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Großdemonstrationen Frankreich will Reproduktionsmedizin für lesbische Paare öffnen

In Paris protestieren konservativ-katholische Gruppierungen gegen ein neues Bioethik-Gesetz. Macron geht auf Konfrontationskurs mit der Kirche.
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Die Gruppierung sprach von 600.000 Demonstrierenden in Paris. Quelle: dpa
La Manif pour tous

Die Gruppierung sprach von 600.000 Demonstrierenden in Paris.

(Foto: dpa)

Paris Mehrere Zehntausend Personen haben am Sonntagnachmittag in der Pariser Innenstadt gegen die Neufassung des französischen Bioethik-Gesetzes demonstriert. Aufgerufen hatten 21 vor allem konservativ-katholische Organisationen unter der Führung der sogenannten „La Manif pour tous“, die gar von 600.000 Demonstranten sprach. Die „Manif pour tous“ hatte bereits im Jahre 2013 die Massenproteste gegen die Ehe für homosexuelle Paare organisiert. Im Gegensatz zu der Massenbewegung vor sechs Jahren fiel diesmal die Mobilisierung deutlich geringer aus, auch wenn sich ein langer Demonstrationszug zum Bahnhof Montparnasse bewegte.

Das novellierte Gesetz öffnet Verfahren der Fortpflanzung mit medizinischer Hilfe – wie künstliche Befruchtung, In-vitro-Fertilisation oder Eizellspende – auch für alleinstehende Frauen und für lesbische Paare. Bislang waren diese Verfahren in Frankreich nur für heterosexuelle Paare zugelassen. In Deutschland sind Therapien wie die Eizellspende generell verboten. Die Nationalversammlung hat dem Gesetz zugestimmt, der Senat befasst sich ab dem 15. Oktober damit.

„Wir müssen wählen zwischen dem Wohl homosexueller Paare und dem Wohl der Kinder. Unsere Entscheidung fällt eindeutig aus, wir sind für das Wohl der Kinder!“, rief einer der Redner auf der Abschlusskundgebung. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein Kind sich nur gesund entwickeln könne, wenn es auch einen Vater habe. Das Motto der Demonstration lautete „Freiheit, Gleichheit, Vaterschaft“.

Die konservative Partei „Les Républicains“ hatte nicht zu der Demonstration aufgerufen, der sie das Recht abspricht, die Gesamtheit konservativer Positionen zu vertreten. „Es gibt einen Konservatismus jenseits der ‚Manif pour tous‘, diese Leute verengen unsere Positionen“, sagte Geoffroy Didier, Vorstandsmitglied der Republikaner.

In Diskussionen mit Aktivisten der Bewegung am Rande der Demo kam stets das Argument auf, dass ein Kind ohne Vater nicht gut aufwachsen könne. Auf die Frage, was denn mit den Tausenden alleinerziehenden Frauen geschehen solle, deren Männer sich nicht um ihre Kinder kümmern oder die ohne medizinischen Eingriff und ohne festen Partner ein Kind bekommen, erhält man zur Antwort: Das komme zwar auch jetzt schon vor, aber das neue Gesetz gebe dieser Realität den staatlichen Segen.

Macrons erste große gesellschaftspolitische Reform

„Die Reform macht den menschlichen Körper zur Handelsware“, sagte Christine, eine 41-jährige Pariserin, die mit ihrem grünen Hemd der „Manif pour tous“ auf dem Platz der Abschlusskundgebung Flugblätter verteilte. Sie behauptete gar, es werde bereits an weiteren Gesetzen gearbeitet, die eine Kreuzung von menschlichen und tierischen Zellen erlauben sollen – eine frei erfundene Behauptung.

Die Bioethik-Novelle ist die erste große gesellschaftspolitische Reform von Emmanuel Macron. Der seit über zwei Jahren amtierende Präsident hatte sich bisher voll auf wirtschaftliche und sozialpolitische Reformen konzentriert. Die Auseinandersetzung um die Öffnung der französisch PMA abgekürzten Therapien für alleinstehende Frauen und lesbische Paare zieht sich quer durch die Parteien. Auch einige Abgeordnete der Macron-Partei „La République en Marche“ (La REM) stimmten gegen die Reform, während einige Konservative und Abgeordnete der linken Opposition dafürstimmten.

Umstrittene Verfahren wie die Post-mortem-Fertilisation, bei der sich eine Witwe mit dem Samen ihres verstorbenen Mannes befruchten lassen kann, wurden abgelehnt. Ausgeschlossen ist auch die Leihmutterschaft. Dennoch werfen PMA-Gegner Macron vor, er wolle auch den Weg für die Leihmutterschaft frei machen.

Wie in anderen Ländern auch besteht in Frankreich bereits die Praxis, dass Paare, die keine Kinder bekommen können, egal ob hetero- oder homosexuell, sich an eine Leihmutter etwa in den USA wenden. Der Gesetzgeber steht seit Jahren vor der Frage, wie er mit diesen Kindern, wenn sie in Frankreich leben, umgehen soll. Rechtskonservative Kreise verlangen, sie dürften nicht als Kinder der Paare anerkannt werden, die sie aufgenommen haben. Im Gegensatz dazu eröffnet das neue Gesetz die Möglichkeit, die Kinder als Nachkommen dieser Paare eintragen zu lassen.

Abgesehen von den ethisch-moralischen Fragen der Reform hat sie einen interessanten politischen Aspekt. Zum ersten Mal geht Macron auf Konfrontationskurs zu einem nicht unwichtigen Teil des konservativ-katholischen Lagers, um das er sich in seiner bisherigen Amtszeit deutlich bemüht hat. Im Gegensatz zum französischen Laizismus ging er auf die Kirche zu, sprach vor kirchlichen Vereinigungen und betonte die Bedeutung des Katholizismus für den Zusammenhalt der französischen Gesellschaft. Nun gerät er zum ersten Mal in Konflikt mit dem Klerus, der die Demonstration unterstützt hatte, und mit dem Milieu der konservativen Katholiken.

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