In der Espresso-Bar Was der Italiener über den Griechen denkt

Viele Italiener sind solidarisch mit den Griechen. Andere verurteilen sie als noch gerissener als die Italiener. In einem scheinen alle einig: Angela Merkel darf nicht alleine kommandieren. Ein Stimmungsbild aus Mailand.
17 Kommentare
Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi (M.) scheint sich gut mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras zu verstehen. Doch wie sieht die Stimmung in der italienischen Bevölkerung aus? Quelle: AFP
Griechisch-italienisches Verhältnis

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi (M.) scheint sich gut mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras zu verstehen. Doch wie sieht die Stimmung in der italienischen Bevölkerung aus?

(Foto: AFP)

MailandAcht Uhr morgens in der Bar Kinky. Hinter der Theke dampft die Espresso-Maschine. Auf dem Fernseher in der Ecke laufen Bilder von Griechenlands Premier Alexis Tsipras über den Bildschirm. Ich trinke meinen Cappuccino und will wissen, was die anderen Bar-Besucher von der Griechenland-Krise halten.

„Die Lage der Menschen ist dramatisch“, sagt Franca, eine Frau mittleren Alters. Auf Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sie gar nicht gut zu sprechen: „Eisig, kalt, herzlos. Diese Frau macht mir Gänsehaut“, sagt sie abschätzig. Ich frage sie, ob man nicht vielleicht auch die Reichen in Griechenland stärker besteuern sollte. „Klar, aber nicht nur in Griechenland, auch in Italien!“ Sagt es und verlässt die Bar.

Katharina Kort

Katharina Kort ist Handelsblatt-Korrespondentin in New York.

Auf Merkel sind auch die anderen nicht gut zu sprechen: „Erst zahlt Deutschland die Kriegsschulden nicht und jetzt führt sich Merkel als Königin Europas auf“, ärgert sich auch der Massimo Ciofetti, der auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee nimmt. Dabei ist der Unternehmer kein Griechenland- oder Tsipras-Fan: „Erst haben sie ihren Haushalt gefälscht und jetzt sagen sie einfach: Wir zahlen nicht. Das geht nicht!“

Aber dass Merkel mit Frankreichs Präsidenten Francois Hollande – der in den Umfragen der unbeliebteste Regierungschef in Europa sei – alles alleine bestimmen will, das gehe auch nicht, findet Ciofetti. Zahlen müssten schließlich alle. „Die Deutschen glauben, sie seien der Deus Ex Machina in Europa – zum Schaden der anderen“.

Da mischt sich auch die Bar-Besitzerin Silvia ein, die hinter der Theke den nächsten Espresso bereitet. Eigentlich will sie nicht über Politik reden: „Wenn ich es richtig verstanden habe, sind wir eine Europäische Gemeinschaft, und wir müssen zusammen die Zukunft Griechenlands entscheiden. Warum entscheiden dann nur Deutschland und Frankreich?“ Silvia, die auch Zeitungen in ihrer Bar verkauft, holt das Magazin Espresso hervor und zeigt mir den Artikel über die Deutschen, die sich zu Schnäppchenpreisen Unternehmen und Immobilien in Griechenland kaufen.

„Wir müssen Tsipras Zeit geben“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: In der Espresso-Bar - Was der Italiener über den Griechen denkt

17 Kommentare zu "In der Espresso-Bar: Was der Italiener über den Griechen denkt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Auch bei den Portugiesen, Maltesern, Spaniern, Südfranzosen wird man als Norderopäer das Gleiche hören. El Mediterráneo y los Bárbaros del Norte

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

  • Nicht nur die meisten Italiener denken so. Die Portugiesen und die Spanier auch. Die sehen ja was in deren Ländern los ist. Da stehen die Infos in unseren Medien diametral zu der Realität. Ich denke es gibt drei Lager:

    1 Die Nordstaaten - Reich und Herzlos
    2 Die Südstaaten - Arm und Menschlich
    3 Die Oststaaten - Nationalistisch und Unsolidarisch (Asylpolitik)

    So könnte man es grob umschreiben.

  • Papa sagte immer: "Wer meckert, hat selbst Dreck am Stecken".

    Und im WK-II waren es wirklich die lieben Bürder aus Italien, die u.a. die Griechen überfallen haben. Wenn es um ihren Vorteil geht, sind diese Dolce-Vita Länder schnell bei der Sache. Aber wehe das Blatt wendet sich, dann kippt nicht nur deren Gesinnung. Alles hat seinen guten Grund, auch warum Italien selbst ohne EU Hilfen nicht wirklich weiter kommt.

    Dass diese Länder keine Loyalität kennen ist bekannt und sie verstehen es als Schlauheit. Aber dass es hier in Deutschland diese häßlichen Nestbeschmutzer gibt, kann man als bedenklich ansehen.

    In geschäftlichen Belangen ist das alles aber bekannt und darum bietet es sich immer an, dass man genau diese Einstellung bei den Verträgen berücksichtigt. Und das heißt, dass ein Vertrag immer aus kufri ausgelegt sein muss.

  • Keiner ist heut mehr so naive, sein verdientes Geld gerade in der Schweiz sicher zu wähnen. Das Ersparte fließt nach Deutschland - auf deutsche Sparkonten und in dt. Immobilien

  • Der Unterschied ist der Gleiche, wie zwischen Bundesdeutschen, Ostdeutschen und Austrodeutschen

  • Noi simo una famiglia. ...wobei die Süditaliener... (Rom abwärts) ethnologisch Griechen sind

  • @Peissinger, was mir auf die Nerven geht ist diese Bigotterie in den Medien. Wenn ich mir eine Zeitung leisten könnte wie SIe, würde ich investigativen Journalismus machen, um diese Diebstähle in Milliardenhöhe aufzuklären und die Großbetrüger namentlich anprangern, die mit den geklauten Milliarden in Deutschland und anderswo z.B. auf Imobilieneinkauftour gehen. So richtig wütend wurde ich, als ich vor ein paar Jahren über diese griechische Bank gelesen habe, kaum daß die Hilfsgelder aus dem EU-Topf bekam, sich fast eine Milliarde in die Schweiz überwiesen hat. Das muß man sich mal vorstellen! Nie wieder habe ich darüber gelesen, daß diese Typen irgendwie verfolgt wurden. Seitdem lasse ich ab und zu meinen Sarkasmus über die verantworgungslose bigotte schreibende Zunft los. Das Handelsblatt kriegt das halt ab. Trotzdem ein Dankeschön, daß Sie wenigstens die Kommentarfunktion recht frei gestalten.

  • Naturgemäß haben die Italiener einen anderen Blick, das müssen wir sicher akzeptieren und diskutieren. Etwas dreist ist aber im Hinblick auf die Geschichte der Hinweis auf deutsche Kriegsschuld in Griechenland von Seiten der Italiener. Einmal hat hier Mussolini den Krieg vom Zaun gebrochen und nicht Hitler und zum anderen gab es doch auch so etwas wie Libyien und Äthiopien, wo das Italien Mussolinis auch nicht gerade als Befreiungsarmee auftrat. Aber vielleicht sollten sich bei solchen Vorwürfen aus Italien unsere deutschen Politiker einmal bemühen, ihre Geschichtskenntnisse aufzufrischen und in gebotener diplomatischer Diskretion ihre italienischen Kollegen an ihrem Erkenntnisgewinn teilhaben lassen.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%