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Industriepolitik Wie Frankreich seine Industrie verloren hat – und sie jetzt zurückgewinnen will

Die Corona-Pandemie zeigt, wie wichtig eine starke Industrie für die Volkswirtschaft ist. Doch die derzeitige Krise gefährdet Macrons Wiederbelebungsversuche.
26.11.2020 Update: 27.11.2020 - 13:58 Uhr 2 Kommentare
Kein anderes EU-Land hat in so starkem Umfang Industrie-Arbeitsplätze ins Ausland verlagert wie Frankreich. Quelle: AFP
Geschlossenes Fabriktor in Donges bei Saint-Nazaire

Kein anderes EU-Land hat in so starkem Umfang Industrie-Arbeitsplätze ins Ausland verlagert wie Frankreich.

(Foto: AFP)

Paris Dichter schwarzer Qualm von brennenden Autoreifen und Hunderte Gewerkschafter in roten Westen begrüßen Emmanuel Macron. Kurz vor dem zweiten Wahlgang zur Präsidentschaft ist er nach Amiens geeilt, um mit den Beschäftigten eines Werks von Whirlpool zu diskutieren. 650 Existenzen stehen auf dem Spiel, weil der Konzern Wäschetrockner künftig nicht mehr in Frankreich, sondern in Polen fertigen lassen will. Nur mühsam kann der Kandidat nach hitzigen Wortgefechten seine Botschaft absetzen: „Ich verspreche ihnen nicht, dass ich ihre Jobs retten kann, aber ich werde dafür kämpfen, dass ihre Kinder eine bessere Ausbildung bekommen.“

Elf Tage später wurde Emmanuel Macron zum Präsidenten gewählt. Die Reform der Berufsausbildung ist eine der wichtigsten Veränderungen, die er erreicht hat. Den Beschäftigten von Whirlpool hat das nicht mehr geholfen: 86 Menschen arbeiten nach zwei Übernahmen noch dort. Die endgültige Schließung drohe, orakelte die Präfektur vor wenigen Tagen.

Das Werk in Amiens wäre eine weitere Station eines langen Leidenswegs von Industriebetrieben, die in den vergangenen 40 Jahren in Konkurs gingen oder Frankreich den Rücken gekehrt haben. Ohne starke Industrie aber – das zeigt vor allem auch die Coronakrise – ist ein Land nicht widerstandsfähig. Es ist weniger in der Lage, sein Gesundheitssystem zu verteidigen, und es fehlen schlichtweg oft die Ressourcen, gegen externe und interne Schocks anzukämpfen.

„Frankreich ist unter den großen Industriestaaten das Land, das in den vergangenen Jahrzehnten die stärkste Deindustrialisierung erlitten hat, stellt „France Stratégie“, der Thinktank des Premierministers, in einer mehrere Hundert Seiten starken Analyse fest. Seit 1980 haben die Industriebranchen die Hälfte ihrer Beschäftigten eingebüßt, 2,2 Millionen Arbeitsplätze gingen verloren.

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    2018 und 2019 sei die Industriebeschäftigung zum ersten Mal wieder gestiegen. „Doch die Covid-Krise stellt diese Tendenz fundamental infrage“, so die Ökonomen des Berichts. Der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung liegt in Frankreich bei 13,5 Prozent. In Deutschland sind es 24,3 Prozent, im EU-Durchschnitt fast 20 Prozent.

    Frankreich ist im Laufe der Jahre zum „Europameister in Sachen Delokalisierung“ geworden, lautet die zweite wichtige Feststellung von France Stratégie. Kein anderes EU-Land habe in so starkem Umfang Industriearbeitsplätze ins Ausland verlagert, um auf nachteilige Kostenstrukturen zu reagieren. Während Deutschland Güter exportiert, führte Frankreich ganze Industriezweige aus.

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    Eine schrumpfende Industrie zieht negative wirtschaftliche, soziale und politische Folgen nach sich. In der Industrie wächst die Produktivität im Schnitt schneller als in anderen Sektoren. Die Industrie realisiert in Frankreich mehr als zwei Drittel der privaten Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nimmt ihr Gewicht ab, verringert sich das Wachstum und damit die Fähigkeit, Einkommen zu erzeugen.

    Ein chronisches Handelsbilanzdefizit baut sich auf. Die übertragenen Einkommen, die von Investitionen im Ausland stammen, gleichen das nur begrenzt aus. Und sie fördern eine schiefe Einkommensverteilung, denn sie kommen vor allem den Vermögenden zugute. Schließlich veröden ganze ehemals blühende Regionen, deren Bevölkerung sich benachteiligt fühlt und aus Protest Rechtspopulisten wählt.

    Deutschland exportiert Güter, Frankreich Industriezweige

    Schon Nicolas Sarkozy und nach ihm François Hollande erkannten das Problem. „Ich will die industrielle Beschäftigung auf Dauer sichern“, sagte Sarkozy 2010. Der konservative Präsident legte eine „große nationale Anleihe“ auf, von der 6,5 Milliarden Euro der Industrie zugutekommen sollten. Doch für viele Franzosen blieb die Deindustrialisierung lange ein statistisches Phänomen oder gar Ausdruck der Modernität: Schneller als Deutschland wandelte das Land sich zu einer Dienstleistungsökonomie, hieß es.

    Doch dann kam Corona. Mit der Pandemie ist die Sorglosigkeit verflogen. Verstört sehen die Franzosen seit dem Frühjahr, dass eine der größten Volkswirtschaften der Welt nicht genügend Beatmungsgeräte produzieren kann, die wichtigsten Medikamente aus China importiert werden müssen und nicht einmal die Fähigkeit besteht, in ausreichender Menge die Reagenzien für Corona-Tests zu fabrizieren.

    Macron reagierte umgehend: „Die Re-Lokalisierung der Produktion ist der wichtigste Hebel, um unsere Souveränität zu sichern“, sagte er im Juni beim Besuch einer Fabrik des Pharmaunternehmens Sanofi. Frankreich müsse wieder dazu in der Lage sein, strategische Güter im Inland oder in Europa herzustellen. 15 Milliarden Euro stellte er in Aussicht, um die Rückkehr der ausgelagerten Jobs und Kompetenzen zu erzielen.

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    Wirtschaftsminister Bruno Le Maire und Staatssekretärin Agnès Pannier-Runacher zeichneten jetzt 31 Unternehmen aus, die sie als vorbildlich ansehen. 680 Millionen Euro an Investitionen würden mobilisiert, davon 150 Millionen Euro vom Staat. 4000 Arbeitsplätze würden gesichert, „1800 neue sollen entstehen“, sagt Pannier-Runacher. Wie viele davon aus dem Ausland zurückkehren, wollte ihr Sprecher auf Nachfrage nicht sagen.

    France Industrie hebt zwei entscheidende Schwächen hervor: Wegen hoher Kosten sei die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie über Jahrzehnte hinweg zerstört worden. Nicht etwa durch übermäßige Lohnsteigerungen, sondern durch einen giftigen Cocktail hoher, ertragsunabhängiger Steuern und sehr hoher Sozialabgaben.

    Nur mittleres Qualitätsniveau

    Die zweite Schwäche: Statt auf Produkte auszuweichen, die höherwertig sind und mehr Technologie enthalten, sei die Industrie im Schnitt auf einem mittleren Qualitätsniveau stehen geblieben und habe das Heil in der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer gesucht. Patrick Artus, Chefvolkswirt der Investmentbank Natixis, fasst das gerne in dem Satz zusammen: „Frankreich stellt Güter auf spanischem Technologieniveau her, aber zu deutschen Preisen.“

    Bleibt Frankreich auf der Suche nach der verlorenen Industrie? Steuerliche Förderung von Forschung und die Senkung der Arbeitskosten leitete schon Hollande ein. Macron hat weitere wichtige Korrekturen bewirkt, das zeigt der Aufwärtstrend in der Industriebeschäftigung in den Jahren 2018 und 2019. Man kann nur hoffen, dass er nach der Covid-Krise wieder den Anschluss daran findet.

    Nicolas Dufourcq, Chef der Banque Publique d’Investissements, Frankreichs KfW, ist optimistisch: „Der Trend zur Wiederbelebung der Industrie wird durch die Krise gefährdet, aber er ist definitiv nicht abgebrochen, im Gegenteil“, sagte er dem Handelsblatt. Noch nie zuvor sei die öffentliche Meinung zur Industrie so positiv gewesen, der französische Wiederaufbauplan sei sehr großzügig.

    Und: „Wir haben bereits mehrere tausend unternehmerische Projekte, die vom Wirtschaftsministerium gemeinsam mit der BPI geprüft und gegebenenfalls unterstützt werden.“

    Dufourcq glaubt, dass Frankreich endlich verstanden habe, „dass eine gemeinsame Währung erfordert, seine eigene Industrie nicht stärker als die anderer Euro-Länder mit Steuern, Abgaben und Vorschriften zu belasten“. Drei Bedingungen müssten aber erfüllt werden, damit sich der Erfolg einstellt: „Wir müssen systematisch, entschieden und kontinuierlich handeln.“

    Mehr: Lesen Sie hier, was die neuen Corona-Einschränkungen für die Wirtschaft in Deutschland bedeuten

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    2 Kommentare zu "Industriepolitik: Wie Frankreich seine Industrie verloren hat – und sie jetzt zurückgewinnen will"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • @Herr Alexander Hohmann
      Ihrem ausgezeichneten Kommentar kann ich absolut zustimmen. Ähnlich ist es auch in Deutschland - als ich mich vor etlichen Jahren um ein Zimmer in einer WG bewarb, wurde mir auf den Kopf gesagt. dass man keine Techniker möge.
      In unserer ideologisch, fundamentalistischen Welt zählen weniger die wissenschaftlich, analytisch - pragmatische Gedanken als die euphorischen - wütenden.
      Hieß es früher: "Wer schreit, hat unrecht" - so heißt es heute eher: "Wer schreit, hat auch einen (nicht zu hinterfragenden) Grund".
      Das schönste Beispiel ist unsere EU-Politik, die sich nach den FFF Schreiern ausrichtet und zig tausende Arbeitsplätze in der EU vernichtet. Die Automobilhersteller wird eine Strategie Richtung e-Autos aufgezwungen: in China und Chile werden durch den Rohstoffabbau für Batterien massiv die Umwelt zerstört, die Produktion benötigt gigantisch Energie und der Verbrauch wird nur zum geringen Teil durch erneuerbare Energien gedeckt. Die Strafen bewirken, dass europäische Autobauer Tesla Milliarden überweisen, um Strafen zu entgehen.
      Irgengwie wirkt das auf mich extrem UNQUALIFIZIERT!

    • Ein wichtiger Faktor ist in Frankreich auch das Bildungssystem und überhaupt die Kultur, in denen technische Berufe als minderwertig betrachtet werden. Ich erinnere mich, als wir damals auf dem "Collège" durch eine Jahrgangsprüfung gingen, jene mit schlechteren Ergebnissen dann in Richtung der technischen Ausbildungen geschoben wurden und dies von Lehrern und Schülern gleichermaßen als "voie de garage" (Abstellgleis) bezeichnet wurde. Tatsächlich gibt es aber in etlichen technischen Berufen auch in Frankreich Fachkräftemangel, während die Parallelwelt des Bildungswesens weiter die Arbeitslosenstatistik und die Fast-Food-Ketten mit lauter Absolventen in Literatur, Psychologie, Philosophie usw. beliefert.

      Ich erinnere mich auch, wie in den Neunzigern vom postindustriellen Zeitalter geredet wurde (wie im Artikel erwähnt), in dem man sich alle hochwertigen Schritte vorbehielte (Design, Entwicklung, Verkauf...) und die schmutzigen Produktionsjobs nach Asien vergeben würde, z.B. ins "Entwicklungsland" China. In seinem Blog auf "Le Monde" merkte der ehemalige Industriekapitän Jean Peyrelevade dann vor ein paar Jahren an, dass um die Industrie herum auch alle möglichen Dienstleistungsjobs gravitieren, die man damit unwillentlich auch weggibt.

      Industrie ist auch eine Kultur. Wenn sie in der Gesellschaft einen schlechten Stellenwert hat, wird es schwer, sie wieder aufzubauen.

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