Grundsicherung in Europa und den USA Hartz IV auf Griechisch

Kaum ein Grieche erhält Geld vom Staat, wenn er seinen Job verliert. Sicherungssysteme wie das deutsche Hartz IV – Fehlanzeige. Doch selbst wo sie existieren, verhindern sie Armut oft nicht. Ein Streifzug durch die Welt.
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Ohne Bleibe und Geld: Obdachlos wird in Griechenland schnell, wer seinen Job verliert. Eine Grundsicherung gibt es nicht. Doch auch deutsche Hartz-IV-Empfänger gelten als arm.

Ohne Bleibe und Geld: Obdachlos wird in Griechenland schnell, wer seinen Job verliert. Eine Grundsicherung gibt es nicht. Doch auch deutsche Hartz-IV-Empfänger gelten als arm.

Familienväter stochern in den Müllcontainern nach Verwertbaren, Obdachlose suchen im Abfall nach Essensresten und Ärzte warnen vor einer humanitären Krise mitten in Europa: In den früheren Industrievororten Perama, Nikaia oder Aspropyrgos westlich von Athen zeigt sich, warum die Linksextremen von Syriza diese Wahl gewonnen haben – und was Folge, Katalysator und Symptom des wirtschaftlichen Niedergangs des ganzen Landes ist: das fehlende Sicherungssystem. Denn wer in Griechenland seinen Job verliert, der droht schnell in die Armut abzurutschen. Eine Grundsicherung wie Hartz IV, in Deutschland vor zehn Jahren eingeführt, oder eine Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht.

Das Arbeitslosengeld von 360 Euro im Monat wird maximal ein Jahr lang gezahlt. Nach sechs Jahren Rezession und angesichts einer Arbeitslosenquote von 26 Prozent ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen in Griechenland besonders hoch. Die Folge: Aktuell bekommen nur 15 von 100 Arbeitslosen Geld aus der Kasse der staatlichen Arbeitsverwaltung OAED. In absoluten Zahlen: Von den knapp 1,25 Millionen Arbeitslosen erhalten lediglich rund 186.000 Arbeitslosengeld.

Wer nach Ablauf von maximal zwölf Monaten aus der Arbeitslosenhilfe rausfällt, kann unter bestimmten Voraussetzungen für ein weiteres Jahr eine staatliche Zuwendung von 200 Euro im Monat bekommen. Danach ist aber unwiderruflich Schluss. Auch wenn in Griechenland traditionell die Familie das soziale Netz ersetzt, ist es oft nur ein kleiner Schritt von der Arbeitslosigkeit in die Armut und Obdachlosigkeit. Zwei von zehn erwachsenen Griechinnen und Griechen leben in Haushalten, in denen kein einziges Mitglied mehr ein Erwerbseinkommen hat.

Vom Wahlsieger zum Regierungschef

In Perama warb Syriza mit Plakaten an jeder Bushaltestelle: „Die Hoffnung kommt“, stand da in bunten Großbuchstaben. Darunter: „Griechenland geht voran, Europa verändert sich“. Syriza verkaufte sich als Heilsbringer: Der Mindestlohn werde steigen, die Kürzungen bei Renten rückgängig gemacht und Steuern gesenkt. Versprechen, die in diesen Orten, wo die die Arbeitslosenquote in manchen Stadtteilen bei 60 Prozent liegt, der letzte Strohhalm zu sein scheinen.

Seit diesem Monat läuft die Einführung eines garantierten Mindesteinkommens, zunächst als Pilotprojekt für sechs Monate in 13 ausgewählten Kommunen des Landes. Das Mindesteinkommen wird beispielsweise für einen Alleinstehenden auf 2400 Euro im Jahr, für eine Familie mit zwei minderjährigen Kindern auf 4800 Euro und für eine Familie mit vier minderjährigen Kindern auf 6000 Euro im Jahr festgesetzt. Wer weniger verdient, kann die Differenz als staatliche Zuwendung beantragen.

Für das Programm stehen in der Pilotphase 30 Millionen Euro für rund 30.000 Familien bereit. Die Regierung erwägt, diese Regelung ab 2016 landesweit einzuführen. „Dann könnten etwa 700.000 Menschen in den Genuss dieser Zuschüsse kommen“, hatte Noch-Ministerpräsident Antonis Samaras versprochen.

Gerd Höhler, Athen

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22 Kommentare zu "Grundsicherung in Europa und den USA: Hartz IV auf Griechisch"

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  • Sie sollte sich also entweder dafür einsetzen dass die Griechen auch so gut sozialabgesichert leben wie die Deutsche oder umgekehrt dass die Deutsche so schlecht sozialabgesichert leben wie die Griechen!

  • Wollte nicht unsere Bundeskanzlerin eine "Angleichtung der Sozialleistungen" innerhalb Europa?

  • Da würde mich aber ( auch als Beobachter ) sehr die Reaktion des Flughafenbetreibers interessieren wenn nach Ihrer "Idee" Morgen dort 100000 Menschen die Hallen bevölkern ( geschätzte Bedürftige in Frankfurt ! ) .

  • Also eine Hütte irgendwo in der Pampa zu bauen geht in Deutschland nicht. Ist auch nicht nötig. Gehe man einfach in den Frankfurter Flughafen und lasse sich dort in einem bequemen Stuhl nieder. Man darf dort 24 Stunden schlafen. In den großen Sanitäranlagen kann man sich erfrischen. Wichtig: einen durchschnittlich sauberen und gepflegten Eindruck machen. Ein Koffer oder mindestens eine Aktentasche ist von Vorteil.

  • Grundsicherung? Seit wann ist Kinderarbeit, wie die SPD es wollte und will eine Grundsicherung? Diese Leute müsseten eigentlich vor Gericht!

  • Was an der ganzen Griechenland-Debatte am allermeisten nervt, ist, dass trotz oft völlig unvereinbarer Positionen unter gegnerischen Politikern aus allen Lagern offenbar eine seltsame Einmütigkeit darüber herrscht, das ebenjene Politiker, die ihrem Volk das ganze Schlamassel eingebrockt haben selbstverständlich weiterhin als rechtmäßige Vertreter aller(!) Bürger ihres Landes anzusehen sind.
    ???!!
    Setzt hier irgendjemand ernsthaft auf Einsicht und wundersamen Sinneswandel?!
    Oder wie kommt man sonst auf die Idee, dass sich an der derzeitigen Situation irgend etwas zum Besseren wenden wird, wenn alle einfach so weitergemachen wie gewohnt (bzw. „wie immer schon“)?

    Diese kollektive (Selbst-)Verar…… ist für alle, die diesem Spektakel eher von außen zusehen „nur“ ein Ärgernis, für die Betroffenen – die „Normalbürger“ in Griechenland wie anderen Ländern mit ähnlich korrupten Regierungen - ist es eine Katastrophe.

    Es kann heute doch wohl nicht mehr sein, dass es immer noch weitgehend Glückssache ist, ob man gerade von Leuten regiert wird, die nicht nur so was wie Verantwortungsgefühl im Leib haben, sondern auch fähig sind, anstehende Probleme zu erkennen (und auch noch zu lösen)? Was erwarten die Leute eigentlich? Ist die Welt ein großer Kindergarten, in dem zwar ab und zu gemault, aber meist brav Anweisungen (der Politiker) befolgt werden?

    Höchste Zeit, unser altehrwürdiges Demokratiemodell gründlich zu überholen und dabei substanziell (durch Nutzung der IT zwecks Auswertung und -bereitung aller verfügbaren und validen Erkenntnisse die bei einer Entscheidung hineinspielen) als auch vom Ablauf her an unsere heutige viel komplexere Welt anzupassen!

    Das passiert aber nur, wenn sich genügend Leute finden, die sich Gedanken dazu machen, und das laut! Diese Aufgabe den Politikern zu überlassen wäre nämlich ungefähr das Gleiche wie dem Fuchs die Aufsicht über den Hühnerstall zu übertragen.

    Wir brauchen sind nicht mehr Protest-Demos, sondern konstruktive Ideen von jedermann

  • Armut fordert auch immer sozial Verwerfungen und letztendlich rakikale Wahlen

  • Der kleine grüne Türke wird jetzt gleich wieder mit markiger Stimmlage fordern, dass wir sofort alle Griechen mit unserem Harz4-System versorgen müssen.

  • Genau das ist das Problem. Arbeit lohnt sich nicht in Deutschland! Zumindest ehrliche Arbeit :-)

  • Es ist ja nicht so, das H4-Empfänger nur über die Grundsicherung alimentiert werden. Ermässigung/Kostenfreiheit für fast alles ÖPNV, Kulturangebote, Betreuungs/Gesundheitsvorsorgeangebote, GEZ, Tafeln etc. sodass sich ein weiterer geldwerter Vorteil von 150-200€/Monat ergibt, die ein Mensch, der sich seine Würde bewahrt und in einem prekariarem Arbeitsverhältnis knapp über der Grundsicherung lebt, nicht hat. Da wäre ja so mancher blöd, wenn er arbeiten würde

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