Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Indiens Bangalore Härtetest für das High-Tech-Paradies

Sie schmückt sich noch immer mit dem Beinamen „Gartenstadt“. Aber die gute Luft, für die sie einst so berühmt war, ist längst Vergangenheit. Die Stadt stinkt.

BANGALORE. Graublaue Abgasschwaden umhüllen die Metropole, ätzen in den Lungen und lösen Kopfschmerzen aus. Die Straßen sind verstopft bis zum Infarkt, und das Hupkonzert zerrt zusätzlich an den Nerven. Einige Hauptverkehrsadern gleichen einem von Kratern durchlöcherten Asphaltband. Während Glasfaserkabel unter der Erde das Wissen Zehntausender Ingenieure mit Lichtgeschwindigkeit in alle Welt leiten, dauert es gut eineinhalb Stunden, um die zwölf Kilometer vom Flughafen zu einem der berühmten Softwareparks zu überwinden.

Willkommen in Bangalore, Asiens Silicon Valley. Die Stadt, die wie keine andere für Globalisierung und Indiens wirtschaftlichen Aufstieg steht, wird dem enormen Wachstum nicht mehr Herr. Bangalores Infrastruktur hat schon längst ihre Grenzen überschritten. Die IT-Industrie konnte das bislang aber nicht stoppen. Die Unternehmen – ursprünglich angelockt von einem scheinbar unbegrenzten Reservoir an Programmierern mit konkurrenzlos niedrigen Löhnen – nahmen die Unannehmlichkeiten in Kauf, die das Arbeiten in der Softwareschmiede der vernetzten Welt beschwerlich machen. Doch inzwischen sind auch da die Grenzen erreicht.

„Die Bangalore-Euphorie steht kurz vor dem Aus“, fürchtet Clas Neumann, „die Straßen wurden seit Jahren nicht ausgebessert, und jede Art von Infrastrukturentwicklung ist zum Erliegen gekommen.“ Als Mann der ersten Stunde hat er das Entwicklungszentrum des Softwarekonzerns SAP vom Außenposten zum größten Auslandsstandort der Walldorfer mitentwickelt und erlebt, wie andere Unternehmen sich in der Nachbarschaft ansiedelten. „Dort sitzt General Electric, da Dell, hier Perot Systems“, erzählt Neumann und zeigt auf die Glaspaläste der Unternehmen, die er von seinem Bürofenster aus sieht. „Da drüben sitzt Microsoft und dort Oracle – wir haben die Konkurrenz im Visier.“

In der Nähe reckt sich ein stahlblau verglaster Bürokomplex in den Tropenhimmel. 20 000 Ingenieure arbeiten dort. Drum herum werden neue Hochhäuser gebaut. „Hier in Whitefield entstehen Büros für noch einmal 20 000 Angestellte“, schätzt Neumann, „aber ich weiß nicht, wie die alle zur Arbeit kommen sollen.“ Die Anfahrtszeit der 2 500 SAP-Mitarbeiter hat sich im Schnitt auf eineinhalb Stunden erhöht, so dass viele kaum noch ihre Familien sehen. Um Verspätungen in Griff zu kommen, verschiebt das Unternehmen nun den Arbeitsbeginn nach hinten. Die Mitarbeiter sollen nicht mehr in den Stoßzeiten ins Büro fahren. Zwar entsteht gerade ein Neubau für weitere 1 000 Mitarbeiter. „Aber dann ist Schluss mit der Expansion hier“, sagt Neumann, „weiter wollen wir in Bangalore nicht wachsen.“ SAP hat gerade einen Zweitstandort bei Delhi eingeweiht.

Dem IT-Branchenverband Nasscom zufolge schaden Infrastrukturmängel wie Bangalores Dauerstau der Produktivität und belasten die Gewinne. Immer mehr Firmen kehren darum dem Technologie-Mekka den Rücken. „Wir haben keine Erweiterungspläne“, sagt Azim Premji, Chef des in Bangalore ansässigen IT-Konzerns Wipro. Indiens reichsten Mann ärgert besonders, dass bei Treffen mit westlichen Spitzenmanagern oft der Strom ausfällt. „100 000 der brillantesten Köpfe des Landes stecken hier ständig im Verkehr fest, anstatt Indien in eine bessere Zukunft zu steuern“, donnert Kiran Mazumdar-Shaw. Auch die Gründerin der Biotechnologie-Firma Biocon redet sich in Rage: „Wir Unternehmer schreien uns heiser, aber die Politiker sind taub auf den Ohren.“ Daher sucht sie nach einem anderen Standort und stellt bitter fest: „Infrastrukturengpässe würgen Bangalores Wachstum ab.“

Das war lange explosiv. Die Wirtschaftsleistung der Stadt wuchs im vergangenen Jahrzehnt im Schnitt mit zwölf Prozent pro Jahr. 1991 war in der Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka erst ein Dutzend IT-Firmen ansässig. Heute sind es 1 500. Rund 40 Prozent aller exportierten Dienstleistungen und 15 Prozent der Warenausfuhren Indiens stammen aus Bangalore. Die Stadt verbreitet noch immer Aufbruchstimmung und zieht Glücksritter aus dem ganzen Land an, von Ingenieuren bis zu Wanderarbeitern. Dafür opfert die Metropole ihr durchaus attraktives Stadtbild ohne Wimpernzucken einem wild wuchernden Fortschritt. Über Nacht weichen Gärten und bonbonfarbige Kolonialbungalows gesichtslosen Hochhäusern, Einkaufszentren oder Apartmentblocks. Die Einwohnerzahl hat sich innerhalb von 25 Jahren auf 6,5 Millionen verdoppelt – aber die öffentliche Infrastruktur wuchs nicht mit.

Globalisierungsgewinner flüchten vor den Folgen in noble Stadtviertel mit Namen wie „Palm Meadows“, „Prestige Vista“ oder „Paradise Nest“, autarke Wohngebiete mit eigener Strom- und Wasserversorgung. Von Palmen beschattete Bungalows hinter hohen Mauern, Schwimmbecken und akkurat gepflegte Vorgärten wirken dort wie Kulissen eines Hollywoodfilms.

Auch Firmen müssen elementare Infrastruktur teuer selbst beschaffen. „Hier kommt unser Wasser“, sagt SAP-Manager Neumann und zeigt auf einen feuerroten Tankwagen, der im Hof vorbeirollt, „da ist wohl wieder mal die Leitung trocken.“ Der Strom fällt bei ihm jeden zweiten Tag aus, riesige Generatoren stehen für solche Fälle bereit. Um ihre Angestellten ins Büro zu transportieren, ist die deutsche Softwareschmiede zu einem Fuhrunternehmen geworden und hat mit 50 eigenen Bussen 25 Linien quer durch die Stadt eingerichtet.

Bereits Staatsgründer Nehru wollte Bangalore in „Indiens Stadt der Zukunft“ verwandeln. Jahrzehntelang investierte die Regierung massiv in Spitzenuniversitäten und wissensintensive Branchen. Dabei förderte die Politik vor allem staatseigene Betriebe in Luft- und Raumfahrt. Liberalisierung, ausländisches Kapital und lokale Unternehmer haben dazu beigetragen, dass die Saat seit zehn Jahren aufgeht. Nun versäumt es die Regierung aber, den kometenhaften Aufstieg der Stadt zu einem der führenden Technologiezentren der Welt abzusichern.

An der Mahatma Gandhi Road im Zentrum rostet ein Schild vor sich hin, das den Bau einer U-Bahn an-kündigt. Doch bei dem Projekt, das 2003 seinen Betrieb aufnehmen sollte, geht es nicht voran. Auch ein versprochener Biotech-Park kommt nicht aus den Startlöchern, und Pläne für eine überfällige Ringautobahn vergilben genauso in den Schubladen der Verwaltung wie die Entwürfe für Hochstraßen zu wichtigen IT-Parks.

Kleine Verbesserungen, eine neue Brücke hier und da, „ähneln dem Versuch, eine Sau zu schminken“, sagt Subroto Bagchi, Chef der IT-Firma Mindtree. TCS schützt sich vor Kosteninflation und Infrastrukturproblemen durch „Binnen-Offshoring“: „Die nächste Expansionswelle fangen wir in Kalkutta, Delhi und Madras ab“, sagt S. Ramadorai, CEO des größten indischen IT-Konzerns. Selbst Provinzstädte wie Ahmedabad oder Lucknow seien besser als Bangalore. Auch Industriebetriebe sitzen auf gepackten Koffern. „Der politische Gegenwind ist so stark geworden, dass wir an einen anderen Standort ausweichen wollen“, beichtet der Indien-Chef eines deutschen Konzerns.

Ein Regierungswechsel im Bundesstaat Karnataka hat die Misere 2004 noch verschärft und Politiker wie Deve Gowda an die Macht gebracht. Mit Parolen wie „Bangalore ist genug gewachsen“ schürt der Populist unter der armen Landbevölkerung Neid auf die Stadt. Gowda hat eine simple Lösung für deren über-dehnte Infrastruktur: „Der beste Ausweg ist, das Wachstum der IT-Industrie zu beschneiden.“ Dass selbst der ehemalige Premierminister Gowda dies zur Entwicklungsmaxime erhebt, wirft kein gutes Licht auf die Wirtschaftsfreundlichkeit von Indiens viel gelobter Demokratie. „Unsere Politiker schaffen ständig Hürden für höheres Wachstum“, klagt Arvind Virmani, Leiter des renommierten Wirtschaftsforschungsinstituts Icrier, „das schadet denen am meisten, in deren Namen dies geschieht: den Armen.“

Diese spüren auch in Bangalore nichts von den Versprechungen der Politik, dass auch sie mal vom Wirtschaftswachstum profitieren. „Wir haben immer noch keine Kanalisation, keine geteerten Straßen, keine Busanbindung, keine Krankenstation“, betet die Näherin Maheshvari die Mängelliste der Bewohner von Ullalu Upanagar herunter, einem Slum aus Strohhütten und Wellblechhütten am Rande der Boomstadt.

Derweil fürchten Manager: Bangalores Probleme könnten dem Image des gesamten Landes schaden, wenn die Infrastrukturprobleme nicht gelöst werden. Schließlich verkörpert keine Stadt die Hoffnung Indiens auf eine Zukunft als Wirtschaftsmacht stärker als Bangalore.

Startseite
Serviceangebote