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Boris Johnson

Der Ex-Außenminister gilt as Favorit für die May Nachfolge.

(Foto: AFP)

Großbritannien Alle gegen Boris – In London tobt der Kampf um die May-Nachfolge

Wer wird neuer Hausherr in Downing Street 10? Das Hauen und Stechen der Kandidaten hat bereits begonnen. Vor allem einer wird attackiert: Boris Johnson.
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LondonDas Auswahlverfahren, wer der nächste Premierminister Großbritanniens werden wird, hat noch nicht offiziell begonnen – der Kampf um den Posten aber sehr wohl. Bis zum 10. Juni können sich Kandidaten auf das Amt bewerben, in mehreren Wahlgängen wird dann der Sieger ermittelt.

Einen klaren Favoriten gibt es aber bereits jetzt: Boris Johnson. Kein Wunder also, dass all diejenigen, die selbst mit dem Amt des Premierministers liebäugeln, versuchen, den Ex-Außenminister zu schwächen.

Ein Thema steht ganz oben auf der Aufgabenliste des zukünftigen Premiers: Soll Großbritannien aus der Europäischen Union ausscheiden, selbst wenn kein Deal mit der EU ausgehandelt wurde, der die Folgen auf die Wirtschaft lindert? Fragt man Brexit-Hardliner Boris Johnson, ist die Antwort klar: Wenn es notwendig ist, ja.

„Kein verantwortungsbewusster Mensch würde die No-Deal-Option vom Tisch nehmen“, erklärt er. Es wäre nicht seine bevorzugte Option, aber „wenn wir mutig und optimistisch sind, können wir mit unseren Freunden auf der anderen Seite des Kanals einen guten Handel abschließen, bis zum 31. Oktober pünktlich aus der EU ausscheiden und beginnen, all die Hoffnungen und Wünsche unserer Mitbürger umzusetzen“.

Nicht nur Alexander Boris de Pfeffel Johnson, wie der vollständige Name des ehemaligen Außenministers lautet, vertritt diese Meinung. Auch andere Kandidaten für das Amt des Premierministers zeigen sich derart kompromisslos, etwa Ex-Brexit-Minister Dominic Raab, Ex-Fraktionschefin Andrea Leadsom, oder die ehemalige Arbeitsministerin Esther McVey.

Gegen einen No-Deal-Brexit

Auf der anderen Seite versuchen Politiker mit einer moderateren Position für ihre Kandidatur als nächster Premier zu punkten: Wer auch immer versuche, einen No-Deal-Brexit durchzusetzen, würde Neuwahlen auslösen und das wäre, warnte aktuelle Außenminister Jeremy Hunt, „politischer Selbstmord“. Würden jetzt, und nicht erst 2022 Parlamentswahlen stattfinden, läge die konservative Regierungspartei Umfragen zufolge hinter der größten Oppositionspartei Labour und gleichauf mit der neu gegründeten Brexit-Partei von Nigel Farage.

Auch Gesundheitsminister Matt Hancock sprach sich gegen einen No-Deal-Brexit aus: Das Parlament, das in früheren Abstimmungen bereits einen solchen Weg ausgeschlossen hatte, würde das auch in Zukunft verhindern, meint Hancock – und nutzte die Gelegenheit, um einen weiteren Seitenhieb auf Johnson loszulassen: Vor gut einem Jahr soll Johnson auf die Kritik von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen an der Brexit-Politik „f*** business“ gesagt haben, eine Äußerung, die ihm viel Kritik einbrachte und nun von Hancock wieder in Erinnerung gerufen wurde. Er selbst werde darauf achten, welche Bedürfnisse und Wünsche die Wirtschaft habe, betonte Hancock in britischen Medien, „den Leuten, die sagen f*** business sage ich: f*** „f*** business““.

In einer Befragung unter Anhängern der konservativen Partei steht Boris Johnson mit 32 Prozent unangefochten an der Spitze der Kandidaten, wie schon bei der gleichen Umfrage einen Monat zuvor. Auf dem zweiten Platz folgt Ex-Brexit-Minister Raab mit 15 Prozent, auf Platz drei der aktuelle Landwirtschaftsminister Michael Gove. Matt Hancock landete auf Platz 14 der Umfrage.

Sogar der als Außenseiter geltende Entwicklungshilfeminister Rory Stewart, der erst vor wenigen Wochen auf diesen Posten befördert worden war und nun schon mit dem Amt des Premierministerin liebäugelt, hält sich besser. Auch der kann sich einen Kommentar zu Johnson nicht verkneifen: „Ich denke, er ist der Favorit, er liegt vorn. Er ist der Riese und die Person, gegen die wir alle uns behaupten müssen. Ihn müssen wir schlagen“, sagte Stewart.

Boris Johnson selbst schweigt bislang zu alledem. Demnächst muss er jedoch sprechen: Gegen den Ex-Minister wurde von einem Briten eine Zivilklage wegen der vollmundigen Aussagen im Wahlkampf vor dem EU-Referendum eingereicht. Am Mittwoch entschied das Gericht, dass sich Johnson dazu äußern muss. Ein Termin, dem all die Politiker, die offiziell ihre Kandidatur angekündigt haben, sicherlich mit großer Schadenfreude entgegensehen.

Wer sich offziell bewirbt

Und die Liste der Bewerber ist lang. Offiziell ihren Hut in den Ring geworfen haben bislang:

Boris Johnson: Der 54-jährige Ex-Außenminister hatte bereits vor dem EU-Referendum 2016 für den Brexit geworben und ist seitdem einer derjenigen, die sich am lautesten für einen kompromisslosen Abschied aus der EU einsetzen. 

Dominic Raab: In seiner gerade einmal vier Monate langen Amtszeit als Brexit-Minister machte der ehrgeizige 45-Jährige klar, dass er beim EU-Austritt keine Kompromisse eingehen möchte. Er gilt als härtester Konkurrent von Boris Johnson.

Michael Gove: Dem 51-Jährige wurde lange nachgesagt, er sei ein „Königsmörder“, weil er seinem (damaligen) Freund Johnson 2016 die Unterstützung versagt und stattdessen selbst für das Amt des Premierministers kandidiert hatte. Er gilt als gemäßigter Brexit-Befürworter und könnte damit bei einer größeren Wählerschar punkten. Eines seiner ersten Versprechen bei Bekanntgabe der Kandidatur galt den gut drei Millionen EU-Bürger, die in Großbritannien leben und seit dem Brexit um ihr Bleiberecht fürchten.

Jeremy Hunt: Der 52-Jährige hatte 2016 für den Verbleib in der EU geworben, sich im Laufe der Zeit aber auf die Seite der Brexiteers geschlagen. Schon wenige Stunden nach Mays Rücktritt erklärte er seine Kandidatur. Schlagzeilen machte sein Kommentar, die EU müsse aus der Geschichte der Sowjetunion lernen und dürfe die EU nicht „in ein Gefängnis verwandeln“. Zuletzt schlug er aber moderatere Töne gegenüber der EU an – was ihm prompt die Kritik von Brexit-Hardlinern einbrachte.

Rory Stewart: Britische Medien bezeichnen den Entwicklungshilfeminister als „Anti-Boris“. Der 46-Jährige selbst verkündete, dass er nicht im Kabinett von Johnson arbeiten würde. Stewart setzt sich für eine Kompromisslösung im Brexit-Streit ein. Er macht derzeit besonders viel Werbung für sich und seine Kandidatur, und zwar aus gutem Grund: Sehr bekannt ist der Sohn eines Geheimagenten nicht.

Matt Hancock: Der 40-Jährige war erst kürzlich aus dem Ministerium für Medien in das Amt des Gesundheitsministers gewechselt. Nun versucht er, sich als Mann der Wirtschaft zu positionieren und betont seine Erfahrungen als Unternehmer.

Sajid Javid: Der 49-jährige Innenminister hatte zuletzt als konservativer Hardliner punkten wollen. Bei Bekanntgabe seiner Kandidatur versprach er mehr Geld für die Polizei, um diese im Kampf gegen das in Großbritannien verbreitete Problem der Messerstechereien zu stärken. Noch-Premierministerin Theresa May waren immer wieder die von ihr angestoßenen Kürzungen in diesem Bereich zum Vorwurf gemacht worden.

Esther McVey: Die ehemalige Arbeitsministerin war nach nicht einmal einem Jahr von ihrem Amt zurückgetreten, aus Protest gegen den Brexit-Kurs der Regierung. Die 51-jährige Ex-TV-Moderatorin verfügt über wenig Regierungserfahrung – aber sie versucht mit einem kompromisslosen Brexit-Kurs von Brexit-Hardlinern Stimmen zu ergattern.  

Andrea Leadsom: Lange hatte die Brexit-Befürworterin ihrer Chefin Theresa May als Fraktionschefin den Rücken freigehalten, doch letzte Woche räumte sie überraschend ihren Posten und setzte damit Ereignisse in Gang, die den Rücktritt der Premierministerin zur Folge hatten. Nun will die 56-jährige Leadsom für das Amt der Premierministerin kandidieren. Es ist nicht das erste Mal: Als David Cameron zurückgetreten war, entschied sich das Rennen zwischen May und Leadsom. Dennoch gilt Leadsom dieses Mal als Außenseiterin.

Kit Malthouse: Auch der Name des Staatssekretärs im Ministerium für Wohnen ist vielen Briten kein Begriff. Boris Johnson kennt ihn hingegen sehr gut: Malthouse war sein Vize, als Johnson Bürgermeister von London war. Malthouse machte in Großbritannien vor allem Schlagzeilen, als Brexit-Befürworter mit ihm einen Alternativvorschlag zu dem Brexit-Deal der Regierung ausarbeiteten. Der 52-Jährige gilt ebenfalls als Brexit-Hardliner.

James Cleverly: Der Staatssekretär im Brexit-Ministerium hat als elfter – aber sicher nicht als letzter - Politiker seinen Hut in den Ring geworfen. Bislang ist der 49-Jährige für die No-Deal-Vorbereitungen zuständig. Der Austritt aus der EU ohne Deal wäre nicht seine bevorzugte Option, verkündete er, aber er sehe sich imstande, das Land zu führen, komme was wolle. Der Brexit müsse durchgezogen werden.

Der Auswahlprozess für den neuen Parteivorsitzenden - und damit für den Premier - beginnt am 10. Juni. Jeder Tory, der von zwei Parteikollegen unterstützt wird, kann kandidieren. In mehreren Abstimmungsrunden wählen die konservativen Unterhausabgeordneten ihre Favoriten. Der Letztplatzierte scheidet jeweils aus. Ist die Liste auf zwei Finalisten geschrumpft, bestimmen die rund 160.000 Parteimitglieder per Briefwahl den Sieger. Ende Juli soll Mays Nachfolger feststehen.

Mehr: Nicht alle der elf Kandidaten haben die gleichen Chancen auf ein den Posten des Premierminister. Wer sich ernsthafte Hoffnungen auf Mays Nachfolge machen kann, lesen Sie hier.

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