Handelsbeziehungen Wie Amerika an China seinen Frust auslässt

Auf der Suche nach einem Schuldigen für die anhaltende Wirtschaftsmisere im Land hat Amerika ein altes Feindbild wiederentdeckt: den roten Drachen aus dem Reich der Mitte. Die platten Vorwürfe der Hardliner nehmen zu – die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern drohen in eine immer größere Krise zu rutschen.
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Drachenfahne vor der chinesischen Mauer: Das Reich der Mitte ist mächtig geworden. Quelle: Reuters

Drachenfahne vor der chinesischen Mauer: Das Reich der Mitte ist mächtig geworden.

(Foto: Reuters)

NEW YORK/WASHINGTON. Leo Gerards Anklage hat 5 600 Seiten. Sie beschreibt bis ins Detail, wie China seine heimischen Firmen subventioniert, Exporte zu künstlich niedrigen Preisen fördert und damit die Verpflichtungen der Welthandelsorganisation WTO verletzt. Gerard ist Präsident der einflussreichen US-Gewerkschaft United Steelworkers, die ihre Mitglieder aus der Stahlindustrie, aber auch aus benachbarten Branchen wie der Energie- und Forstwirtschaft rekrutiert: „Come on, America”, ruft der Arbeiterführer seinen Kumpeln zu: „Zeigt Pioniergeist und steht auf! Erklärt China, dass Amerika sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt!” Hinter Gerards Protest stehen mehr als 700 000 Arbeiter – das letzte Aufgebot, das in einem Industrieland a. D. noch in Lohn und Brot steht.

Auf der Suche nach einem Schuldigen für die anhaltende Wirtschaftsmisere im Land hat Amerika ein altes Feindbild wiederentdeckt: den roten Drachen aus dem Reich der Mitte. Die Kritik an Europas Sparkurs, noch vor Wochen als Weltkonjunkturkiller Nummer eins gebrandmarkt, ist plötzlich kein Thema mehr. Allein die Chinesen sollen es nun sein, die mit unfairen Mitteln die Supermacht Amerika aus der Spur bringen.

Seit der schweren Rezession sind etwa 30 Millionen Menschen auf Jobsuche in den USA, und ihre Aussichten sind trotz Konjunkturerholung unverändert trüb. Die Massenarbeitslosigkeit entwickelt sich zum überragenden Problem, auch weil Amerika seine industrielle Basis weitgehend aufgegeben hat. Millionen von Jobs in der verarbeitenden Industrie, vor allem in klassischen Bereichen wie Textil, Kunststoff oder Stahl, sind längst verloren. 2010 weitet sich der Exodus auf neue Technologien aus: Der Weltkonzern BP hat im laufenden Jahr die US-Produktion von Solarplatten in Maryland aufgegeben, genau wie die Firma Evergreen Solar in Massachusetts. Beide Firmen wollen künftig in China produzieren.

China, immer wieder China: Die Anklage der Stahlarbeiter kann US-Präsident Barack Obama nicht außer Acht lassen – schon gar nicht vor den anstehenden Kongresswahlen im November. Der internationale Handel sei keine Einbahnstraße, warnte Obama zu Wochenbeginn: „Sie können nicht einfach bei uns verkaufen, während wir bei ihnen nichts verkaufen dürfen“, moserte der US-Präsident Richtung Peking. Heute wird Obama in New York auf Chinas Premierminister Wen Jiabao treffen – zu Gesprächen, bei denen die Welt ganz genau hinhört. Exportnationen wie Deutschland blicken mit Sorge darauf, wie die Handelsbeziehungen zwischen den beiden weltgrößten Volkswirtschaften in eine immer tiefere Krise rutschen. Vergebens suchen die USA und China nach einem Weg, die massiven Ungleichgewichte im globalen Wettbewerb zu beseitigen: Hier die Amerikaner, die ein immer höheres Außenhandelsdefizit anhäufen und vor lauter Schulden kaum mehr laufen können. Dort die Chinesen, die auf Devisenreserven in Billionenhöhe sitzen und die US-Märkte schier unaufhaltsam mit Billig-Importen fluten.

„Viele Leute wachen auf einmal auf und erkennen, dass China viel mächtiger geworden ist, als sie bislang geglaubt haben“, sagt Gene Ma, der für die US-Analysefirma ISI Group die Entwicklung in Fernost verfolgt. Das Riesenreich wächst nach der Krise derart schnell zum Taktgeber der Weltwirtschaft heran, dass selbst kühne Optimisten staunen: Chinas boomender Automarkt ist inzwischen größer als der nordamerikanische. In Windeseile hat Peking Weltmarktführer in zentralen Bereichen der Umwelttechnik geschmiedet und nebenbei mit der Agricultural Bank of China den größten Börsengang der Welt gestemmt. Auch an der Wall Street reden die Chinesen bereits ein Wörtchen mit. Ohne Ankerinvestoren aus Fernost (bald womöglich bei den gestützten US-Staatskonzernen AIG und General Motors) wollen viele große Transaktionen nicht mehr klappen – alles Sachen, die noch vor drei Jahren undenkbar waren für „The Greatest Nation on Earth“.

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13 Kommentare zu "Handelsbeziehungen: Wie Amerika an China seinen Frust auslässt"

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  • Tolle Geschäftsbeziehung, erst leihe ich mir 1000 Milliarden US Dollar von China
    und dann pöbele ich Sie an, wenn sie nicht auf mindestens 500 Milliarden US Dollar an Forderung verzichten.
    Super Konzept, muss ich auch machen.

  • Die USA haben sich mit dem kurzfristigen Shareholder Value selbst ruiniert. Die Konzerne sitzen auf riesigen beträgen an geld, der rest des Landes versinkt im Schuldenirrsinn. so sieht er eben aus, der Endzustand von shareholder Value. Die geldbesitzer und investmentbanker leben wie die Maden im speck, der große rest sieht dem bankrott entgegen. Natürlich ist jetzt nicht Shareholder Value schuld am Unheil, die Chinesen sind es jetzt. Die Reichen haben schon die Propaganda entsprechend laufenlassen, das läuft selbstredend wie geschmiert. wobei die chinesen mit ihrem ebenfalls geliehenen Aufschwung wegen ihrer unfairen Währungsmanipulation keinen Deut besser sind.

  • ich denke die Amerikaner können da rumschreien was sie wollen. Die Chinesen haben doch vorzüglich von Amerika gelernt und jetzt beschwert sich der Lehrmeister des Kapitalismus?

    Die USA führen an anderer Stelle unsaubere Kriege, die Chinesen halt in diesem Sektor. Die USA sind zurecht besorgt, denn die Chinesen haben irgendwann das Land im Sack, sie sind ja schon der größte Gläubiger der USA. Was liegt da näher, als bei einer Zahlungsunfähigkeit sich Grund und boden per Titel zu holen … auch hier werden die Chinesen sicherlich schon gelernt haben, was vielen Amerikanern seitens ihrer banken seit Jahren widerfährt … raus aus dem Haus und gegenüber in ein Zelt einziehen.

    Einen etwas überspitzten beitrag in diese Richtung kann man unter dem Titel „China übernimmt USA“ an dieser Stelle finden:

    http://qpress.de/2010/09/17/china-ubernimmt-usa/

  • Chinas Wirtschaft steht eine radikale Veränderung bevor, der binnenmarkt muss endlich gestärkt werden. Aber die Umstellung von Export auf binnenmarkt bedeutet schwächeres Wachstum für einige Jahre und das kann sich Chinas Führung nicht leisten. Wie Chinas Führung selbst gesagt hat, braucht China mindestens 8% Wachstum.

    Daher steht Chinas Wirtschaft auch auf sehr wackligen beinen und es nicht die Frage ob sondern wann und wie schnell sich das Wachstum abkühlt. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise kann der Export nicht mehr gesteigert wie vor der Krise, weil die wichtigsten Absatzmärkte (EU,USA und Japan) weniger konsumieren. Um die hohen Wachstumsraten aufrecht zu erhalten, wurden massiv Kredite vergeben (2009: $1,4 billionen, 2010: $700 Milliarden) die meist für langfristige Kapital investitionen genutzt wurden. inzwischen basieren 60%! der chinesischen Wirtschaft auf langfristige Kapitalinvestitionen, insbesondere der bauwirtschaft. Der investment-boom in China hält schon 12 Jahre an und ist etwa doppelt so hoch wie in Deutschland in den 50er Jahren, wie in Japan in den 60er Jahren und wie in Korea in den 80er Jahren. in derartigen boomphasen wird es zunehmend schwieriger die Effizienz von investitionen aufrecht zu erhalten.

    Der private Konsum ist zwar angestiegen aber als Anteil am biP hat er sich noch weiter verringert. Von 35% in 2008 auf ca. 31% in 2010.

    Sicher wurden Gegenmaßnahmen eingeleitet gegen die immobilienblase aber das hatte nur geringen Erfolg. Somit rast China mit Volldampf in einen Crash bzw. deutliche Schwächephase der Wirtschaft, denn hohen Kapitalinvestitionen lassen sich nicht aufrecht erhalten. Es wird Jahre dauern bis Chinas Wirtschaft sich davon erholt und Wachstumsraten von ca 3% bis 4% oder weniger dürften ein großes Problem für Führung Chinas werden.

    Mehr dazu:
    Hervorragender Vortrag über die chinesische Wirtschaft von Ökonom Jim Chanos:
    http://dailybail.com/home/jim-chanos-brilliant-lecture-on-the-china-bubble-video.html

    Sehr guter blog von Ökonom Michael Pettis:
    http://seekingalpha.com/author/michael-pettis/articles

  • its not over until its over!

    Es ist nicht vorbei, bis es ist vorbei!!!!!

  • Man muß es so sehen, wir hatten jetzt einige Jahre Wohlstand (auch zum Teil auf Kosten anderer) und jetzt sind halt mal andre dran mit dem Wohlstand, ist ja irgendwo am Ende des Tages auch gerecht so!

    Und im Grunde brauchen wir uns doch garnicht beschweren, wir entscheiden doch mit wie groß und mächtig die Chinesen werden, da wir ja so stark auf billig stehen, jede Neuerung immer haben müssen (Wegwerfgesellschaft) und uns im Grunde doch egal ist wie die Waren aus China produziert werden, wir kaufen sie doch trotzdem!

    Wir sind doch diejenigen die entscheiden daß in China produziert wird, da wir ja Preise welche eine Produktion in Deutschland kostet nicht zahlen wollen/können!

    Und bei den Amis schauts halt momentan noch viel schlimmer aus, aber halt auch selber schuld!!!

    War ja in Rom auch so, irgendwann ist man fett und faul und dann wirds halt Zeit abzuspecken! :-)

    Finde die Gewerkschaften beschleunigen das Ganze noch mit ihren Lohnsteigerungen, Jobgarantien, etc.! ich glaube ohne Gewerkschaften würde es vermutlich auch nicht so eine Verbreitung von Zeitarbeitsfirmen geben, denn die Zeitarbeiter dürfen für die Sicherheiten der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer bluten, interessiert aber die Gewerkschaften auch net!!! ;-)

  • Die Geschichte zeigt, dass kein imperium immer während ist.

    Amerikas Zeit ist zu Ende.

  • @Siggi40
    ich gebe dir absolut Recht, wegen China und ausbeuterischer Arbeit. Aber schau, wenn der Wohlstand kommt, wollen alle etwas davon haben und die Menschen werden mehr verdienen. So lief es bei uns in Europa nämlich in der industriellen Revolution genau so ab.

  • Statt ausschließlicher Schuldsuche bei Dritten müssen die Amerikaner die Ursachen für den wachsenden Rückstand in Produktivität und innovation analysieren. Sind die USA mental noch die Fortschrittspioniere des 19. und 20. Jahrhunderts? Vermutlich Ja. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums (incl. Vasallenstaaten) verblieben USA als alleinige Großmacht. Fortan haben sie allein überproportionale Rüstungskosten geschultert, ohne zu beachten, dass sich der Ostblock totgerüstet hatte. Ex-Außenminister Kissinger hat in der vergangenen Woche eine überaus beachtliche außenpolitische Vorstellung entwickelt. Er empfielt die nutzbringende Einordnung in eine multipolare Welt. Falls diese bahnbrechende Vorstellung Gehör findet, könnten künftig umfangreiche Ressourcen für die Modernisierung der Exportindustrie und der infrastruktur zur Verfügung stehen. Das muß gelingen, denn USA bleiben für die anderen Handelsnationen nur interessant, wenn sie wirtschaftlich stark bleiben. Wirtschaftliche Stärke definiert sich in der Fähigkeit, Leistungen und Gegenleistungen auf hohem Niveau austauschen zu können. Den Chinesen und weiteren aufstrebenden Nationen in Südostasien gelingen seit Jahren zweistellige Zuwachsraten; wir sollten deren Erfolge studieren, statt auf den Erfolgen unserer Väter, Großväter und Urgroßväter zu ruhen. Ungeachtet dessen erweist sich nun, dass Wirtschaftspolitik, die die Angebotsseite (Europa) stärkt, zu besseren Resultaten führt, als das strohfeuerartige Anheizen der Nachfrage mittels Geldpresse.

  • Ganz Unrecht haben die Amis nicht. Chinas Wirtschaft kämpft mit unfairen Mitteln, z.b. mit Kinderarbeit, Hungerlöhnen und ohne jeglichen Umweltschutz. Solche Standards gab es vor 200 Jahren in Europa, am beginn der industriellen Revolution. Ein Heer von Wanderarbeitern strömt von den entlegensten Provinzen in die Städte und werden unter barbarischen bedingungen geknechtet.
    Zusätzliche Produktionsvorteile bringt die betriebsspionage und Plagiatindustrie. Man erspart sich den Umweg über Forschung und Entwicklung und produziert auf Maschinen Made in Germany unter bedingungen, die wir uns in Europa nicht mehr vorstellen können.
    China wurde mit solchen Produktionsmethoden zum uneingeschränkten Weltmarktführer. Eine Gefahr für alle Staaten, die sich Zivilisationsstandards geschaffen haben.
    Wir in D haben das Glück, dass wir die besten Autos der Welt bauen und durch kein Plagiat ersetzt werden können. Doch China arbeitet bereits daran, auch diesen Markt zu übernehmen und sogar exportieren. Aber bis dahin braucht es uns noch.
    China hortet Unmengen an Rohstoffen, eine geniale Strategie. Die Amis müssen mehr und mehr mit Rohstoffen bezahlen, anstatt mit wertlosen Papierschnipseln. Als vor einem Jahr die Rohstoffnachfrage explodierte waren sich alle Ökonomen darin einig, dass es sich um den weltweiten Aufschwung handeln würde. Na ja, falsch gedacht.
    China sichert sich in weiser Voraussicht jetzt schon weltweit Energieressourcen. Das passiert alles im Hintergrund. Auch so eine geniale Strategie.
    Und China ist nicht mal auf den Export angewiesen. Eine Milliarde Menschen, ein Drittel davon ohne Elektrizität, das reicht für einen Aufschwung, der mindestens 50 Jahre anhält. Die westlichen industrienationen haben genau das gegenteilige Problem. Jeder hat schon einen TV, ein Radio, einen Kühlschrank usw. , der Markt ist gesättigt und durch die demografische Entwicklung zusätzlich belastet. Massive Sozialausgaben bei gleichzeitigem wegbrechendem Konsum. So haben sich die Wirtschaftsexperten die Globalisierung bestimmt nicht vorgestellt. Aber ohne gleiche Produktionsstandards geht das Experiment Globalisierung mächtig in die Hose.

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