Historiker im Interview: Heinrich August Winkler: „Die Friedensordnung steht auf dem Spiel“
Der Historiker warnt vor einer weiteren Spaltung des Westens.
Foto: dpa, dpa, Marcus Hoehn/laif, mauritius images / IanDagnall CompuDüsseldorf. Selten hat ein Ereignis die Glaubenssätze des Westens so erschüttert wie die russische Drohung, einen offenen Krieg gegen die Ukraine zu führen. Der Konflikt mit Russland stellt vor allem die deutsche Außenpolitik vor völlig neue Herausforderungen: Wie viel Wirtschaftspartnerschaft ist in diesem Umfeld möglich, ohne die Geschlossenheit des Westens zu gefährden? Welches Abschreckungskonzept ist das effizienteste? Gibt es überhaupt so etwas wie „Realpolitik“ ohne werteorientierte Grundlage?
Heinrich August Winkler gibt im Handelsblatt-Interview Orientierung. Deutschlands bekanntester Historiker warnt vor der „Illusion einer deutschen Vermittlerrolle zwischen Ost und West“. Einen deutschen Sonderweg gelte es unter allen Umständen zu vermeiden.
„Berlin darf nie wieder den Eindruck erwecken, als könne es deutsch-russische Sicherheitsvereinbarungen zulasten dritter Staaten geben“, sagt Winkler. „Wir Deutschen haben mit einem machtpolitisch verkürzten Verständnis von „Realpolitik“ katastrophale Erfahrungen gemacht“.
Die Außenpolitik müsse wertebasiert sein und dürfe sich keinesfalls dem Primat der Ökonomie unterwerfen. Putin „stellt die Grundlagen der europäischen Friedensordnung infrage“. Hier helfe nur glaubwürdige Abschreckung.
Lesen Sie hier das vollständige Interview:
Herr Winkler, nach dem diplomatischen Schlussspurt von Bundeskanzler Olaf Scholz hatte es zwischenzeitlich Hoffnungen auf eine Deeskalation gegeben. Jetzt warnt die US-Regierung wieder vor einer Invasion Halten Sie einen Krieg für möglich?
Für eine Entwarnung ist es jedenfalls zu früh. Aber die Risiken eines Krieges wären für Russland sehr hoch. Die gegenwärtige Krise hat erneut deutlich gemacht, dass es Wladimir Putin darum geht, so viel wie möglich vom ehemaligen Einflussbereich der Sowjetunion wiederherzustellen. Es dürfte ihm inzwischen aber auch klar geworden sein, dass die westlichen Demokratien auf eine militärische Expansion in Osteuropa massiv reagieren würden.