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Hilfsorganisationen versagen Wie Ihre Spenden missbraucht werden

Gerade wir Deutschen sind fleißige Spender. Doch was passiert mit dem Geld? Wir arbeiten Hilfsorganisationen wirklich? Die Insiderin Linda Polman hat ein aufrüttelndes Buch geschrieben, in dem sie belegt, wie schädlich Spenden sein kann.
2 Kommentare
Opfer der Flut in Pakistan. Quelle: dpa

Opfer der Flut in Pakistan.

(Foto: dpa)

DüsseldorfHungernde Kinder, manche sogar mit verstümmelten Gliedmaßen. Menschen, die alles verloren haben und ohne externe Hilfe kaum eine Überlebenschance haben. Wir kennen die Bilder und Berichte über traurige Schicksale aus den Nachrichten - einige zumindest. Viele Menschen kommen den Spendenaufrufen nach, gerade zur Weihnachtszeit. Doch wo landet die Hilfe? Kommt sie den Opfern zugute oder sogar den kriegführenden Parteien und Mördern?

Um solche Fragen geht es in Linda Polmans Buch "Die Mitleidindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen". Die Journalistin reist seit Jahrzehnten mit den UN-Friedentruppen und internationalen Hilfsorganisationen rund um die Welt, vor allem nach Afrika. Das enorm fakten- und geschichtenreiche Buch treibt dem Leser zunächst Sorgenfalten auf die Stirn, erzeugt durch den aufrüttelnden und polemisierenden Grundton aber auch schnell große Wut.

Denn Polman spart nicht mit harscher Kritik an der Arbeit der Hilfsorganisationen, auch wenn diese grundsätzlich in einem Dilemma stecken: Was tun wir, wenn uns der Machthaber in einer Region zwingt, einen Teil der Hilfsrationen für seine Truppen abzugeben? Nehmen wir das in Kauf, um den tatsächlich Hilfsbedürftigen beizustehen, auch wenn dies eine Verlängerung des Konfliktes bedeuten dürfte? Dieses Dilemma besteht seit der Schlacht von Solferino 1859, nach der Henri Dunant das Rote Kreuz gründete.

Polman entführt den Leser nach Afrika und Afghanistan, um an erlebten Situationen zu schildern, wie schwer diese Entscheidung in der Praxis ist. Und wie Hilfsorganisationen gelinde gesagt so manche "Kröte schlucken". Spendengelder verlängern Kriege bzw. werden dafür verwendet, neue (Rache-) Konflikte heraufzubeschwören. Häufig haben in den Flüchtlingslagern nämlich Kämpfer eingenistet, die sich verpflegt und versorgt von Hilfsorganisationen neu aufstellen können, um sich an ihren Peinigern zu rächen.

Die niederländische Autorin kritisiert, dass praktisch alle Hilfsorganisationen an dieser Stelle zu kurzsichtig denken und Missbrauch zu leicht machen. Polman beschreibt vermeintliche Helfer, die vor allem sich selbst nutzen wollen. Oder solche, die nicht weit genug denken. Zitate von Helfern wie "Wir haben uns mit der Ethik unseres Hilfsangebotes überhaupt noch nicht befasst", sind keine Seltenheit.

Drei Viertel aller Nahrungsmittel werden weltweit von privaten Hilfsorganisationen verteilt. Problematisch dabei sei laut Polman, dass diese "keine gemeinsamen, bindenden ethischen Absprachen haben und nicht begreifen, um was es in den Konflikten genau geht". Sie gibt mehrere Beispiele, wie Warlords die Bedingungen für Hilfe diktieren und Hunger einsetzen, um an mehr Geld für Waffen zu kommen.

Eine besondere Rolle spielen die Medien: Sie machen die Bedürftigkeit publik und bringen die Menschen zum Spenden. Einige Regionen schaffen es auf die Agenda, andere nicht. Die Hilfsorganisationen wissen, wie man vor allem mit den TV-Sendern umgeht und den Konkurrenzkampf mit den anderen Mitgliedern der "Mitleidsindustrie" gewinnt. Polman beschreibt, wie verstümmelte Kinder vor die Kameras gezerrt werden und dort ihre "Show" abziehen.

Das Rote Kreuz ist auf der ganzen Welt aktiv, wird aber von neuen Hilfsorganisationen unter Druck gesetzt. Quelle: dpa

Das Rote Kreuz ist auf der ganzen Welt aktiv, wird aber von neuen Hilfsorganisationen unter Druck gesetzt.

(Foto: dpa)

Dabei wird der Wettkampf um Spendengelder härter, nicht zuletzt weil immer neue Hilfsorganisationen auf den Plan treten: "Die alten, etablierten Hilfsorganisationen sind den jungen im Wettlauf um die Publizität oft unterlegen", schreibt Polman. Das Problem daran dabei sei, dass Erfahrung beim Helfen eine sehr große Rolle spielt, auch damit möglichst wenig Gelder missbraucht werden. Dazu kommt, dass vor allem die alten Organisationen auch in den Regionen tätig sind, die nicht im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit stehen. Wenn hier Gelder fehlen, tut es besonders weh. Keinen Hehl macht die Autorin aus dem Punkt, dass auch mal gern Fakten manipuliert werden, um an höhere Spenden zu kommen.

Polman zeigt deutlich, wie unterschiedlich Hilfsorganisationen arbeiten. Schließlich ist eine nachhaltige Hilfe keine Sache von Wochen oder Monaten, sondern Jahren. Sie erlebte viele Beispiele, wie Hilfsorganisationen zu rasch abzogen und am Ende das Rote Kreuz aufgeplatzte Nähte oder andere medizinische Missgeschickte nachversorgen musste. Es sei zu leicht für "normale" Bürger, eine eigene Hilfsorganisation zu gründen.

Besonders heikel ist das Thema Adoption: Polman erlebte zahlreiche Beispiel von afrikanischen Kindern, die von Westlern adoptiert wurden - auch wenn ihre Eltern noch lebten. Gut gemeint sei in dieser Frage moralisch nicht einwandfrei. Zudem haben Polmans Besuche Jahre nach dem längst nicht immer freiwilligem "Umzug" erwiesen, dass das Leben der Kinder in der "neuen Welt" nicht leicht ist.

Schade ist, dass Polman "keine Lösung hat", wie sie am Ende des Buches zähneknirschend zugibt. Sie will eine Diskussion anregen, an deren Ende durchaus auch mal stehen kann: Es muss die Möglichkeit geben, nichts zu tun, wenn das besser ist. Also keine Hilfe als Option: "Aber das ist kein Plädoyer dafür, überhaupt nichts mehr zu tun."

Aber Hilfsorganisationen dürften nicht (weiter) immun gegen Kritik sein. Aus Polman Sicht könne es eigentlich gar nicht sein, dass noch nie ein Helfer vor Gericht gestellt wurde. Die Hilfsorganisationen dürften nicht weiter nach dem Prinzip "Prinzipien sind wichtiger als Konsequenzen" vorgehen. Die Balance sei noch längst nicht gefunden, aber gerade die müsse dringend her.

Bibliographie

Linda Polman

Die Mitleidindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010

267 Seiten

Brexit 2019
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2 Kommentare zu "Hilfsorganisationen versagen: Wie Ihre Spenden missbraucht werden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • ich wäre für die einführung von sachspenden. wenn man geld spendet, dann kommt einem immer zweifel, wieviel wirklich dort ankommt und wieviel für die verwaltung draufgeht.

  • die Frage ist welche organisation man glauben kann , man muss einfach vertrauen haben das alles ankommt .
    ich finde man sollte spenden aber sich eine organisation des vertrauens suchen wie z.b.adra .
    Aber jeder sollte wissen amn kann nicht jeden retten.