Flüchtlinge aus Venezuela in Peru

Nach Angaben der Uno haben 2,3 Millionen Venezolaner das Land bereits verlassen

(Foto: dpa)

Hyperinflation Venezuelas Währungsreform ist nach nur einer Woche gescheitert

Der „souveräne Bolivar“ hat fünf Nullen weniger – doch die Wirkung ist verpufft. Staatschef Maduro verliert die Geduld und reagiert mit Verhaftungen.
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SalvadorDie ersten Erfahrungen mit den neuen Banknoten in Venezuela waren für Eugenio Martínez frustrierend. Mehrere Stunden stand der Journalist von der Zeitung „El Nacional“ in der Schlange vor dem Geldautomaten in Venezuelas Hauptstadt Caracas, bis dieser am Dienstag zwei nagelneue Noten von fünf Bolivar Soberano ausspuckte. Umgerechnet 16 Dollarcents. Es war der Maximalbetrag. Mehr durfte Martínez nicht abheben.

Zuvor hatte die Regierung fünf Nullen gestrichen. Mit dem neuen „souveränen Bolivar“ soll die Zeit der Hyperinflation vorbei sein. Er ist gekoppelt an die von Venezuela selbst erschaffene Kryptowährung Petro, die wiederum mit den Ölreserven des Karibiklandes abgesichert sein soll.

Wie das funktionieren soll, erklärt Präsident Nicolás Maduro nicht. Der Linksdiktator verspricht nur, er habe die „magischen Formel“ gefunden, um die Wirtschaftskrise zu beenden. „Glaubt mir, der Plan wird funktionieren.“

Als Journalist Martínez mit den neuen Banknoten einen Kaffee und ein Teilchen in einer der wenigen geöffneten Bäckereien bezahlen wollte, kostete das 70 Bolivar, also rund einen Dollar – sieben Mal so viel wie der Höchstbetrag, den er abheben konnte. Das war ihm klar: „Auch diese Reform wird scheitern.“

Seine Prognose stimmt. Nur drei Tage später ist die Reform verpufft: 40 Prozent verlor der neue Bolivar bereits in den ersten drei Handelstagen gegenüber dem Dollar auf dem Schwarzmarkt. Die Hyperinflation geht also ungebremst weiter.

Bald dürfte der Währungszerfall die Ein-Million-Prozent-Marke reißen, schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF). Der Preis für einen Milchkaffee in einer Bäckerei in der Ostzone von Caracas ist in zwölf Monaten um 109.000 Prozent gestiegen, zeigt der „Café-con-Leche-Index“, mit dem die Finanzagentur Bloomberg die tägliche Inflation in Venezuela misst.

Mit der Währungsreform sind zwar keine Kilogramm an Geldscheinen mehr nötig, um einen Kaffee oder eine Pizza zu bezahlen. Aber das ist auch schon alles – und dürfte auch nur von kurzer Dauer sein. Es gibt keinen Grund, warum der neue Bolivar stabiler sein sollte als der alte. Denn die Regierung finanziert das hohe Haushaltsdefizit, welches dem IWF zufolge Ende des Jahres 30 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen wird, mit der Notenpresse.

Mit dem rapide an Wert verlierenden Bolivar werden Importe zu teuer. So führt das einstmals reiche Karibikland heutzutage kaum noch Geflügel oder Maismehl aus Brasilien ein. Und die Bevölkerung hungert und stirbt wegen fehlender Medikamente an einfach zu behandelnden Krankheiten.

Banknoten sind das wichtigste Importgut Venezuelas

Statt der Lebensmittel importiert Venezuela Banknoten und Geldpapier, die zu den wichtigsten Importgütern geworden sind. Alleine aus Brasilien ließ die Zentralbank in diesem Jahr 110 Tonnen Banknoten und 329 Tonnen an unbedrucktem Notenpapier einfliegen.

Andere Finanzierungsquellen Venezuelas sind verstopft: Die Ölproduktion ist zusammengebrochen und schrumpft bald auf 700.000 Fass am Tag, prognostiziert die Internationale Energieagentur. Das ist ein Drittel des Ertrags von vor zweieinhalb Jahren. Ausländische Banken und Investoren leihen Venezuela kein Geld mehr, seitdem die USA das Land wegen der Menschrechtsverletzungen und Demokratiemängeln auf den Index gesetzt hat und die Anleihen auf Ramschstatus stehen, weil das Land sie nicht mehr bedient.

Mit der Währungsreform und den daran gekoppelten Dekreten für die Wirtschaft wird Maduro die Krise weiter verschärfen. Er hat den Mindestlohn um 3200 Prozent erhöht – was den wenigen noch übriggebliebenen Kleinunternehmen endgültig das Genick brechen wird. Um knapp 60 Prozent ist die Wirtschaft in den vergangenen sechs Jahren geschrumpft. 18 Prozent werden es dieses Jahr sein, schätzt der IWF.

Verhaftungen von Ladenbesitzern werden live im Fernsehen übertragen

Die Regierung schickte diese Woche Polizisten in die Geschäfte und ließ die Ladenbesitzer – live übertragen im Fernsehen – wegen angeblicher Wucherpreise verhaften. „Die Unternehmer werden nur lernen, wenn sie hinter Gittern sitzen“, droht Diosdado Cabello, der Präsident der verfassungsgebenden Versammlung in seiner täglichen Fernsehshow – in Kampfuniform und mit einem Knüppel in der Hand.

Hunger, gefälschte Wahlen, Polizeigewalt: Immer mehr Venezolaner stimmen mit den Füßen ab und fliehen. Nach Angaben der Uno haben 2,3 Millionen Venezolaner das Land bereits verlassen – das ist etwa soviel wie aus Afghanistan oder Südsudan geflohen sind. Nur Syrien hat weltweit mehr Flüchtlinge.

Die Venezolaner flüchten vor allem nach Kolumbien, aber auch nach Ecuador, Peru, Brasilien und selbst ins entfernte Chile. Überall in Südamerika hört man heute das weiche karibische Spanisch der Venezolaner mit dem verschluckten „s“.

Maduro spielen die Millionen Exil-Venezolaner sogar in die Hände. Der Grund: Sie werden mit ihren Rücküberweisungen an zurückgelassene Familienmitglieder zu den wichtigsten Finanziers des Regimes. Flink hat die Regierung fast unbemerkt erstmals den Besitz und Tausch von Dollars legalisiert. So profitiert sie auch noch von den Wechselgeschäften, während sich am Elend der Bevölkerung nichts ändert.

Journalist Martínez sieht die Lage realistisch: „Wir sind das Simbabwe Lateinamerikas geworden.“

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