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Boris Johnson

Der britische Premier will weiterhin einen harten Brexit-Kurs gegen die EU verfolgen.

(Foto: AFP)

Großbritannien Wahlkampf in Schottland: Johnson kämpft gegen den „Boris-Effekt“

Noch gibt es kein Datum, doch Boris Johnson macht trotzdem schon Wahlkampf. In Schottland stehen die Aussichten für den Premier besonders schlecht.
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London Am Freitagmorgen führte Boris Johnson ein zotteliges Rindvieh an der Nase herum. „Hier lang“, kommandierte der britische Premierminister und zog den Bullen mit einem Strick an den Kameras vorbei. Doch schon wenige Meter weiter zeigte dieser, wer der Stärkere ist: Mit einem kurzen Ruck verschaffte er sich eine längere Leine und rammte einen Polizisten. Johnson hatte Mühe, das riesige Tier zu halten.

Der Regierungschef, der auch in London und Brüssel gerade mit übermächtigen Gegnern kämpft, war zu Besuch auf einem Bauernhof im schottischen Banchory. In Gummistiefeln stapfte er über üppig-grüne Weiden, lehnte sich fachmännisch an Gatter und kündigte Subventionen in Höhe von 200 Millionen Pfund für schottische Bauern an. Den Abend ließ er dann auf dem Sommersitz der Queen in Balmoral ausklingen.

Johnson ist bereits seit Wochen auf Wahlkampftour, obwohl ihm das Parlament vorgezogene Neuwahlen bislang verweigert. Am Freitag vereinbarte die Opposition in London, dass sie auch den zweiten Neuwahl-Antrag des Regierungschefs am kommenden Montag ablehnen wolle. Doch den Wahlkämpfer Johnson hält das nicht auf, unbeirrt produziert er neue Bilder von sich und dem Volk.

Am Freitag machte er auch in Peterhead halt, dem größten schottischen Fischereihafen. Die Fischer sind bekannt als Brexit-Fans, sie wollen endlich die europäischen Boote aus ihren Gewässern verbannen. Johnson, verkleidet mit weißen Gummistiefeln, weißem Kittel und weißem Hut, nahm an einer Fischauktion teil – und ersteigerte eine Kiste Kabeljau. Doch der Preis für seinen Sieg war hoch: 185 Pfund kostete der Fang. „Ein großartiger Preis“, lobte der Chef des Fischmarktes. „Für den Verkäufer“.  

Außerhalb von Peterhead trifft Johnson auf eine skeptische Öffentlichkeit. Viele der fünf Millionen Schotten fremdeln mit dem neuen Mann in der Downing Street. Sie haben beim Referendum 2016 mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt und würden auch jetzt am liebsten in der EU bleiben. Er hingegen war der Frontmann der Brexit-Kampagne und würde sogar einen ungeordneten Brexit riskieren.

„Der Premierminister verhält sich wie ein Diktator, nicht wie ein Demokrat“

Im Fall von Neuwahlen sagen Meinungsforscher den Tories heftige Verluste voraus. In der jüngsten YouGov-Umfrage kam die Partei nur noch auf 20 Prozent – deutlich unter den 29 Prozent bei der letzten Unterhauswahl 2017. „Für die konservative Partei ist die Gefahr groß, dass sie bei Neuwahlen Sitze in Schottland verliert“, sagt der Politikwissenschaftler John Curtice von der schottischen Universität Strathclyde. „Von den derzeit 13 schottischen Konservativen könnten lediglich drei übrigbleiben“.

Profitieren dürfte vor allem die schottische Nationalpartei (SNP), die für ein unabhängiges Schottland innerhalb der EU eintritt. Die Separatisten liegen in der YouGov-Umfrage mit 43 Prozent deutlich vorn und könnten die Verluste der letzten Wahl wieder wettmachen. Unter dem britischen Mehrheitswahlrecht könnten sie mehr als 50 der 59 schottischen Sitze im Unterhaus gewinnen. Ian Blackford, SNP-Fraktionschef im Unterhaus, spricht offen von einem „Boris-Effekt“.

Einen zusätzlichen Dämpfer erhielt Johnson vergangene Woche, als die Chefin der schottischen Konservativen, Ruth Davidson, ihren Rücktritt ankündigte. Sie begründete den Schritt damit, dass sie mehr Zeit mit ihrem Baby verbringen wolle. Doch sie sagte, auch der Brexit habe eine Rolle gespielt.

Die Pro-Europäerin hadert seit langem mit dem Kurs ihrer Partei, und die Übernahme der Regierung durch die Hardliner konnte sie offenbar nicht ertragen. Der populären Politikerin wird zugeschrieben, die Konservativen in Schottland wieder wählbar gemacht zu haben. Unter ihrer Führung hatten die schottischen Tories 2017 ihre Sitze im Londoner Unterhaus von 1 auf 13 gesteigert. Ohne sie verdüstern sich die Aussichten der Partei im hohen Norden erheblich.

Langfristig droht noch eine viel größere Gefahr: Die Wahl Johnsons hat auch der schottischen Unabhängigkeitsbewegung neues Leben eingehaucht. Die Chefin der schottischen Regionalregierung, Nicola Sturgeon (SNP), kündigte diese Woche an, kommendes Jahr ein zweites Unabhängigkeitsreferendum bei der Zentralregierung in London zu beantragen.

Die Unterstützung für ein neues Referendum wächst. Laut YouGov wünschen sich 45 Prozent der Schotten ein solches Votum in den kommenden fünf Jahren. 49 Prozent sagen, sie würden dieses Mal für die Unabhängigkeit stimmen. Unter denen, die einen EU-Verbleib befürworten, sind es sogar 57 Prozent – zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Zuletzt hatten die Schotten 2014 über die Loslösung vom Königreich abgestimmt. Damals waren 45 Prozent dafür und 55 Prozent dagegen.

Johnson sagte am Freitag, er sehe „keinen Grund“, den Schotten ein zweites Unabhängigkeitsreferendum zu erlauben.

Mehr: Warum Boris Johnsons Strategie ein Spiel um alles oder nichts ist.

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