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Industrieländer-Vergleich In Deutschland bleibt besonders wenig Netto vom Brutto

Nur belgische Arbeitnehmer behalten von ihrem Lohn noch weniger als die deutschen. Die OECD sorgt sich zudem um den sinkenden Lebensstandard der Mittelschicht.
Update: 11.04.2019 - 17:06 Uhr 8 Kommentare
Steuern und Abgaben sind in Deutschland besonders hoch Quelle: dpa
Auf dem Weg zur Arbeit

Alleinstehende Kinderlose werden in Deutschland am stärksten belastet.

(Foto: dpa)

BerlinDie deutschen Arbeitnehmer zahlen so viel Sozialabgaben und Steuern wie kaum andere Beschäftigte in Industrieländern. Nur in Belgien ist der Unterschied zwischen Brutto und Netto noch größer, jedenfalls für alleinstehende kinderlose Arbeitnehmer. Das zeigt die neue Ausgabe der jährlichen Studie „Taxing Wages“ der Industrieländerorganisation OECD.

Gleichzeitig treibt die OECD-Ökonomen eine wachsende Sorge um die Mittelschicht. Eine fast zeitgleich veröffentlichte Mittelschicht-Studie zeigt, dass die Mittelschicht in fast allen Industriestaaten gesunken ist: Weil die mittleren Einkommen in den vergangenen zehn Jahren nur um 0,3 Prozent jährlich gestiegen sind, während gleichzeitig Wohnkosten erheblich zulegten.

Hauspreise nämlich sind im Durchschnitt der Industrieländer seit 1990 um ein Viertel gestiegen und damit dreimal so schnell wie die mittleren Einkommen. In Deutschland immerhin ist die Mittelschicht mit 64 Prozent der Bevölkerung weiterhin etwas größer als im OECD-Durchschnitt von 61 Prozent. 

Die OECD vergleicht in der Steuer-Studie die Kluft zwischen dem Arbeitgeber-Bruttolohn zum Arbeitnehmer-Nettoeinkommen: Einkommensteuer, Sozialbeiträge, aber auch die wichtigsten Zahlungen aus dem Sozialsystem fließen ein.

Für alleinstehende Durchschnittsverdiener ohne Kinder beträgt diese von der OECD „Steuer-Keil“ („tax wedge“) genannte Kluft 49,5 Prozent. Das ist der zweithöchste Wert nach Belgien mit 52,7 Prozent.

Land„Steuer-Keil“ (Total Tax wedge) 2018Veränderung zum Vorjahr
Belgien52,7-1,09
Deutschland49,5-0,09
Italien47,90,20
Frankreich47,60,04
Österreich47,60,21
Ungarn45,0-1,11
Tschechien43,70,38
Slowenien43,30,34
Schweden43,10,13
Lettland42,3-0,60
...
OECD-Durchschnitt36,1-0,16

Italien und Frankreich folgen in diesem Ranking mit je knapp 48 Prozent. Im OECD-Durchschnitt beträgt die Steuer- und Abgabenlast dagegen nur 36,2 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr hat sich weder an der Höhe noch der Länderreihenfolge viel geändert. Immerhin ist der Steuer-Keil in Deutschland 2018 dank niedrigerer Sozialbeiträge um 0,1 Prozentpunkte gegenüber 2017 gesunken.

Deutlich besser schneidet Deutschland allerdings bei der Belastung von Familien ab. Für ein verheiratetes Paar mit zwei Kindern im Modell der klassischen Hausfrauenehe sinkt die Steuer- und Abgabenlast auf 34,4 Prozent und damit auf den neunten Platz.

Die Familienförderung durch Ehegattensplitting, Freibeträge und Kindergeld sowie die Mitversicherung in der Krankenkasse summierte sich auf einen Vorteil gegenüber kinderlosen Singles um 15,5 Prozentpunkte. Im OECD-Vergleich beträgt dieser Unterschied nur 9,5 Prozentpunkte.

Der Effekt von Ehegattensplitting und Mitversicherung in der Krankenkasse ist dabei hoch: Ein Doppelverdiener-Elternpaar mit zwei Kindern zahlt kaum weniger als ein kinderloser Single: Der Steuer-Keil liegt für sie bei 42,6 Prozent.

Weil sich für dieses Paar die Arbeit meist der Frau netto kaum lohnt, kritisieren internationale Organisationen wie die OECD und der IWF Deutschland seit Jahren für diese Struktur der Steuern: Sie sei ein Fehlanreiz für die Erwerbsbeteiligung von Frauen.

Der Vergleich zeigt auch, dass in Deutschland für Durchschnittsverdiener vor allem die Sozialbeiträge, die je zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgebracht werden, besonders hoch sind: Sie stehen für zwei Drittel des Steuer-Keils bei Alleinstehenden und 90 Prozent bei der Alleinverdiener-Familie mit zwei Kindern.

Entsprechend würden Abreitnehmer mit mittleren Einkommen vor allem von sinkenden Sozialbeiträgen und weniger von Steuersenkungen profitieren.

Vergessen werden sollte ebenfalls nicht, dass den höheren Steuern und Abgaben in vielen EU-Staaten hohe Leistungen etwa im Gesundheitssystem gegenüberstehen. In den USA etwa beträgt der Steuerkeil für Singles zwar nur 29,6 Prozent. Das höhere Netto vom Arbeitgeber-Brutto wird allerdings mit einem höheren Armutsrisiko im Krankheitsfall erkauft.

Für Deutschland gilt allerdings wie in fast allen Ländern der Befund, dass es für jüngere Leute schwieriger geworden ist, im Alter bis 30 Jahren ein Mittelschicht-Einkommen zu erzielen. OECD-Generalsekretär Angel Gurria warnte denn auch vor sinkendem Lebensstandard für die Mittelschicht.

Von den bis 1964 Geborenen schafften dies 71 Prozent, in der Generation X der Jahrgänge 1965 bis 1982 gelang dies 70 Prozent. Von den Millennials der 1983 bis 2002 Geborenen leben von jenen, die zwischen 20 und 29 Jahren alt sind, nur 61 Prozent in Mittelschicht-Haushalten. Allerdings haben auch noch nicht alle dieses Alter erreicht.

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8 Kommentare zu "Industrieländer-Vergleich: In Deutschland bleibt besonders wenig Netto vom Brutto"

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  • - Fortsetzung -

    Spätestens dann (meistens schon vorher), wenn die fiskalkleptokratische Abzocke des Volkes zum Zweck des Stimmenkaufs (Machtgewinn oder Machterhalt) so weit getrieben wurde, daß der Steuerertrag nicht mehr steigt, sondern sinkt (Laffer-Kurve), greift die politische Kaste zum Mittel der Verschuldung."
    https://forum.finanzen.net/forum/Staatsbankrott_und_Konkursverschleppung-t250965?page=0

    Leviathan wird sich dann also auf Kosten zukünftiger Generationen immer mehr verschulden, bis irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem er nicht mehr weiter aufschulden kann.
    Und dieser Punkt heißt dann schlicht und ergreifend Staatsbankrott.

  • Die maximal mögliche Raublast des Staates scheint jedoch immer noch nicht erreicht, da die Steuereinnahmen ja noch steigen.
    Diese maximal mögliche Raublast ist in der Sprache der Ökonomie der SCHEITELPUNKT DER LAFFER-
    KURVE:

    "Wird der Steuersatz, ausgehend von einem Satz von null, sukzessive erhöht, so steigen zunächst auch die Steuereinnahmen. Zwar gibt es einen Steuerwiderstand und die Besteuerten versuchen, der Steuer auszuweichen, aber die sinkende Besteuerungsgrundlage wird durch die Erhöhung des Steuersatzes überkompensiert.
    Bei einem Steuersatz von 100 % sei die Besteuerungsgrundlage Null und damit das Steueraufkommen auch Null. Wird der Steuersatz gesenkt, steigt die Besteuerungsgrundlage und damit das Steueraufkommen.
    Aus dieser Analyse der beiden theoretischen Extremsteuersätze von 0 % und 100 % lässt sich zeigen, dass der steueraufkommensmaximierende Steuersatz nicht einer der beiden Extremwerte sein kann, sondern irgendwo zwischen den Extremsteuersätzen liegen muss."
    https://de.wikipedia.org/wiki/Laffer-Kurve

    Ist der Scheitelpunkt der Lafffer-Kurve einmal überschritten, dann führen also weitere Steuererhöhungen der staatlichen Raubritter zu sinkenden Steuereinnnahmen. Dann muss der Raub auf eine noch perfidere Art und Weise erfolgen:

    "Die permanente Aufschuldung des Staates steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Mechanismen der Macht. Die Herrschaft von Menschen über Menschen kann nur auf zwei Wegen erfolgen: Entweder mit dem Schwert (mit Waffen) oder mit der Methode Brot und Spiele. Letztere war nicht nur die Methode von Herrschern im alten Rom, sondern ist auch das Lebenselixier der Demokratie und trägt dort die Namen Sozialstaat, Wohlfahrtsstaat und Umverteilung.

  • wir haben wohl ein Ausgabenproblem? "dem deutschen Volke"

  • Nur ein Hinweis:. Bei den i n d i r e k t e n Steuern sind die Belgier viel besser dran als die Deutschen.
    Alles andere sind sowie so nur Märchen.

  • Schön, dass sich die OECD um die Mittelschicht sorgt - sonst sorgt sich wohl keiner!

  • Ein Link zur Studie wäre noch hilfreich?

  • Ein zur Studie wäre noch hilfreich?

  • Die Angabe der Gehälter wäre auch interessant.