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Großbritannien Ex-Premier Cameron bricht sein Schweigen – und stellt sich gegen No-Deal-Brexit

Seit dem Referendum war er abgetaucht, jetzt spricht David Cameron erstmals ausführlich über den Brexit. Es tut ihm alles furchtbar leid, aber er würde das Referendum wieder ansetzen.
14.09.2019 - 00:35 Uhr Kommentieren
Er selbst denke jeden Tag über den Brexit nach, sagt Cameron. Quelle: AFP
David Cameron

Er selbst denke jeden Tag über den Brexit nach, sagt Cameron.

(Foto: AFP)

London „Tuduuu-dudu“, war die letzte Äußerung, die die Briten von ihrem ehemaligen Premierminister David Cameron noch im Ohr haben. Mit dieser Melodie auf den Lippen verschwand er am Tag nach dem Brexit-Referendum hinter der schwarzen Tür der Downing Street Nummer Zehn und ward fortan nicht mehr gesehen.

Es gab in den drei Jahren seitdem hier und da noch einen O-Ton, aber nichts, was im Gedächtnis geblieben wäre. Cameron hatte entschieden, sich aus der Politik komplett rauszuhalten und sich auf das Schreiben seiner Memoiren zu konzentrieren.

Nun ist er wieder da. Am kommenden Donnerstag werden die mehr als 700 Seiten starken Memoiren (Titel: „For the record“) veröffentlicht. Das Buch-Event des Herbstes wird von einer großen PR-Kampagne begleitet. Am Samstag gab Cameron mit einem langen Interview in der „Times“ den Startschuss, es folgen mehrere Tage Vorabdruck in der „Times“, Fernsehinterviews und Signierstunden.

Der Verlag sieht dem Ganzen mit gemischten Gefühlen entgegen. Cameron werde mit Sicherheit angepöbelt, sagte ein Mitarbeiter dem „Guardian“.

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    Viele Briten haben dem Ex-Premier nicht verziehen, dass er das EU-Referendum angesetzt und so das Land in den Albtraum gestürzt hat, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. In dem „Times“-Interview zeigt sich Cameron keiner Schuld bewusst. Das Referendum sei unvermeidlich gewesen, sagt er. Er würde es im Rückblick wieder so machen.

    Er wisse, dass viele Leute sauer auf ihn seien, sagt er: „Ich hatte einige robuste Auseinandersetzungen.“ Manche würden ihm nie verzeihen, dass er das Referendum angesetzt habe, andere nicht, dass er es verloren habe. Es gebe aber auch diejenigen, „die froh sind, dass das Versprechen gehalten wurde“.

    Er selbst denke jeden Tag über den Brexit nach, sagt Cameron. „Und ich mache mir Sorgen, was als Nächstes passiert.“ Den Kurs seines Nachfolgers Boris Johnson sieht er kritisch.

    Der amtierende Premier hat als Erstes das Parlament für fünf Wochen suspendiert, damit es ihm nicht in die Quere kommt. Und er hat 21 pro-europäische Tory-Rebellen aus der Fraktion geworfen, nachdem sie mit der Opposition ein Gesetz gegen einen No-Deal-Brexit beschlossen haben.

    „No Deal wäre ein schlechtes Ergebnis“

    Er unterstütze weder die Parlamentsauflösung noch den Rauswurf der Abgeordneten, sagt Cameron. Auch von Johnsons Drohung mit einem No-Deal-Brexit hält er nichts. „No Deal wäre ein schlechtes Ergebnis. Ich denke nicht, dass man es anstreben sollte“.

    Anders als die Ex-Premiers John Major und Tony Blair, die für ein zweites Referendum kämpfen, gibt Cameron keine Ratschläge, was zu tun sei. Aber er sagt, die Lage sei so verfahren, dass man ein zweites Referendum nicht ausschließen könne. Trotz seiner Kritik an Johnson wünscht er ihm mit seiner Strategie Erfolg.

    Frustriert zeigt Cameron sich darüber, dass ihm immer nachgesagt werde, die Entscheidung für das Referendum leichtsinnig gefällt zu haben. Er habe es reiflich überlegt. Ein Grund sei die Euro-Krise gewesen. Er führt als Beispiel an, wie die EU 2011 den Fiskalpakt gegen sein Veto beschlossen habe. Das habe ihn im Glauben bestärkt, dass sich etwas ändern muss. Außerdem habe man den Briten über die Jahre hinweg immer wieder ein Referendum versprochen.

    Sein Fehler sei es gewesen, zu große Erwartungen daheim geweckt zu haben, sagt er. Er habe gedacht, dass man die EU reformieren könne. „Ich akzeptiere, dass meine Bemühungen gescheitert sind.“

    Cameron hatte das Referendum im Jahr 2013 angekündigt. Erst wollte er mit der EU Reformen aushandeln, die insbesondere eine Einschränkung der Freizügigkeit für EU-Bürger erlaubt hätten. Die Zugeständnisse, die er schließlich bekam, legte er den Briten als Argument vor, um beim Referendum 2016 für den Verbleib in der EU zu stimmen. 52 Prozent stimmten stattdessen für den Austritt.

    Das Brexit-Lager habe gewonnen, weil es die emotionalen Argumente hatte, sagt Cameron. „Was Boris und Michael Gove machten, war aufregender als die Themen, die ich zu setzen versuchte.“ Er selbst habe sich in dem Wahlkampf am Ende so gefühlt, als stecke er im Morast fest.

    Er beklagt sich auch über das Verhalten seiner konservativen Weggefährten. Sein damaliger Freund Michael Gove habe ihm in die Hand versprochen, nicht für den Brexit zu werben. Dann wurde er zusammen mit Johnson einer der Wortführer der Kampagne. Cameron nennt Gove in dem Buch „verlogen“. Johnson bot er den Posten des Verteidigungsministers an, um ihn für die Remain-Kampagne zu gewinnen. Doch dieser schlug aus. Cameron bestätigt den Eindruck, dass Johnson sich aus Karrieregründen für den Brexit entschieden habe.

    Johnson war nicht der Einzige. Er habe unterschätzt, wie weitverbreitet das „Leaver-Gen“ in der konservativen Partei gewesen sei, sagt Cameron in dem „Times“-Interview. Viele Bekannte hätten nie den Wunsch ausgedrückt, die EU zu verlassen, „doch plötzlich entschieden sie, dass sie das unbedingt wollten“.

    Am Tag nach dem Referendum rief Cameron den Noch-US-Präsidenten Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel an und sagte: „Es tut mir leid.“

    Dass nach seinem rasanten Rücktritt der Eindruck entstand, er fliehe vor der Verantwortung, scheint ihn bis heute zu wurmen. Auch das Summen sei missverstanden worden, erklärt er: „Das war, weil ich dachte, die Tür geht nicht auf. Ich habe versucht, mich zu beruhigen. Es hat Momente gegeben, als die Tür nicht aufging.“

    Trösten wird das die Briten kaum. Cameron wird sich schwertun, seinen Platz in den Geschichtsbüchern zu korrigieren. Er bleibt der Mann, der am Brexit schuld ist.

    Mehr: John Bercow, scheidender Präsident des britischen Unterhauses, sagt Premier Boris Johnson den Kampf an: Den Brexit könne es nur mit Zustimmung des Parlaments geben.

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