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Großbritannien „Wenn es einen harten Brexit gibt, wird es so schlimm werden wie in den Siebzigerjahren“

Vor zwei Jahren stimmten die Briten für einen EU-Austritt. Großbritannien-Kenner Thomas Matussek sagt: Die Bevölkerung hat noch nicht verstanden, was sie angerichtet hat.
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Wir groß der Schaden sein wird, darüber sind sich die Briten nicht einig. Quelle: AP
Brexit-Gegner vor dem britischen Parlament

Wir groß der Schaden sein wird, darüber sind sich die Briten nicht einig.

(Foto: AP)

Thomas Matussek kennt Großbritannien wie kaum ein anderer. Der Diplomat war in der Zeit von Tony Blair von 2002 bis 2006 deutscher Botschafter in London. Er hatte auch Ende der 1970er schon drei Jahre an der Botschaft gearbeitet und damals die schwere Wirtschaftskrise und die Wahl Margaret Thatchers zur Premierministerin miterlebt. Nach seiner Karriere im Auswärtigen Amt war er Lobbyist der Deutschen Bank und Geschäftsführer der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft. Heute nutzt er seine Kontakte in Wirtschaft und Politik als Berliner Repräsentant der Londoner Politikberatung Flint Global.

Sie kennen Großbritannien seit vielen Jahrzehnten. Wie schlimm ist der Brexit im Vergleich zu anderen Krisen?
Politisch ist der Brexit die größte Krise, aber an Wirtschaftskrisen gab es schon schlimmere. Ich war 1977 im Winter of Discontent hier. Da wurde nur vier Tage die Woche gearbeitet, der Müll wurde zwei Monate nicht abgeholt, hundsgroße Ratten liefen auf den Straßen herum, in Knightsbridge wurde nachmittags das Licht ausgeschaltet. Arthur Scargill und die Yorkshire Miners hatten das Land im Schwitzkasten.

Dagegen scheint der Brexit-Schaden bisher überschaubar?
Der Leidensdruck ist noch nicht so groß. Das ganze Ausmaß der Krise ist noch gar nicht erkannt worden. Wenn Sie heute durch London spazieren, merken Sie gar nichts von einer Krise.

Aber es kommt noch?
Es kommt. Wenn die Europäer nicht mehr in der NHS arbeiten dürfen, wird das Gesundheitssystem zusammenbrechen, wenn Großbritannien aus der Zollunion austritt, werden die Lastwagenkolonnen in Dover stehen. Dann wird die öffentliche Meinung sehr schnell umschlagen. Wenn es einen harten Brexit gibt, wird es so schlimm werden wie in den Siebzigerjahren.

Was ist ihr Best-Case-Szenario?
Ich halte es für möglich, ein Freihandelsabkommen für Güter nach dem Vorbild von CETA zu vereinbaren. Für die Finanzdienstleistungen können wir uns auf eine Anerkennung der Regeln verständigen. Und drittens sollten wir ein Netzwerk bilateraler Absprachen treffen, die wichtigste beträfe die Verteidigung. Das wäre mein Wunsch, und das wäre auch drin. Aber es wird zeitlich eng.

Wie wird der Brexit inzwischen in Berlin gesehen?
In Berlin geht der Puls nicht schneller. Wenn die Berliner Politiker über die Welt nachdenken, denken sie an Trump, an Seehofer, an China. Sie denken nicht Tag und Nacht an den Brexit. Die deutsche Wirtschaft schläft gut. Die deutsche Autoindustrie sagt, wir haben viele Sorgen, Brexit ist Nummer elf. Wir haben das eingepreist. Für die Finanzbranche gilt ähnliches. Der Brexit ist nicht das Zentrum für uns.

Er sollte aber mehr im Zentrum stehen, finden Sie nicht?
Der Ernst der Lage wird in Berlin unterschätzt. Sie müssen aber auch sehen, dass ein Minister nur die Kapazität für zwei, drei große Themen gleichzeitig hat. Für den Brexit haben sie schlicht keine Zeit. Zumal es ja nichts zu entscheiden gibt. Wir haben unsere Linie, und in London müssen die Entscheidungen getroffen werden.

Die Brexit-Verhandlungen werden zentral aus Brüssel geführt. Kann die Bundesregierung sich auf Michel Barnier verlassen?
Michel Barnier macht das gut. Was ich von ihm lese, könnte kein deutscher Minister besser machen. Er zieht die Verhandlungen ohne jede Polemik durch.

Der Versuch, die Briten von Galileo auszuschließen, ist auf der Insel extrem schlecht angekommen. Finden Sie das geschickt?
Ich kann die Europäer verstehen, wenn sie sagen, entweder man ist im Club oder draußen. Ich hoffe aber, dass das im Fall Galileo nur eine Verhandlungsposition ist und dass das einer von etlichen Bereichen ist, wo wir Entgegenkommen zeigen können.

In London wird geklagt, die Europäer hätten sich bisher gar nicht bewegt.
Es gibt Dinge, auf die wir im europäischen Eigeninteresse nicht verzichten können. Das sind zum Beispiel die vier Grundfreiheiten des Binnenmarkts. Wenn wir da nachgeben, steht morgen das nächste Mitglied auf der Matte und will das auch. Auch die Idee, dass Großbritannien die Vorteile einer Zollunion mit der EU genießt, aber zugleich eigene Handelsverträge abschließen kann, ist ausgeschlossen. Das kommt nicht in die Tüte.

Die Verhandlungen sind festgefahren, beim EU-Rat kommende Woche wird es wohl keine Fortschritte geben. Rückt ein ungeordneter Brexit näher?
Ich halte es nach wie vor für nicht sehr wahrscheinlich, weil beide Seiten es nicht wollen. Eine Seite wird sich einen Ruck geben. Die britische Regierung denkt sich, am Schluss wird die Aussicht für die Europäer so furchtbar sein, dass sie einem speziellen Abkommen zustimmen. Umgekehrt glauben wir, dass die Briten irgendwann zur Vernunft kommen. Pannen können natürlich immer passieren.

Wird Theresa May die Brexit-Verhandlungen zu Ende führen oder wird sie vorher gestürzt?
Die Angst vor Neuwahlen schweißt die Tories zusammen. Wenn die Labour-Partei eine pro-europäische Führung hätte, könnte ich mir vorstellen, dass etliche Tories abspringen würden. Im Moment haben sie nichts davon, von der Fahne zu gehen, weil die Alternative, Labour, genauso trübe ist. Ich glaube, die Regierung May hat gute Chancen, den ganzen Prozess bis März 2019 zu überleben. 

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