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„Hautes Ecoles“ Präsident Macron greift Frankreichs Eliteschulen an

Frankreichs Eliteschulen sind bekannt für ihre Vetternwirtschaft. Regierungschef Emmanuel Macron möchte sie radikal reformieren, dabei ist auch er Spross einer Vorzeige-Eliteschule.
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Die Strukturen der ENA und anderer Eliteschulen sollen überholt werden. Quelle: Reuters
Ecole Nationale d’Administration in Straßburg

Die Strukturen der ENA und anderer Eliteschulen sollen überholt werden.

(Foto: Reuters)

Paris Die Hiobsbotschaft kam völlig unerwartet: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron werde die Eliteschule ENA (Ecole Nationale d’Administration) abschaffen, erfuhren einige französische Medien Mitte April. Die 1945 von General de Gaulle zum Wiederaufbau der hohen Verwaltung gegründete Institution wolle der Präsident beseitigen, um den protestierenden Gelbwesten ein Opfer zu bringen.

Denn für viele Franzosen, die nicht zu den Begüterten gehören, verkörpert die Schule ein abgekapseltes Untereinander der Eliten, Vetternwirtschaft bei der Vergabe von Spitzenjobs und die Herrschaft einer Clique eitler Absolventen, die alles zu können glauben, aber wenig hinbekommen.

Macron wiederholte im April ein Argument der schärfsten Kritiker: „Die soziale Zusammensetzung der ENA-Schüler entspricht nicht der Realität unserer Gesellschaft.“ Unter den Schülern seien weniger Kinder von Arbeitern und Bauern als früher. Ändern müsse sich auch die Garantie von Spitzenjobs in der Verwaltung auf Lebenszeit.

Der Präsident beauftragte den früheren Chef der Fußball-Liga, Frédéric Thiriez, bis November eine Vorlage für die Reform aller Eliteschulen und der hohen Verwaltung zu erstellen. Thiriez sagte, es gehe bei der ENA „nicht um Zerstörung, sondern darum, etwas Neues aufzubauen“.

Die Hautes Ecoles entsprächen nicht mehr der Wirklichkeit des heutigen Frankreichs. „80 Prozent der Schüler stammen aus den höheren Schichten der Gesellschaft“, sagte Thiriez. Einmal im Beruf, blieben die Absolventen in Paris kleben, statt sich in der Provinz nützlich zu machen. 75 Jahre nach ihrer Gründung brauche die ENA frischen Wind, noch mehr die Polytechnique, die bereits 1794 entstanden ist.

Die Eliteschulen sollen nicht verschwinden, sondern sich ändern. Trotz aller Kritik sind viele Franzosen stolz auf sie. Einige wie der Manager und Publizist Alain Minc sehen Hautes Ecoles wie die ENA als einen „besonderen Trumpf für Frankreich“. Hier falle niemandem etwas in den Schoß, man lerne, hart zu arbeiten und der Republik zu dienen.

Macron und sein Beauftragter Thiriez dagegen kritisieren, dass die Absolventen rund 40 Jahre lang ein sorgenfreies Leben genießen könnten, manchmal, ohne sich wirklich bewähren zu müssen. Besonders im Visier haben sie den gleitenden Übergang in die „großen Korps“, wie die höchsten Verwaltungen heißen.

Die besten Schüler eines Jahrgangs gehen in den Staatsrat, zum Rechnungshof, in die Finanzinspektion, die allgemeine Verwaltungsinspektion oder die Sozialinspektion. Diese Korps verlassen sie ihr Leben lang nicht mehr. Sie können ein paar Jahre in andere Verwaltungen wechseln oder sogar in die Privatwirtschaft, haben aber jederzeit ein Rückkehrrecht.

Macron, auch er ein ENA-Absolvent, ist einer der ganz wenigen, die freiwillig auf die Korps-Zugehörigkeit verzichtet haben. Wohl noch wichtiger als das formale Rückkehrrecht ist die Seilschaft, in die man als Absolvent eintritt. Wer mal in Schwierigkeiten ist, dem wird innerhalb des Korps immer geholfen. Es ist bemerkenswert, dass gerade Macron, der von der Linken und Rechten als Präsident der Reichen kritisiert wird, diesen harten Kern aufbrechen will.

Formal ist die ENA keine Universität oder Business-School, sondern Rekrutierungsinstrument der Verwaltung. Im Schnitt durchlaufen sie 177 Franzosen und 45 Ausländer pro Jahr. Im ersten Jahr sind sie in einem „Stage“, einem Praktikum in der Verwaltung, im zweiten an der eigentlichen Schule in Straßburg. Am Ende gibt es für die Franzosen kein Diplom, sondern einen Job. Jede Abschlussklasse wählt sich einen Namen, die laufende „Promotion“ nennt sich „Molière“.

Insgesamt haben seit der Gründung 10.880 Personen aus 134 Ländern die ENA absolviert, davon 467 Deutsche. Einer von ihnen ist Ilja Skrylnikow. Er hat 2014 positive Erfahrungen gemacht: „Sehr gut ist die Ausbildung während des Stages, da bekommt man praktische Aufgaben.“ Auch Teile der Ausbildung in Straßburg seien ausgezeichnet, etwa die Simulation von Verhandlungen in der EU, Krisen- oder Medientraining, auch der Sprachunterricht. „Da wird sehr frei diskutiert.“

Beförderung einer Besserwisser-Einstellung

Die Nachteile seien der überwiegende Frontalunterricht, eine Kultur der Anpassung, die wenig auf Diskussion setze, und die Ausrichtung auf das Schreiben von Vorlagen für die Verwaltung. „Da wird die Illusion geweckt, man könne allein dieses oder jenes große Problem Frankreichs lösen.“

Der Managementstil, der vermittelt werde, sei überholt. Befördert werde eine Besserwisser-Attitüde. Wer diese übernehme, bekomme besonders gute Noten. Das erklärt den Eindruck in der Öffentlichkeit, die ENA-Absolventen hielten sich für intelligenter als andere.

Gilles Duthill, Generalsekretär der Alumni-Vereinigung der ENA, sieht ebenfalls Vor- und Nachteile: „Was gut funktioniert, sind die strikte Auswahl beim Eingangstest, ein Image der Exzellenz und die Ergänzung von Lehrveranstaltungen im Hörsaal durch lange Praktika im öffentlichen Dienst“, sagt er dem Handelsblatt. 

Was besser sein könnte, sei die soziale Auswahl, die müsste dem Frankreich von 2019 entsprechen. Die Bindung an die großen Korps sei zu eng und die Schule müsste internationaler werden. „Zu ihrem Gründungsauftrag gehört, zur europäischen Einigung beizutragen, doch heute finden sich weniger deutsche Studenten als vor 20 Jahren“, kritisiert Duthill.

Die Schule wehrt sich: „Nein, die Schüler der ENA sind nicht alle Privilegierte!“, schreibt der aktuelle Direktor Patrick Gérard in einem Gastkommentar für den „Figaro“. Im aktuellen Jahrgang sei kein Schüler Kind eines ENA-Absolventen. Ein Teil von ihnen habe bereits einige Jahre Berufserfahrung gesammelt.

Der überwiegende Teil komme zwar in jungem Alter über die Aufnahmeprüfung an die Schule, die sei aber für alle gleich. „Viele machen sich nicht klar, welche Opfer die Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung erfordert“, klagt Gérard. Genau das ist allerdings das Problem: Die einjährigen „classes préparatoires“ stellen eine finanzielle Hürde dar, an der Kinder aus einfacheren Schichten scheitern.

Der ENA-Direktor räumt ein, dass nur 19 Prozent seiner Schüler Kinder von Arbeitern, Landwirten, einfachen Angestellten oder Handwerkern seien. Über zwei Generationen gesehen funktioniere der soziale Aufstieg aber noch. Macron und Thiriez ist das nicht genug.

Thiriez hat durchblicken lassen, dass er sich einen speziellen Zugang für Kinder aus sozial schwachen Familien vorstellen kann, wie es ihn seit einigen Jahren an der Sciences Po in Paris gebe. Außerdem sei es eine Möglichkeit, mehrere Jahre Berufserfahrung zur Voraussetzung für die Aufnahme zu machen. Genaueres wird man erst im November hören. Doch sicher ist: Die ENA wird nicht so weiter bestehen, wie sie heute ist.

Mehr: Lesen Sie hier, warum Emmanuel Macron trotz der Gelbwestenproteste weiterhin als Prophet Europas gilt.

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