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Großbritannien Johnson bestätigt: England beendet trotz Inzidenz über 200 sämtliche Corona-Maßnahmen ab 19. Juli

Abstandsregeln, Masken- und Homeoffice-Pflicht, Impf- oder Testnachweise – in England ist das alles bald passé. Der Premier zeigt sich aber alles andere als enthusiastisch – und warnt.
05.07.2021 Update: 05.07.2021 - 20:43 Uhr 2 Kommentare
Ab 19. Juli will der britische Premierminister Boris Johnson alle Corona-Maßnahmen aufheben. Quelle: Reuters
Britischer Premierminister Boris Johnson

Ab 19. Juli will der britische Premierminister Boris Johnson alle Corona-Maßnahmen aufheben.

(Foto: Reuters)

London Trotz stark steigender Neuinfektionen will der britische Premierminister Boris Johnson alle Corona-Maßnahmen in England bald beenden. Vom 19. Juli an fallen Abstandsregeln und Maskenpflicht ebenso weg wie die Vorschrift zum Homeoffice, in Pubs muss nicht mehr ausschließlich am Tisch serviert werden. Nachtklubs dürfen wieder öffnen. Und bei Veranstaltungen gibt es keine Platzbeschränkung mehr, für den Eintritt ist kein Impf- oder Testnachweis nötig. Johnson betonte am Montag in London aber, dass die verbindliche Entscheidung nach einer weiteren Überprüfung der Pandemie-Daten am kommenden Montag (12. Juli) getroffen werde.

Johnson hatte vor Monaten einen „vorsichtigen, aber unwiderruflichen“ Weg aus den Corona-Bestimmungen angekündigt. Die letzte Stufe war bereits für den 21. Juni geplant gewesen, doch hatte Johnson sie wegen der Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante um vier Wochen verschoben. Angesichts eines erfolgreichen Impfprogramms sieht der Premier nun die Bedingungen für den letzten Schritt erfüllt – trotz Kritik aus Wissenschaft, Gewerkschaften und Politik.

Der Premier zeigte sich jedoch – anders als erwartet – nicht so enthusiastisch. „Ich möchte nicht, dass die Leute das Gefühl haben, dass dies der Moment ist, an dem wir demobilisieren, dass dies das Ende von Covid ist. Wir sind noch sehr weit vom Ende entfernt“, sagte er.

Johnson fügte hinzu, dass eine neue Variante, gegen die kein Impfstoff wirkt, neue Schutzmaßnahmen nötig machen könnte. Seine wichtigsten wissenschaftlichen Berater Chris Whitty und Patrick Vallance, die bei der Pressekonferenz an Johnsons Seite standen, ließen durchblicken, dass es sich vor allem um eine politische Entscheidung handelt.

Gastronomie und Veranstaltungsbranche begrüßten die Ankündigung dennoch überschwänglich. Im Parlament, wo Gesundheitsminister Sajid Javid die Abgeordneten zeitgleich über die Pläne informierte, brachen einige Mitglieder von Johnsons Konservativer Partei in Jubel aus.

In Großbritannien steigen die Infektionszahlen seit Wochen wieder stark an, am Montag meldeten die Behörden 27.334 neue Fälle. Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Neuinfektionen pro 100.000 Menschen binnen einer Woche, wurde zuletzt mit 229,9 angegeben (Stand: 30. Juni). Grund dafür ist die hochansteckende Delta-Variante, die in Großbritannien inzwischen fast alle Fälle ausmacht. Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Wert bei 5.

Gewerkschaften fordern Beibehaltung der Maskenpflicht

Gleichzeitig verharrt die Zahl der Todesfälle mit 128 Covid-Toten innerhalb einer Woche derzeit noch auf relativ niedrigem Niveau. Auch die Krankenhauseinweisungen steigen bislang nicht im selben Maße wie die Ansteckungen. Die Regierung führt das auf die erfolgreiche Impfkampagne zurück. Inzwischen sind 86 Prozent der Erwachsenen in Großbritannien mindestens einmal geimpft. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) der über 18-Jährigen haben bereits beide Impfungen.

Johnson erwartet schon bald wieder 50.000 neue Corona-Fälle täglich. Doch die Impfstoffe hätten die Verbindung zwischen Neuinfektionen sowie Todesfällen und Krankenhauseinweisungen deutlich geschwächt. „Wir müssen ehrlich sein: Wenn wir die Gesellschaft nicht in den kommenden Wochen wieder öffnen können (...), wann werden wir sonst zum normalen Leben zurückkehren können?“, sagte Johnson. Er verwies auf gute Bedingungen mit warmem Sommerwetter und den Schulferien.

An der Entscheidung hatte es bereits im Vorfeld Kritik gegeben. Wissenschaftler und Gewerkschafter forderten, vor allem die Maskenpflicht als einfachstes Mittel zur Virusabwehr im öffentlichen Nahverkehr sowie in Geschäften beizubehalten. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov sprachen sich gut zwei Drittel der Befragten dafür aus. Kritische Stimmen kamen auch von Vertretern des chronisch unterfinanzierten Gesundheitsdiensts NHS, der am Montag den 73. Jahrestag seiner Gründung feierte.

Johnson plant Aufhebung der Corona-Maßnahmen ab dem 19. Juli

Der Chef der Ärztegewerkschaft British Medical Association (BMA), Chaand Nagpaul, sagte der BBC, es sei nicht nachvollziehbar, dass man in einer Zeit hoher Infektionszahlen „Menschen wissentlich einem Infektionsrisiko aussetzt“. Die Billigairlines Ryanair und Easyjet kündigten an, an Bord ihrer Flugzeuge gelte weiterhin Maskenpflicht, unabhängig von den Regeln am Abflug- oder Zielort. Johnson sagte, er werde an Orten mit vielen Menschen weiter Maske tragen. Allerdings müsse das „Diktat“ der Vorschriften beendet werden.

Gesundheitspolitik ist im Vereinigten Königreich Sache der Regionalregierungen. Johnson ist für den größten Landesteil England verantwortlich, der keine eigene Regierung hat. Schottland, Wales und Nordirland entscheiden hingegen selbst über ihre Corona-Maßnahmen – und deren Ende. Der walisische Regierungschef Mark Drakeford machte bereits deutlich, dass er die Lockerungen nicht übernehmen wird.

Mehr: Impfstoff-Nachzügler weltweit setzen auf die zweite Welle der Pandemiebekämpfung

  • dpa
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2 Kommentare zu "Großbritannien: Johnson bestätigt: England beendet trotz Inzidenz über 200 sämtliche Corona-Maßnahmen ab 19. Juli"

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  • @ Hagen Hebel
    "Der Eindruck wird immer grösser als wenn man Menschen vor jeglicher Infektion schützen wolle. Dies ist sehr gefährlich, denn man schwächt das Immunsystem des Menschen auf Dauer. Dies wäre eine Todesspirale."

    Viren mutieren - das lernt man schon im Biologieunterricht in der Schule (jedenfalls zu meiner Schulzeit). Und Viren wollen - wie Sie und ich auch - "überleben" (wobei Viren nicht alle Bedingungen der biologischen Definition für "Leben" erfüllen. Die Frage, die ich nicht beantworten kann, da ich kein Experte bin, ist nun, ob Viren stärker mutieren, wenn - wie bei Covid - in eine Pandemie "hineingeimpft" wird. Hier gibt es die Annahme, dass dies "Escape-Mutationen" erst recht begünstigt. So könnten also erst recht üble Horror-Biester entstehen, wobei - nochmal - das Virus nichts dafür kann, weil es sich eben bestmöglich "anpassen" muss, um zu überleben.
    Und diese möglichen Horror-Biester treffen dann auf Menschen mit einem Immunsystem, das seit nunmehr fast 1,5 Jahren durch die Abschottungsmaßnahmen nicht mehr trainiert werden konnte!
    Wie gesagt, ich bin kein Experte - aber für mich ist das absolut logisch.
    Die gefährdetsten Gruppen für schwere Krankheitsverläufe (Ältere und Kranke) sind zudem mittlerweile geschützt, und deshalb ist das Vorgehen Johnsons für mich auch richtig und nachvollziehbar.

  • Man spricht immer über Inzidenzen. Der Ansatzpunkt für die Coronamassnahmen war die Belastung des Gesunheidssystems nicht zu überziehen. Wenn dies auf Dauer nicht der Fall mehr ist kann man in der Tat die Coronamassnahmen beenden. Die Infizierten können sich auch dann zu hause auskurieren genauso wie bei der Grippe.
    Der Eindruck wird immer grösser als wenn man Menschen vor jeglicher Infektion schützen wolle. Dies ist sehr gefährlich, denn man schwächt das Immunsystem des Menschen auf Dauer. Dies wäre eine Todesspirale.
    Die panikartige Reaktionen bei steigender Inzidenz und neuen Varianten ist auch weiterhin ein Beweis hysterischen Handelns, und genau dies kann man den Menschen nicht gut vermitteln.

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