greferendum
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Bis 18 Uhr (MESZ) haben die Griechen am heutigen Sonntag noch Zeit, über die an frische Kredite geknüpften Sparauflagen der Gläubiger abzustimmen. Die Wahllokale für das mit Spannung erwartete Referendum öffneten am frühen Morgen. Umfragen zufolge liegen die „Ja“- und „Nein“-Lager gleichauf. Erste Ergebnisse werden gegen 21 Uhr erwartet. Unabhängig davon, wie das Votum ausgeht, ist die Zukunft des Landes jedoch ungewiss.

Tsipras gibt seine Stimme ab
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Von einem „Nein“ zu den Reformvorschlägen der Gläubiger erhofft sich Regierungschef Alexis Tsipras (unser Bild) eine stärkere Position und Chancen auf einen besseren Deal bei den Schuldengesprächen. Die griechische Opposition wirft Tsipras hingegen vor, die Mitgliedschaft des Landes in der Europäischen Union zu gefährden. Ein „Ja“ zu den Auflagen der Geldgeber sehen sie als Garant für einen Verbleib in der Eurozone. Umfragen zufolge gibt es bei den Griechen eine klare Mehrheit für den Verbleib im Euro: 75 Prozent befürworten dies.

Wahllisten in Athen
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Für zusätzliche Verwirrung unter den Wählern sorgt die komplizierte Formulierung der Referendumsfrage auf dem Abstimmungszettel: „Soll der Einigungsplan, den die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds am 25. Juni 2015 der Eurogruppe vorgelegt hat, und der aus zwei Teilen besteht, die den gemeinsamen Vorschlag ausmachen, akzeptiert werden? Das erste Dokument trägt den Titel 'Reformen für die Vollendung des aktuellen Programms und darüber hinaus' und das zweite 'Vorläufige Schulden-Nachhaltigkeits-Analyse.'“, heißt es wörtlich.

"Nein" klingt wie "Nei" (griechisch für "Ja")
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Wissenschaft-Professor Stathis Kalyvas von der Yale-Universität sagte, unabhängig vom Ausgang des Referendums werde die griechische Regierung gewaltigen Herausforderungen ausgesetzt sein. Wenn die „Nein“-Kampagne gewinnen würde, könnte die griechische Regierung damit konfrontiert sein, dass die Länder der Eurozone sich weigern würden, ein verbessertes Abkommen auszuhandeln, da sie Tsipras misstrauten.

Familie wählt gemeinsam
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Aber auch ein Sieg der „Ja“-Kampagne würde den Weg zum Verhandlungstisch nicht vereinfachen. Vielmehr würde dies wahrscheinlich Neuwahlen einläuten - mit der Chance für Verhandlungen über ein verbessertes Abkommen.

Die Griechin Mary Gourgouraki wählt im Rollstuhl
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Die EU wolle, dass Griechenland in der Eurozone bleibe, sagte Kalyvas. sie müsse einen sehr großzügigen Plan bereitstellen, da die Kosten der Krise in nicht vorausgesehene Höhen geschossen seien. Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte bereits gesagt, künftige Verhandlungen würden sehr schwierig, da sich die wirtschaftliche Lage des Landes in den vergangenen Wochen dramatisch verschlechtert habe. Er wiederholte, dass in der EU alle Länder die Regeln befolgen müssten.

Varoufakis gibt seine Stimme ab
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Der griechische Finanzminister Yianis Varoufakis attackierte die anderen Eurozonen-Länder und warf ihnen bezüglich eines Abkommens eine Hinhaltetaktik vor, damit den Banken das Geld ausgehe. So könnten sie ein „widerwärtiges Ultimatum“ stellen, damit die griechische Regierung ein demütigendes Abkommen akzeptiere. Andere Mitglieder der Eurogruppe hätten die ehrenhaften Vorschläge Griechenlands zurückgewiesen. Wenn man die Vorgaben der Gläubiger akzeptieren würde, würde dies eine ständige Verurteilung bedeuten. Sie abzulehnen würde dagegen die einzige Aussicht auf Erholung bieten.

Alle drei waren schon im gegenüberliegenden Gymnasium und haben dort ihre Stimme abgegeben. Zwei haben mit Nein gestimmt, einer tatsächlich mit Ja. „Wenn wir mit Nein stimmen, dann stärken wir unsere Verhandlungsposition gegenüber der Europäischen Union“, sagt einer der Neinsager und zuckt fast entschuldigend mit den Achseln. Darauf der Jasager: „Ich finde, die Griechen sollten mit Ja stimmen und die EU sollte uns etwas entgegenkommen. Dann finden wir gemeinsam eine Lösung.“ Da nicken sogar die Neinsager.

„Viele junge Leute, die mit Nein stimmen, meinen gar nicht wirklich Nein“, sagt Nick Maslaris. „Sie wollen nur irgendeine Gegenposition beziehen.“ Der 65-jährige Rentner kommt gerade aus dem Wahllokal und hat aus voller Überzeugung mit Ja gestimmt. Er sagt, dass Tsipras' hasserfüllte Reden nur die emotionale Seite des Gehirns ansprechen, nicht aber die logische. „Aber man kann doch nicht Schäuble für alles verantwortlich machen, was hier bei uns in Griechenland schiefläuft!“

Maslaris, früher Direktor einer Zuckerfabrik, möchte, dass seine Regierung wieder an den Verhandlungstisch zurückkehrt und dabei einen freundlicheren Ton an den Tag legt. „Wenn ich zu einer Bank gehe, weil ich ein Darlehen brauche, dann darf ich den Menschen am Schalter doch nicht beschimpfen und beleidigen.“ Und das dürfe eben auch eine Regierung nicht, die Geld braucht.

Natürlich hat der Rentner auch Verständnis für die junge Generation, schließlich seien mehr als 60 Prozent von ihnen arbeitslos. Er selbst hat zwei Söhne. Einer ist nach Deutschland gegangen und ist Arzt an einem Krankenhaus in Hannover, der andere arbeitet in Australien als Mechaniker. „Als junger Mensch brauchst Du doch einen Traum.“ Solche Träume sind in Griechenland gerade Mangelware. Außer vielleicht in der linken Regierung in Athen.

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  • Ja, Plakate können polarisieren. Plakat-kunst ist Kunst. Plakate geben immer eine Meinung / Aussage einer Gruppierung, Partei, Organisation in zugespritzter Form wieder. Auch aus unserer deutschen Geschichte kennen wir die Wirkung von Plakatkunst, wenn sie zur Meinungsbildung durch daktatorische Systeme benutzt wird.
    Deshalb hat ein Grafiker / Künstler auch eine Verantwortung. Für welche Ziele kann und will er sich einsetzen? Das ist Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein gefragt.

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