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Großbritannien Brexit-Bilanz: So hoch sind die Kosten des EU-Austritts bisher

Am Donnerstag um Mitternacht sollte die EU-Mitgliedschaft der Briten enden. Der Brexit wurde zwar verschoben – aber die Rechnung dafür muss trotzdem beglichen werden.
02.11.2019 - 08:00 Uhr Kommentieren
Der französische Zoll hat den Hafen von Calais schon fit gemacht für den Brexit. Das Schild weist darauf hin, wo künftig die Zollkontrollen stattfinden. Quelle: Reuters
Neue Zoll-Schilder im Hafen von Calais

Der französische Zoll hat den Hafen von Calais schon fit gemacht für den Brexit. Das Schild weist darauf hin, wo künftig die Zollkontrollen stattfinden.

(Foto: Reuters)

London, Berlin „Mach dich bereit für den Brexit am 31. Oktober!“ Das war das Motto einer riesigen Werbekampagne, welche die britische Regierung Anfang September gestartet hatte. Sie ermahnte die Briten in Zeitungen, auf Sportplätzen, Flughäfen und in den Fußgängerzonen zu vielen Aktionen.

Rund 100 Millionen Pfund (116 Millionen Euro) soll die Kampagne gekostet haben, doppelt so viel, wie die nationale Lotteriegesellschaft im Jahr für ihre Werbung ausgibt. Doch das Geld hätte sich Premier Boris Johnson sparen können – schließlich wurde der EU-Austritt nun auf den 31. Januar verschoben.

Es ist bei weitem nicht der einzige Posten auf der dicken Rechnung, die im Zuge des geplanten EU-Ausstiegs entstanden ist: Angefangen bei den 45.000 Pfund für den Druck der ersten Version des Brexit-Deals, den die damalige Premierministerin Theresa May ausgehandelt hatte, über das Gehalt der mehreren tausend neu eingestellten Regierungsmitarbeiter, bis hin zu den nicht näher bezifferten Kosten für die Prägung von zehn Millionen 50-Pence-Gedenkmünzen zum 31. Oktober, die nun eingeschmolzen werden. Umgerechnet fast fünf Milliarden Euro hat das britische Finanzministerium für Kosten im Zuge des Brexits bereitgestellt.

Deutlich höher fällt aber die Rechnung nach Schätzungen von Experten für die Wirtschaft aus. Volkswirt Arno Hantzsche vom unabhängigen Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung (NIESR) in London schätzt, dass die britische Wirtschaft seit dem „Leave“-Votum im Jahr 2016 um rund 2,5 Prozent weniger gewachsen ist. Das entspreche einem Abschlag von 50 Milliarden Pfund (58 Milliarden Euro).

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    „Und das ist noch nicht alles“, warnt der Volkswirt, ein Großteil der Kosten werde schließlich erst in Zukunft entstehen, noch sei der Handel zwischen der EU und Großbritannien ja nicht erschwert. Seinen Prognosen zufolge könnte das Bruttoinlandsprodukt langfristig rund 3,5 Prozent niedriger sein als bei einem Verbleib Großbritanniens in der EU.

    Bereits im zweiten Quartal war die Wirtschaftsleistung Großbritanniens um 0,2 Prozent zum Vorquartal gesunken, was zum großen Teil daran lag, dass viele Unternehmen Anfang des Jahres mit Blick auf den Brexit-Termin am 31. März zunächst ihre Lager aufgestockt hatten und diese Nachfrage nun fehlte. Noch nicht einmal das schwächere Pfund hat Experten zufolge dazu geführt, dass die Exporte deutlich gestiegen seien.

    Britische Unternehmen investieren weniger

    Größere Auswirkungen hatte die Zurückhaltung britischer Unternehmen, die angesichts der Ungewissheit weniger investieren. Laut der Bank of England sind die Investitionen in den vergangenen drei Jahren um elf Prozent gesunken. Allein von 2017 auf 2018 halbierten sich bei der britischen Automobilindustrie die Investitionen auf 563 Millionen Pfund.

    Viele Folgen dieser Zurückhaltung werden sich in Zukunft zeigen – und noch traut sich kaum einer zu prognostizierten, wie genau die Zukunft aussieht. Der Brexit-Deal, den Premier Johnson mit der EU ausgehandelt hatte, gibt zwar erste Hinweise: Demnach will die britische Regierung ein Freihandelsabkommen aushandeln, infolgedessen es zu wesentlichen Einschränkungen kommen dürfte.

    Doch der Deal liegt derzeit auf Eis. Die britische Regierung hatte am Dienstag Neuwahlen ausgerufen, und je nach Ergebnis der Wahl könnte Großbritannien einen neuen Weg einschlagen. Bis das Ergebnis der Wahlen am 13. Dezember vorliegt, ist somit vollkommen unklar, wie die zukünftige Beziehung zwischen der EU und Großbritannien aussieht. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass Großbritannien am 31. Januar ohne Deal ausscheidet.

    Angesichts dieser Unsicherheit schwenken auf der anderen Seite des Kanals, in Deutschland, bereits die ersten Ökonomen um: Sie beurteilen aus rein ökonomischer Sicht die Hängepartie inzwischen als schädlicher für die deutsche und die europäische Wirtschaft als einen harten Brexit. „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende - lieber jetzt ein harter Brexit als eine Hängepartie, die sich noch ein oder zwei Jahre hinzieht“, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW seit September.

    Die direkten Kosten des Brexits seien vielschichtig, analysiert der Wirtschaftsverband DIHK. Sehr sichtbar sei aber, dass die Exporte aus Deutschland nach Großbritannien drastisch gesunken sind: um acht Prozent seit dem Referendum im Juni 2016. Das ist vor allem auch deshalb ein starker Rückgang, weil die deutschen Exporte in die übrigen EU-Staaten im gleichen Zeitraum um zwölf Prozent gestiegen sind. „Wenn einmal Klarheit da ist und die Unternehmen wissen, worauf sie sich in ihren Geschäften mit Großbritannien und Irland einstellen müssen, kann man auch damit umgehen“, so Fratzscher.

    Deutsche Autoexporte sind eingebrochen

    Wie sehr das schleichende Gift der Unsicherheit schadet, hat das DIW in einer Studie berechnet. In Deutschland hat sich das Wachstumsrate seit dem Referendum durchschnittlich jedes Jahr um 0,2 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verringert. Es könnten genau die Wachstumspunkte sein, die dafür entscheidend sind, ob Deutschland in diesem Jahr in die Rezession abgleitet oder nicht.

    Besonders betroffen vom Exportrückgang in das Vereinigte Königreich sind die deutsche Automobil- und die Pharmaindustrie. Die Auto-Exporte brachen in den letzten drei Jahren um 23 Prozent oder sechs Milliarden Euro ein, berichtet die Wirtschaftsberatungsgesellschaft Deloitte in einer neuen Studie. Der Verlust ist größer als die jährlichen deutschen Autoexporte nach Japan.

    Lag Großbritannien vor dem Referendum noch hinter den USA und Frankreich auf dem dritten Platz der wichtigsten Handelspartner, ist das Land auf Platz fünf abgerutscht: China und die Niederlande sind nun wichtiger als Britannien.

    Deloitte stellte auch fest, dass die Wachstumseinbußen in Deutschland vor allem die Industrie-Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg getroffen haben. Ein wenig profitieren konnten allerdings Hamburg und Berlin von leicht steigenden Exporten der Luftfahrt-, Nahrungsmittel- und Tabakindustrie. Leicht angestiegen sind – wegen des niedrigen Pfundkurses – demnach die deutschen Importe von der Insel. 

    Je unklarer die Lage innerhalb des bisherigen Zeitraums nach dem Referendum war, desto stärker fielen die Wachstumseinbußen in Deutschland jeweils aus, so das DIW: So war der Brexit-Abschlag beim Wachstum 2017 am größten: Er kostete einen ganzen Punkt Wirtschaftswachstum. Im Boomjahr 2017 fiel dies allerdings noch nicht so auf. Die deutsche Wirtschaftsleistung hätte in dem Jahr also um 37 Milliarden Euro höher gelegen, hätte es die Brexit-Unsicherheit nicht gegeben.

    Als 2018 die Zeichen auf Brexit-Einigung standen, ergab sich ein Wachstumsgewinn von 0,7 Prozent. In diesem Jahr wiederum erwarten die DIW-Forscher einen Verlust um 0,3 Prozentpunkte. Für den Gesamtzeitraum seit Juni 2016 errechnet das DIW einen deutschen Wachstumsverlust von 0,8 Prozent BIP.

    Egal, was kommt, die Kosten bleiben

    Käme es nun zu einem harten Brexit würde dies das deutsche Wachstum im Jahr 2020 zwar um mehr als im bisherigen Jahresdurchschnitt mindern, nämlich um 0,6 Prozentpunkte. Aber bereits 2021 wäre die Wachstumseinbuße mit 0,2 Punkten geringer als 2019.

    Direkt nach einem harten Brexit wäre es nach der DIW-Analyse vor allem der beeinträchtigte Warenverkehr, der auf die Konjunktur durchschlagen dürfte. Allerdings haben sich inzwischen die meisten Exporteure bereits auf Zollkontrollen eingestellt, die Häfen in entsprechende Infrastruktur investiert.

    Die erneute Brexit-Verschiebung um drei Monate erfüllt allerdings die Kriterien der DIW-Ökonomen: Sie sollte kurz sein, hatten sie verlangt. Zudem sind zuletzt ja die Chancen auf einen Brexit mit Vertrag deutlich gestiegen. Kommt es am Ende doch noch zu diesem Szenario, wäre das erheblich besser als der harte Brexit: Die Unsicherheit würde verschwinden – und mit ihr der jährliche Konjunkturabschlag von 0,2 Prozent des BIP. Bleiben dürften aber viele Kosten, die bis dahin schon angefallen sind.

    Mehr: Das Ringen des britischen Unterhauses um den Brexit ist ein Lehrstück für Demokratie. Die lange Debatte verdient Bewunderung und nicht Häme.

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