Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Handelsblatt Club-Gespräch Warum China vom Rest der Welt so oft missverstanden wird

Im Handelsblatt-Wirtschaftsclub sprechen Experten über die Supermacht China. Ihr Urteil: Die Chinesen werden von dem Rest der Welt nicht verstanden.
8 Kommentare
Guangyan Yin-Baron (Mitte) und Stefan Baron (rechts) haben ein Buch geschrieben, in dem sie die Seele der Chinesen zu ergründen versuchen. Quelle: Tim Frankenheim für Handelsblatt
Wirtschaftsclub

Guangyan Yin-Baron (Mitte) und Stefan Baron (rechts) haben ein Buch geschrieben, in dem sie die Seele der Chinesen zu ergründen versuchen.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

Düsseldorf Wer China verstehen will, der muss Guangyan Yin-Baron zuhören. Die längste Zeit ihres Lebens hat die Unternehmensberaterin in der Volksrepublik verbracht. Und auch in den 24 Jahren, die die 51-Jährige in Deutschland lebt, ist China immer ihre Heimat geblieben. „Was sind die chinesischen Tugenden, die das Land so stark und teilweise besser machen als andere Schwellenländer?“, fragt Chefredakteur Sven Afhüppe zu Beginn des Handelsblatt Club-Gesprächs „Die chinesische Herausforderung“.

Yin-Baron zögert. Die Antwort ist ihr sichtlich unangenehm. Ihr Ehemann Stefan Baron eilt ihr zur Hilfe. „Die Chinesen kritisieren andere Leute ungerne. Und noch weniger mögen sie sagen, was an anderen Menschen schlechter ist als an ihnen selbst“, sagt der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Guangyan und Stefan Baron haben ein Buch geschrieben, in dem sie die Seele der Chinesen zu ergründen versuchen. „Die Chinesen: Psychogramm einer Weltmacht“, heißt es.

Ein Psychogramm zu schreiben, ist stets ein schwieriges Unterfangen. Ein Psychogramm einer ganzen Nation von 1,4 Milliarden Menschen zu erstellen, scheint schier unmöglich. Doch dem Ehepaar Baron gelingt es auf mehr als 400 Seiten. Im Handelsblatt Wirtschaftsclub in Düsseldorf teilen sie ihr Wissen mit den 150 anwesenden Lesern.

„Ich bin immer wieder fasziniert von meinen Landsleuten. Sie sind unfassbar anpassungsfähig und außerordentlich fleißig“, erklärt Yin-Baron. Der Grund: der Wunsch nach Aufstieg. Wenn ein Kind schlechte Noten schreibe, sei es eine Schande für die ganze Familie.

Die Familie habe im konfuzianisch geprägten China eine besondere Stellung. In den abendländlich-christlichen Kulturen stehe dagegen das Individuum im Mittelpunkt. Zudem blieben Chinesen gerne unter sich. Die Offenheit der Deutschen sei ihr fremd gewesen, als sie Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland gekommen sei.  

Es wird schnell klar: Die Chinesen lassen sich schwer mit anderen Völkern vergleichen. Das chinesische Volk sei den Europäern nicht wirklich ähnlich, deswegen sei es so schwer, die Kultur zu verstehen, sagt Yi-Baron. Stefan Baron findet, man könne die Chinesen in Europa am ehesten mit den Italienern vergleichen, denn „die können auch mal Fünfe gerade sein lassen.“

Dafür seien die Deutschen zu theoretisch. „Italiener und Chinesen verfügen eher über eine praktische Vernunft“, erklärt Baron. „In Deutschland ist alles sehr detailliert – auch das Kochen. Für alles gibt es Gebrauchsanweisungen“, erklärt Yi-Baron. Die beiden sind sich einig: „In Europa sind die Chinesen den theoretischen Deutschen am fremdesten.“

Heute ist Deutschland Yi-Baron nicht mehr fremd. Sie liebt die Freiheit, schätzt die Gemütlichkeit, aber würde gerne das Image Chinas in Deutschland verbessern. „Das autoritäre System Chinas verstehen die Deutschen nicht und dadurch entsteht das schlechte Image.“ Ihr Mann führt historische Gründe an.

Das deutsch-chinesische Autorenpaar warnt, das Fortschrittstempo Chinas zu unterschätzen: „Wenn wir in Deutschland und Europa in dem Tempo wie bisher Reformen anpacken, bekommen wir ernsthafte Probleme“, sagt Baron. Seine Frau erzählt, dass der „langsame Fortschritt in Deutschland“ in China ein großes Thema sei.

In ihrem gemeinsamen Buch findet sich eine sehr klare Weisheit für die chinesische Wirtschaft. Sie lautet: „Wenn sie das Geschäft nicht macht, tun es andere.“ Und China ist groß im Geschäft. Selbst die protektionistische Politik von US-Präsident Donald Trump kann China derzeit nichts anhaben. „Der Handel mit den USA macht ungefähr fünf Prozent von Chinas Bruttosozialprodukt aus. Das wird sie nicht umwerfen. Selbst wenn die Amerikaner den ganzen Handel mit Zöllen belegen würden“, prophezeit Baron.

Und auch das unterscheidet die Deutschen von den Chinesen: Es gebe weniger Neid in der Volksrepublik. Angesprochen auf die soziale Ungleichheit in China, erklärt Baron: „Reichwerden in China ist glorreich.“ Seine Frau pflichtet ihm bei: Die Anhäufung von Reichtum sei kein großes Thema, solange jeder die Chance dazu habe. Vielleicht ist China deswegen so erfolgreich.

Dafür leiden die Chinesen unter dem autoritären System. Yi-Baron nennt die unbegrenzte Amtszeit von Staatsoberhaupt Xi Jinping bedenklich. Ihr Ehemann widerspricht ihr, er findet die Aufhebung der begrenzten Amtszeit „transparent“. Bei dieser letzten Frage werden sich die beiden nicht mehr einig.

Nach dem Interview beginnt eine rege Diskussion mit den Zuschauern – über die geopolitischen Ambitionen Chinas, den Rohstoffhunger der Volksrepublik und die Auswirkungen des gigantischen Infrastrukturprojekts „Neue Seidenstraße“. Nach mehr als eineinhalb Stunden Gespräch beendet Handelsblatt-Chefredakteur Afhüppe die Diskussion mit dem Hinweis, dass China nicht an einem Abend zu erklären sei und Europa die Herausforderung China ernster nehmen müsse.

Startseite

Mehr zu: Handelsblatt Club-Gespräch - Warum China vom Rest der Welt so oft missverstanden wird

8 Kommentare zu "Handelsblatt Club-Gespräch: Warum China vom Rest der Welt so oft missverstanden wird"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • „Die Chinesen kritisieren andere Leute ungerne. Und noch weniger mögen sie sagen, was an anderen Menschen schlechter ist als an ihnen selbst“ / "Und auch das unterscheidet die Deutschen von den Chinesen: Es gebe weniger Neid in der Volksrepublik. "

    Gleich zwei äußerst sympathische Züge unter vielen anderen Vorzügen der Chinesen (von denen - Vorzüge meine ich - übrigens JEDE Nation gleichermaßen ihre ganz eigenen hat).

    "Dafür leiden die Chinesen unter dem autoritären System."

    Nochmal zur Erinnerung:

    Die KP repräsentiert die Chinesen ebensowenig wie Putin die Russen oder Trump die USA oder Assad Syrien oder Kim Jong-un die Koreaner oder Al-Sisi die Ägypter (oder, oder, oder ...).

  • Auf der Veranstaltung wurde auch darüber gesprochen, dass China - mit sehr gut ausgebildeten Beamten und Politikern - eine strategische Industriepolitik verfolgt. Man sichert sich z.B. durch Infrastrukturinvestitionen in Afrika Zugang zu Rohstoffen. Auch wird oft bei Unternehmensübernahmen im Ausland staatliche Einflussnahme vermutet.

    Es wurde festgestellt, dass Deutschland und Europa diesbezüglich keine ausformulierte Strategie haben.

    Wann wird das HB den Entwurf einer solchen veröffentlichen? Sie hätten beim nächsten HB-Forum zu diesem Theme bestimmt zahlreiche interessierte Teilnehmer.

  • Da gibt es nichts fasch zu verstehen, die Chinesen nutzen ihre Chancen und der Westen gibt aus irgend einem Grund seit Jahren das verblödete Opfer.

  • Das einzige Mißverständnis bezüglich China ist die Annahme, daß China sich an die Spielregeln des freien globalisierten Marktes halten wird und dort fair gegenüber seinen Geschäftspartnern agieren wird.

  • - Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens zusammengeschossen oder ins Gefängnis geworfen
    - Regimekritiker verhaftet und lebensrettende medizinische Behandlubg verweigert
    - Vollständige Überwachung von Internet und allen Sozialen Netzwerken
    - Verbot von regimekritischer Literatur. Verbot von „Farm der Tiere“ von George Orwell
    - Unterstützung von Diktaturen, wie N Korea
    - Besetzung von Tibet, Zerstörung der tibetischen Klöster, Internierung, Folter und Ermordung von budhistischen Mönchen
    - Finanzierung von Maoistischen Terroristen in Indien und anderen asiatischen Ländern

    Hey, ich glaube da gibt es nichts misszuverstehen.

  • War es Prozellan oder Porzellan, das mitunter leichtfertig im Umgang mit China und Chinesen zerschlagen werden soll hier im "freien" Westen?

  • Herr Löwenstein beschreibt, vlt ohne es zu wissen, recht treffend ein Problem: Know How zu exportieren, um sich hernach darüber zu wundern.

    Meissner Prozellan war btw eine technologische Kopie eines chinesisch gefundenen Konzepts.

  • China wird überhaupt nicht missverstanden, zumindest von Menschen, die das nüchtern ohne Quartalsgier betrachten.

    „Ich bin immer wieder fasziniert von meinen Landsleuten. Sie sind unfassbar anpassungsfähig und außerordentlich fleißig“,
    --> steht wohl für das Übernehmen und von Know How und das Steheln von geistigem Eigentum.

    "Das deutsch-chinesische Autorenpaar warnt, das Fortschrittstempo Chinas zu unterschätzen"
    Interessant wird es, wenn China mal ausnahmsweise kein Know How irgendwo anders kaufen oder stehlen kann, wie schnell die Fortschrittsgeschwindigkeit dann sein wird.
    Sicher noch höher als in Europa, denn das autoritäre System schafft alle Kritiker aus dem Weg und dem Fortkommen wird alles geopfert, auch die Freiheit. Aber nicht mehr ganz so hoch wie heute, da China noch einiges aufholen muss.

Serviceangebote