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Handelskompromiss „Ich danke Dir dafür, Jean-Claude“ – So zähmte Juncker den US-Präsidenten

Der Deal mit Trump ist Junckers größter Erfolg. Ihm gelang, woran Merkel und Macron scheiterten: eine persönliche Ebene mit US-Präsident Trump zu finden.
3 Kommentare
Der EU-Kommissionspräsident hat die europäischen Regierungschefs überrascht. Quelle: AFP
Jean-Claude Juncker

Der EU-Kommissionspräsident hat die europäischen Regierungschefs überrascht.

(Foto: AFP)

BrüsselDer mächtigste Mann der Welt ist bekannt für seine verbalen Rüpeleien. Um so mehr fällt auf, mit welch ausgesuchter Höflichkeit Donald Trump den Präsidenten der EU-Kommission am Mittwochabend im Weißen Haus begrüßte. „Es ist eine große Ehre für mich, Jean-Claude Juncker hier zu haben“, sagte Trump. „Er ist ein sehr kluger und ein sehr harter Mann, und er vertritt sein Volk und seine Länder gut.“ Das sind Sätze, die der EU-Kommissionspräsident zu Hause niemals zu hören bekommen würde.

Traditionell begegnen die Regierungschefs der EU-Staaten dem Chef der Brüsseler EU-Behörde mit einer gewissen Herablassung. Die Kanzler, Premierminister und Präsidenten an der Spitze der 28 EU-Staaten betrachten sich selbst als gewählte Repräsentanten ihrer Völker. Im Kommissionspräsidenten sehen sie lediglich ihren Brüsseler Statthalter, ein König ohne Reich von ihren Gnaden.

Das war schon immer so – und mit Jean-Claude Juncker wurde es nicht besser. Im Gegenteil: Da der 63-Jährige unter massiven gesundheitlichen Problemen leidet, haftete ihm der Nimbus des politischen Schwächlings an.

Wie schlecht es Juncker geht, wurde beim Nato-Gipfel für ein Millionen-Publikum sichtbar. Beim traditionellen Gruppenfoto schwankte Juncker und konnte anschließend kaum noch laufen. Mehrere Regierungschefs mussten ihn minutenlang stützen – und das alles bei laufender Kamera.

Die Bilder weckten nicht zum ersten Mal Zweifel, ob der Luxemburger seinem Brüsseler Amt noch gewachsen ist. Kritiker warfen Juncker Führungsschwäche vor, und Rücktrittsforderungen wurden laut – nicht zum ersten Mal.

Junckers Besuch in Washington sahen die Europäer denn auch mit keinen großen Erwartungen entgegen. Dass der Chef der Weltmacht dem Mann aus dem winzigen Luxemburg auf Augenhöhe begegnen würde, hat vermutlich kein Regierungschef in Europa erwartet. Wenn die Chefs der großen EU-Staaten Juncker nicht ernst nehmen, wieso sollte es dann der Chef der wichtigsten Großmacht tun?

Doch wer von sich selbst auf andere schließt, kann gewaltig danebenliegen. Nun ist das Erstaunen so groß, dass es manchen Chefs vorübergehend die Sprache verschlug. Von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron war am Donnerstagvormittag zunächst nichts zu hören. Schweigen im Kanzleramt und im Elysée-Palast. Gegen Mittag ließ Merkel dann verlauten, dass sie die Übereinkunft begrüße.

Zuvor hatte sich bereits Wirtschaftsminister Peter Altmaier zu Wort gemeldet. „Großartig verhandelt“, lobte der CDU-Mann. Juncker habe „eine Menge erreicht“, meinte auch der Staatsminister im Auswärtigen Amt Michael Roth (SPD).

Autozölle vom Tisch? – „Man darf bezweifeln, ob das die endgültige Entwarnung ist“

Natürlich ist der Deal von Washington nicht allein Junckers Verhandlungsgeschick zu verdanken. Der Luxemburger hatte auch das Glück, zur richtigen Zeit zu kommen. Die negativen Rückwirkungen der US-Strafzölle machen sich langsam bei Industrie und Landwirten in den USA bemerkbar. Der innenpolitische Druck auf Trump, den Handelskrieg abzuwenden, ist offensichtlich gestiegen – und davon hat Juncker profitiert. Doch das allein ist es nicht.

Juncker hat es geschafft, eine Beziehung zu Trump herzustellen und mehr Verständnis für Europa zu wecken. Noch vor zwei Wochen hatte der US-Präsident die EU als Gegner bezeichnet. Nach der Begegnung mit Juncker war Trump wie ausgewechselt und sprach von einer neuen  Phase „enger Freundschaft, starker Handelsbeziehungen, in denen wir beide gewinnen werden“. Später verbreitete Trump auf Twitter ein Foto. Es zeigt, wie Juncker ihm einen dicken Kuss auf die Wange drückt.

Für den Luxemburger ist das typisch. Wenn Juncker Politik macht, arbeitet der ganze Körper mit. Der Kommissionschef verteilt großzügig Küsse an Frauen und Männer, umarmt, klopft Schultern. Ein Kuss auf die Glatze oder eine scherzhafte Kopfnuss gehören ebenfalls zu seinem  Repertoire.

Dass ein Deal zustande kam, ist Junckers Verdienst

Juncker ist auch ein Freund offener Worte. Den ungarischen Premier Viktor Orban begrüßt er gerne mal mit „Hallo Diktator“. Mit dem Satz „Wenn es ernst wird, muss man lügen“, brachte er sämtliche Medien gegen sich auf. Bei einem US-Präsidenten, der selbst alles andere als zimperlich mit anderen Menschen umgeht, kommt Junckers hemdsärmeliger Stil offenbar gut an.

Kein EU-Kommissionschef hat jemals im Konzert der Mächtigen so intensiv mitgespielt wie jetzt Juncker. Zwar wurden alle seine Vorgänger ebenfalls im Weißen Haus empfangen, doch meist handelte es sich um politisch unbedeutende Höflichkeitsbesuche. Bei dieser Begegnung zwischen Trump und Juncker hat die ganze Welt gespannt zugesehen – und sie wurde nicht enttäuscht.

Ob der US-Präsident seine Zusage einhält, auf Autozölle zu verzichten, ist zwar noch nicht ausgemacht. Zu oft schon hat der unberechenbare Trump Vereinbarungen kurze Zeit später wieder zurückgenommen. Doch dass überhaupt ein Deal zustande kam mit Trump, kann sich Juncker als Verdienst anrechnen.

Vielleicht ist es sein bisher größter politischer Erfolg – und den kann der Luxemburger auch gut brauchen. Seine Zeit an der Spitze der EU-Kommission war die wohl härteste in seinem langen politischen Leben. In 18 Jahren als luxemburgischer Premierminister herrschte Juncker unangefochten über das Großherzogtum.

Mit dem ruhigen Leben war es schlagartig vorbei, als Juncker 2014 Kommissionspräsident wurde. Seitdem jagt eine Krise die nächste: die Flüchtlingswelle, der Aufstieg der europafeindlichen populistischen Parteien in Europa, der Brexit, die transatlantischen Spannungen. Juncker hatte alle Hände voll zu tun, die widerstrebenden Interessen der Mitgliedstaaten zusammenzuhalten.

Das ist ihm nicht immer gut gelungen. Der Streit mit Polen und Ungarn ist nicht beigelegt, und die EU ist auch immer noch nicht einig darüber, wie die Flüchtlinge verteilt werden sollen. Viel Zeit bleibt Juncker für die Lösung dieser Probleme nicht mehr. Seine Amtszeit endet in eineinhalb Jahren. Im November 2018 geht der Luxemburger in den Ruhestand.

Trump wird ihn sicher in Erinnerung behalten „Er ist ein Mann, den ich gut kennen gelernt habe“, sagte der US-Präsident. Der mit Juncker gefundene Deal sei gut für Amerika. Trump: „Ich danke Dir dafür, Jean-Claude.“

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3 Kommentare zu "Handelskompromiss: „Ich danke Dir dafür, Jean-Claude“ – So zähmte Juncker den US-Präsidenten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Trump fordert hohe Zölle.

    Damit Trump nicht mehr fordert, kaufen wir GENsoja und überteuertes und extrem umweltschädliches Fracking - Gas.

    WELCHE GUTE LEISTUNG SOLL JUNCKER VOLLBRACHT HABEN????
    Ich kann da nur eine extrem schlechte Leistung sehen.
    Wie klug ist der Altmeier????

  • Sehr geehrte Frau Berschens,

    nicht, dass ich Ihnen widersprechen wollte. Aber ich gebe zu bedenken, dass wir in den Kopf von Donald Trump nicht hineinsehen können. Deshalb sind alle Vermutungen über seine Motive reine Spekulation.

    Erlauben Sie auch mir eine Spekulation. Vielleicht ist Trump bewußt geworden, dass ein gleichzeitiger Handelskrieg mit China und die EU den USA sehr viel Ungemach bringen würde, das die Wahlchancen der Republikanischen Partei bei den Kongreßwahlen am 6. November sehr stark beeinträchtigen würde.

  • "... die EU ist auch immer noch nicht einig darüber, wie die Flüchtlinge verteilt werden sollen."

    Frau Berschens: Es geht um den Schutz der Grenzen!