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Halbleiter Chinas milliardenschwere Aufholjagd in der Chipindustrie stößt an Grenzen

China investiert Milliarden in den Aufbau seiner Halbleiterindustrie – viele neue Unternehmen entstehen. Doch deren Erfolge sind bislang begrenzt.
20.06.2021 - 16:37 Uhr Kommentieren
Die Volksrepublik hat einen riesigen Bedarf an Halbleitern, kann allerdings nur einen Bruchteil dessen durch Unternehmen im eigenen Land decken. Quelle: ddp/Zhao Qirui / Costfoto/Sipa USA
Chip-Produktion in China

Die Volksrepublik hat einen riesigen Bedarf an Halbleitern, kann allerdings nur einen Bruchteil dessen durch Unternehmen im eigenen Land decken.

(Foto: ddp/Zhao Qirui / Costfoto/Sipa USA)

Peking, München Das chinesische Start-up Enflame hat einen Blitzaufstieg hingelegt. Erst im März 2018 gründeten die Ingenieure Zhao Lidong und Zhang Yalin die Firma, die Hochleistungschips für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz herstellt.

Schon wenige Monate später sammelten die Gründer Investments in Höhe von umgerechnet 44 Millionen Euro ein, 2019 nochmals eine ähnliche Summe. Anfang des Jahres kamen 235 Millionen dazu. Inzwischen ist die Firma laut Medienberichten so weit, ihren ersten hochleistungsfähigen Allzweckchip für KI in Massenproduktion herzustellen.

Enflame ist kein Einzelfall. Es sind goldene Zeiten für chinesische Halbleiterfirmen. Nach den US-Sanktionen, die chinesische Tech-Firmen von amerikanischen Chips abgeschnitten haben, hat Chinas Führung ihre Bemühungen weiter verstärkt, bei der Halbleiterproduktion unabhängiger vom Ausland zu werden.

Die Volksrepublik hat einen riesigen Bedarf an Halbleitern, kann allerdings nur einen Bruchteil dessen durch Unternehmen im eigenen Land decken. Im Jahr 2020 importierte China Chips für 350 Milliarden US-Dollar – mehr als der Wert des im selben Jahr importierten Rohöls, so die Zolldaten des Landes. Das soll sich ändern. China will mehr seines Bedarfs selbst decken.

Auf allen Ebenen hat die politische Führung die Förderung der Halbleiter noch einmal erhöht. Allein in den Provinzen belaufen sich die staatlichen Investitionen auf derzeit insgesamt rund 39 Milliarden Euro.

Boom in der Chipindustrie

Doch nicht nur die enorme Förderung auf staatlicher Ebene hilft der Industrie. Das Bekenntnis zur Halbleiterindustrie hat eine große Signalwirkung in einer Branche, bei der die Nachfrage immer weiter steigt. So schütten auch private Investoren hohe Summen aus. Im ersten Quartal 2021 erreichten die Investitionen von Venture-Capital-Firmen in Halbleiterunternehmen einen neuen Rekord. Laut Daten der US-Analysefirma Pitchbook investierten sie 2,64 Milliarden US-Dollar – 70 Prozent davon gingen an chinesische Unternehmen.

Einige der größten Wagniskapitalinvestoren haben Verbindungen zum chinesischen Staat, etwa die Shenzhen Capital Group oder CAS Investment Management. Aber auch chinesische Autohersteller wie Geely und BYD und Tech-Firmen wie der Smartphone-Produzent Xiaomi und der E-Commerce-Gigant Alibaba investieren Hunderte Millionen in die Branche.

17.500

Betriebe

mit dem Wort „Halbleiter“ im Namen, bei der Produktbeschreibung oder dem Geschäftsfeld hat China im ersten Halbjahr registriert.

Aufgrund der massiven Unterstützung gibt es in China viele neue Halbleiterfirmen. Bei der Unternehmensdatenbank Qichacha hatten sich bis Mitte des Jahres gut 17.500 neue Betriebe mit dem Wort „Halbleiter“ im Namen, bei der Produktbeschreibung oder dem Geschäftsfeld registriert. Im gesamten Jahr 2020 waren es knapp 21.500, im Jahr zuvor 9400. Und 32 Chipfirmen gingen 2020 laut Daten der Investmentfirma Winsoul Capital an den chinesischen A-Aktienmarkt, im Jahr 2019 waren es noch 18.

Trotz des Erfolgs: Gegenüber ausländischen Medien gibt sich die Branche äußerst verschlossen. Das Handelsblatt kontaktierte 32 chinesische Firmen der Halbleiterindustrie, um mehr darüber zu erfahren, wie sie ihre Technologie weiterentwickeln wollen und wie der chinesische Staat ihnen dabei hilft. Kein einziges wollte sich äußern.

Chipexperten sind kritisch

Experten sehen den Boom in der chinesischen Halbleiterbranche durchaus kritisch. Er führe zu einer riesigen Fehlallokation, warnen sie. Erst im März machte der Fall der Halbleiterfirma Hongxin in der chinesischen Metropole Wuhan Schlagzeilen. Das Unternehmen war mit vollmundigen Versprechen gestartet und hatte Millionen an staatlicher Unterstützung kassiert. Doch Anfang des Jahres tauchten die Gründer unter und hinterließen laut Medien einen Schuldenberg von mehreren Milliarden Dollar. Es war nicht die einzige Firma, die pleiteging.

„Natürlich ist es gut, wenn in den Bereich Geld fließt“, sagt Gu Wenjun, Chefanalyst bei der auf Halbleiter spezialisierten Unternehmensberatung IC Wise aus Schanghai. Aber die Effektivität der Investitionen sei relativ niedrig. Insbesondere bei den staatlichen Geldern habe es viel Verschwendung gegeben.

„Der starke Anstieg der Produktionskapazitäten in China ist in allererster Linie auf ausländische Direktinvestitionen zurückzuführen.“ Branchenverband ZVEI

Bereits in seiner „Made in China 2025“-Strategie im Jahr 2015 hatte Peking das Ziel ausgegeben, bis zum Jahr 2025 bei „Schlüsselmaterialien“ autark zu sein, darunter fällt auch die Chipindustrie. 70 Prozent des Halbleiterbedarfs wollte China bis 2025 durch heimische Hersteller decken – dabei ließ das Land offen, ob damit auch ausländische Hersteller mit einer Produktion innerhalb Chinas gemeint sind.

Doch die großen Ziele wird China laut Experten so oder so nicht erreichen: Derzeit stammen nach Angaben des Branchendiensts IC Insights nicht einmal sechs Prozent aller im Land genutzten Chips von chinesischen Unternehmen. Und selbst wenn man ausländische Firmen mit einer Produktion innerhalb der Volksrepublik dazunimmt, sind es nur 16 Prozent.

Zwar sind in China viele neue Werke entstanden. Aber: „Der starke Anstieg der Produktionskapazitäten in China ist in allererster Linie auf ausländische Direktinvestitionen zurückzuführen“, heißt es in einer aktuellen Studie des deutschen Branchenverbands ZVEI. Die Produktionszuwächse in dem Land gehen also vor allem auf das Konto von nicht chinesischen Firmen.

Erste Fortschritte

Dennoch hat es in den vergangenen Jahren auch große Fortschritte bei chinesischen Halbleiterfirmen gegeben. So zählt etwa Hisilicon, eine Tochterfirma von Huawei, mittlerweile zu den besten zehn Unternehmen beim Chipdesign. Wie das chinesische Wirtschaftsmagazin „Caixin“ erfuhr, will Huawei sein Chipgeschäft über das Design hinaus erweitern und eigene Fertigungskapazitäten aufbauen.

Eine der wichtigsten chinesischen Firmen in der Halbleiterbranche ist Semiconductor Manufacturing International (SMIC). Der chinesische Staat fördert das Unternehmen seit Jahren. Laut Medienberichten baut es derzeit eine neue Fabrik für 2,35 Milliarden Euro, finanziert mit Geld von der südchinesischen Stadt Shenzhen.

SMIC bezeichnet sich selbst als „die am weitesten fortgeschrittene Halbleiterfabrik Festlandchinas“ und kann 14- und 28-Nanometer-Chips herstellen. Das Maß aller Dinge in der Branche ist die Zahl der Transistoren auf einem Chip: je kleiner, desto besser und desto mehr Transistoren passen auf die gleiche Fläche. Auf den derzeit modernsten Chips finden fünf Nanometer große Transistoren Platz. Ein Nanometer entspricht dem millionsten Teil eines Zentimeters. Kleinere Transistoren verbrauchen weniger Strom, rechnen schneller und ermöglichen kleinere Chipgrößen.

Allerdings sind solche hochgezüchteten Chips für viele Anwendungen gar nicht nötig. Kernbranchen der Industrie wie die Autobauer benötigen eher wenige dieser Bauelemente. Vielmehr sind dort Chips mit 20 bis 45 Nanometern gefragt.

Zu wenig Fachkräfte

Ausgerechnet der Boom bei den Unternehmensgründungen könnte jedoch dazu führen, dass weniger Fortschritte in der Industrie erzielt werden. Denn es gibt zu wenig Fachkräfte für die ganzen Firmen. „Es fehlt eindeutig an Talenten“, sagt Halbleiterexperte Gu. China stehe bei der absoluten Anzahl der Experten zwar besser da als Südkorea oder Japan. Doch das Problem sei, dass sich die Fachkräfte auf zu viele Unternehmen verteilen statt auf wenige Topfirmen, so Gu. „Wenn es 30.000 Talente gibt, aber 10.000 Unternehmen, dann bekommt jedes Unternehmen nicht viele Leute.“

„Wenn es 30.000 Talente gibt, aber 10.000 Unternehmen, dann bekommt jedes Unternehmen nicht viele Leute.“ Halbleiterexperte Gu Wenjun

Viele der Fachkräfte, die heute in chinesischen Halbleiterfirmen arbeiten, haben ihre Fähigkeiten bei ausländischen Firmen erworben. Auch die Enflame-Gründer Zhao und Zhang können auf 20 Jahre Erfahrung in internationalen Konzernen zurückblicken. So hätten sie die Fähigkeit zur Massenproduktion und Produktivität erworben, sagte Zhang in einem Interview.

Bislang haben chinesische Firmen viele ihrer Fachkräfte aus Taiwan abgeworben. Doch die taiwanesische Regierung entschloss sich jüngst, die Abwerbung von Fachkräften durch chinesische Firmen gezielt zu verhindern. Um den Bedarf an versiertem Personal zu decken, leitet China daher mehr Geld in eigene Ausbildungsprogramme für Experten in dem Feld.

Die renommierte Tsinghua-Universität in Peking gründete im vergangenen Frühjahr eine Halbleiterschule. Im Oktober eröffnete in Nanjing die laut Medienberichten erste Halbleiteruniversität Chinas.

Nicht völlig autark vom Ausland

China hat seine Forschungskraft bei Halbleitern in den vergangenen zehn Jahren wesentlich ausgebaut, lautet das Urteil des Berliner Thinktanks „Neue Verantwortung“, der die wissenschaftlichen Beiträge auf den drei führenden Halbleiterkonferenzen der vergangenen 25 Jahre ausgewertet hat.

Doch trotz aller Bemühungen: Experten bezweifeln, dass es der Volksrepublik gelingen wird, bei der Halbleiterentwicklung und -produktion völlig autark vom Ausland zu werden. „Die Produktion von Halbleitern ist zu komplex, als dass eine einzelne Volkswirtschaft eine vollständig integrierte und autarke Lieferkette aufbauen könnte“, heißt es in einer aktuellen Analyse der französischen Investmentbank Natixis.

Allerdings könnte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt in einigen Bereichen zumindest so unabhängig werden, dass die heftigsten Auswirkungen von Sanktionen ausbleiben könnten. „Es scheint, dass China in der Lage sein wird, mindestens 30 Prozent seines Halbleiterbedarfs innerhalb von 30 Monaten zu decken“, sagt Christopher Taylor, Direktor bei der US-Beratungsfirma Strategy Analytics und Autor eines Reports über Chinas Halbleiterindustrie.

Dieser Grad der Selbstversorgung werde als Minimum gesehen, das notwendig ist, um Unterbrechungen der Importversorgung abzufangen, so der Experte.

Mehr: Warum Halbleiter-Experten eine Mega-Chipfabrik der neuesten Generation in Europa ablehnen

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