Industriepolitik Warum Frankreichs Wirtschaft trotz Macrons Reformen nicht auf Touren kommt

Keiner der französischen Präsidenten hat den Abwärtstrend der Industrie stoppen können. Nun gehen Industrielle auch noch nach Deutschland ins Exil.
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In den vergangenen zehn Jahren hat die französische Wirtschaft 500.000 Arbeitsplätze verloren. Quelle: Reuters
Frankreich

In den vergangenen zehn Jahren hat die französische Wirtschaft 500.000 Arbeitsplätze verloren.

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ParisNationalhymne, blau-weiß-rote Fahnen und der Duft von Patriotismus: Die Wirtschaftsvereinigung „Pro France“ veranstaltet am Donnerstag ihren Kongress zum Thema „Produzieren in Frankreich“. Es gibt etwas zu feiern: 74 Prozent der Franzosen seien bereit, tiefer in die Tasche zu greifen, wenn ein Produkt ganz oder überwiegend aus Frankreich stamme. „Wir können unsere Industrie wieder aufbauen“, gibt sich Yves Jego siegessicher. Er ist Chef von Pro France.

Gibt es wirklich etwas zu feiern? Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire hat soeben die offizielle Wachstumsprognose für dieses Jahr auf 1,7 Prozent heruntergesetzt. In der ersten Jahreshälfte war die Wirtschaft in ein Luftloch gesackt. Im Juli legte sie wieder zu, doch 2018 wird insgesamt schwächer sein als das Vorjahr.

Der Staatspräsident peitscht eine Reform nach der anderen durch das Parlament. Die Stimmung der Wirtschaftsbosse ist prächtig, die ganz großen Unternehmen zahlen rekordverdächtige Dividenden. Doch trotz aller politischen Ambitionen: Die Wohlstandsmaschine Frankreich kommt nicht auf Touren. Und das Volk beginnt zu murren.

Was viele Ökonomen verunsichert, ist die anhaltende Verschlechterung in einem sehr wichtigen Teil der Wirtschaft: dem produzierenden Gewerbe. „Der Niedergang der französischen Industrie setzt sich fort, das sollte uns beunruhigen“, sagt Patrick Artus, Chefökonom der Investmentbank Natixis.

„Es stellt sich die Frage, ob Frankreichs Industrie bereits die kritische Größe verloren hat und vor einem unwiderruflichen Abstieg steht“, setzt Denis Ferrand, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts COE Rexecode, noch eins drauf. Und den Chef der staatlichen Investitionsbank BPI, Nicolas Dufourcq, verfolgt ein persönlicher Albtraum: dass immer mehr französische Industrieunternehmen „in Deutschland Kapazitäten aufbauen, während sie in Frankreich Arbeitsplätze verlieren“.

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Zu diesen Befürchtungen passt eine Information des staatlichen Statistikamtes Insee: Es weist in seinem jüngsten Bericht über die französische Industrie darauf hin, dass diese im vergangenen Jahr mit 1,7 Prozent deutlich schwächer gewachsen ist als das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das um 2,2 Prozent zulegte.

Auch der französische Außenhandel leidet

Die Schwäche der Industrie zieht den Außenhandel in Mitleidenschaft. Denn in den Geschäften sind die Franzosen nicht so patriotisch wie in Umfragen. Das Defizit in der Handelsbilanz erreichte 2017 enttäuschende 63 Milliarden Euro. Seit drei Jahren weitet es sich aus. Im ersten Halbjahr 2018 kletterte der Fehlbetrag auf gut 33 Milliarden Euro. Eine der wichtigsten Ursachen ist die Schwäche der Industrie.

Wie ein Fluch lastet der Rückgang der Industrie auf Frankreichs Wirtschaft. In den vergangenen zehn Jahren hat sie 500.000 Arbeitsplätze verloren. In Deutschland entstanden im selben Zeitraum 30.000 industrielle Jobs. Deutlich Beschäftigung aufgebaut hat Frankreich dagegen in gering qualifizierten und eher schlecht bezahlten Branchen wie der Restauration, der Hotellerie und dem Transportgewerbe.

Seit Beginn des Jahrhunderts hat die verarbeitende Wirtschaft Frankreichs Marktanteile verloren. Ihre Produktionskapazität ist heute niedriger als 1998, während sie in der sonstigen Euro-Zone kräftig angestiegen ist. Beunruhigend: Die schwere Wirtschaftskrise 2008/09 ist nicht die Ursache.

Nach der Krise 2008 kam es auch in Frankreich anfangs zu einem Zuwachs. Doch der ist seit 2010 einem erneuten Abbau gewichen. Über die wirklichen Ursachen sind sich die Ökonomen mehr oder weniger einig: Die Lohnstückkosten waren lange zu hoch, Forschung und Entwicklung wurden vernachlässigt, die berufliche Bildung interessierte niemanden, der Mittelstand ist zu schwach im Export, und alle Industrieunternehmen zusammen haben zu wenig hochwertige Güter im Angebot.

„Frankreich produziert spanische Qualität zu deutschen Preisen“, bringt Artus es gerne auf den Punkt. Wobei Spanien bei der Qualität inzwischen aufgeholt hat – im Gegensatz zu Frankreich. 2006 war das letzte Jahr, in dem die französische Wirtschaft mehr Industriegüter ans Ausland lieferte, als sie einkaufte. Seitdem ist das Defizit bei Industriegütern fast kontinuierlich gewachsen.

Im vergangenen Jahr stieg es laut Aussage des Insee auf über 30 Milliarden Euro. Nur in vier Branchen schlägt sich die französische Industrie noch halbwegs gut: Flugzeuge und Autos, Chemie, Nahrungsmittel und Pharma. In allen anderen ist sie defizitär, speziell bei Ausrüstungsgütern und elektronischen Produkten. Es ist dieser ständige Abstieg, der den Wirtschaftsforscher Ferrand befürchten lässt: „Frankreichs Industrie hat vielleicht schon den Point of no Return überschritten.“

Produktionsverlagerung ins Ausland belastet

Ist das nicht viel zu pessimistisch? Schließlich hat die französische Autoindustrie in den vergangenen Jahren ein beeindruckendes Comeback geschafft. Renault und vor allem Peugeot-Citroën (PSA) kränkelten in der Vergangenheit. Heute sind beide hochprofitable Konzerne. Die Rentabilität von PSA steht derjenigen von deutschen Premiummarken nicht mehr nach. Gemeinsam mit Renault feiert PSA Absatzrekorde auf den Weltmärkten.

Es wird kräftig investiert in die Modernisierung der Werke. PSA steckt 700 Millionen Euro in die eigenen Anlagen in Frankreich, Renault-Nissan-Patriarch Carlos Ghosn will gar eine Milliarde Euro in die Hand nehmen, um die Fabriken im Hexagon auf den neuesten Stand zu bringen. Manche von ihnen zählen zu den profitabelsten überhaupt und fahren so viele Sonderschichten, dass die Belegschaft sich schon über zu viel Arbeit beschwert. Nach Niedergang klingt das nicht gerade.

Doch was sich hier tut, ist wie ein Kräuseln an der Oberfläche. Der Trend in der Tiefe ist ein anderer. Die Heimatbasis der Autoindustrie ist schwächer geworden, weil die Produktion ins Ausland verlagert wurde. Zu Beginn des Jahrhunderts wurden in Frankreich noch 3,5 Millionen Autos hergestellt.

Heute sind es nur noch 2,2 Millionen. Und Jahr für Jahr importiert Frankreich mehr Autos, als es ausführt. 2017 erreichte das Defizit 390.000 Stück. Erstmals drehte sogar der Handel mit Autoteilen ins Negative, stellt die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ fest. ´Nicht einmal die wiedergeborene Autobranche lässt derzeit darauf hoffen, dass Frankreichs Industrie ebenfalls den Turnaround schafft.

Dabei haben die politischen Verantwortlichen manches versucht, um sich gegen den Trend zu stemmen. Nicolas Sarkozy bemühte sich als Präsident von 2007 bis 2012, Forschung und Technologie zu stärken. Er gründete industrienahe Forschungsinstitute, die sich an den deutschen Fraunhofer-Instituten orientieren, und legte eine Jumboanleihe auf, um die Industrie zu fördern.

Sein Nachfolger François Hollande gründete die staatliche Investitionsbank BPI, die einen neuen industriellen Mittelstand entstehen lassen sollte, und er führte einen Steuerkredit für Beschäftigung ein. Emmanuel Macron hat 2017 sogar quasi als erste Amtshandlung die Vermögensteuer abgeschafft, die Kapitalertragsteuer und die Unternehmensteuer gesenkt.

Dahinter steht seine Überzeugung, Frankreichs reiche Oberschicht werde in die Industrie des Landes investieren und damit für Jobs sorgen. Daneben senkt Macron die Sozialabgaben. Und er umgarnt die jungen Gründer. Der Präsident schwärmt von „Frankreich, der Start-up-Nation“.

Die Gründer schwören auf ihn, doch noch ist das alte Frankreich stark. Kuriose Dinge gehen vor sich: Die Regierung will mit künstlicher Intelligenz die Industrie auf die Überholspur bringen. Laut Boston Consulting Group sind die eigenen französischen KI-Experten „unsere besten, aber einsetzen müssen wir sie oft im Ausland, hier besteht nicht genug Interesse“.

Macrons Gesetze sind noch zu frisch, um zu wirken

Macrons Regierung wirbelt weiter. Wirtschaftsminister Le Maire hat vergangene Woche sein „Pacte“-Gesetz ins Parlament gebracht. Es liest sich wie ein Wunschzettel des Mittelstands: Verfahren werden vereinfacht, der Export unterstützt, Abgaben auf Mitarbeiterbeteiligung gesenkt, öffentliche Forschung näher an die Betriebe gebracht. Kurz zuvor unterschrieb Macron das Gesetz für die Modernisierung der Berufsausbildung, das ebenfalls die Kompetenzen der Unternehmen stärkt.

Diese Initiativen sind noch zu frisch, um schon Wirkung zeigen zu können. Die Bemühungen der Vorgänger haben wenig gefruchtet, weil die Politik die produzierende Wirtschaft gleichzeitig zu sehr abschreckte: Sarkozy traute sich nicht an die hohen Lohnkosten, Hollande erhöhte massiv die Unternehmensteuern. Beide wagten es nicht, den überbordenden Staat zurückzunehmen.

Macron macht vieles richtig, er hat die Stimmung der Unternehmer ins Positive gedreht. Doch der Milliarden Euro teure Verzicht auf die Vermögensteuer zeigt bislang keine Wirkung, seine Arbeitsmarktreform ist noch vergleichsweise zaghaft geblieben. An die staatliche Verwaltung hat Macron sich noch nicht getraut. Die Verbesserung der beruflichen Bildung wird erst in ein paar Jahren zu mehr qualifizierten Arbeitskräften führen. Immerhin: Die Zahl der Auszubildenden steigt kräftig.

Nicht nur den einfachen Franzosen, auch manchem Industriellen geht die Geduld aus. Der Albtraum des BPI-Chefs, dass die französische Industrie quasi nach Deutschland ins Exil geht, mag übertrieben sein. Völlig aus der Luft gegriffen ist die Befürchtung nicht.

Um Sarkozys Forschungszentren beispielsweise ist es sehr ruhig geworden. Viele Unternehmen unseres Nachbarn ziehen es vor, mit den Fraunhofer-Instituten oder anderen industrienahen Einrichtungen der Bundesrepublik zu kooperieren. Anfang August gab der führende Autozulieferer Faurecia eine neue Initiative für Leichtbau bekannt, die er mit dem frankobelgischen Chemiekonzern Solvay angeht. Verwirklicht wird sie aber nicht in Lille oder Lyon, sondern in Augsburg.

Dieser Zug nach Osten betrifft nicht nur Forschung und Entwicklung, sondern auch die Produktion. Französische Unternehmen bauen Kapazitäten in Deutschland auf oder kaufen sie zu. Von dort beliefern sie den deutschen Markt, aber auch andere Länder. Das Insee hat sogar festgestellt, dass die Franzosen in einem Drittel der Fälle von Deutschland aus ihre Aktivitäten in anderen Ländern steuern.

Auf die eigene Wirtschaftsleistung bezogen, hat die französische Industrie 2016 und 2017 fast doppelt so viel in Deutschland investiert wie umgekehrt. Vincent Charlet vom Thinktank „La fabrique de l’industrie“ spricht von einer „Deutschland-Präferenz“, was Investitionen für die Herstellung von Ausrüstungsgütern angeht. Umgekehrt entwickelte die deutsche Wirtschaft dagegen vor allem Immaterielles wie Software in Frankreich.

Seit 2012 hat sich die Verlagerung industrieller Aktivitäten von Frankreich auf das Ostufer des Rheins einer Untersuchung von Pricewaterhouse Coopers (PwC) zufolge beschleunigt. 2016 sei mit 93 Übernahmen deutscher durch französische Unternehmen ein Rekord erreicht worden. Gleichzeitig akquirierten deutsche Firmen in Frankreich lediglich 25 Unternehmen.

„Frankreich ist wieder da“, sagte Macron im Januar in Davos vor der Elite der globalisierten Wirtschaft und wiederholte auf Englisch: „France is back.“ Damit war er der Zeit etwas voraus. Noch ist die französische Industrie nicht „back“, sondern immer häufiger weg. Große Namen verschwinden: Lafarge ging an die Schweizer, Alstoms Kraftwerke an die Amerikaner. Der Rest schließt sich mit Siemens’ Bahntechnik zusammen.

Strukturreformen erfordern Geduld. Die haben nur wenige Franzosen. Der Erfolg oder Misserfolg von Macrons Industriestrategie wird mit darüber entscheiden, ob das Land seine Präsidentschaft feiert oder abschreibt.

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