Innenpolitische Risiken Karadzic-Verhaftung Fluch und Segen für Serbien

Mit der Verhaftung von Radovan Karadzic erhofft sich die Belgrader Regierung einen schnellen EU-Beitritt. Doch die innenpolitischen Risiken der Festnahme sind enorm.
  • Mathias Brügmann
Nach Jahren auf der Flucht: Der frühere bosnische Serbenführer Karadzic gefasst. Foto: Reuters

Nach Jahren auf der Flucht: Der frühere bosnische Serbenführer Karadzic gefasst. Foto: Reuters

BERLIN. Als Arzt für alternative Heilmethoden versteckt, getarnt mit schlohweißem Rauschebart und dicker Hornbrille - so konnte Radovan Karadzic lange Jahre mitten in Belgrad seine Verfolger narren. Weder der Wohnungsvermieter noch der Chef der privaten Arztpraxis in Belgrads heruntergekommenem Neubauviertel habe einen der weltweit am meisten gesuchten Verbrecher, der sich nun Dragan Dabic nannte, erkannt.

Ein Zufall habe den Fahndern in die Hände gespielt, ließ Serbiens Minister für die Kooperation mit dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal, Rasim Ljajic, gestern die internationale Presse wissen. Polizei und Geheimdienste hätten gerade Mittelsmänner des früheren Militärchefs der bosnischen Serben, Ratko Mladic, verfolgt und seien so auf den abgemagerten 63-jährigen Karadzic getroffen. Während Mladic also, der der "Schlächter von Srebrenica" genannt wird und mit seinen Soldaten für den Mord an mindestens 8 000 moslemischen Bosniern verantwortlich sein soll, weiter auf der Flucht bleibt, kämpft Karadzic jetzt gegen seine Auslieferung nach Den Haag.

Das ist die eine Version von Karadzics Festnahme. Aus Sicht des früheren Präsidenten der serbischen Bosnien-Republika Srpska - heute Teil Bosnien-Herzegowinas - hört sich die Geschichte ganz anders an. Zwar schwieg Karadzic, der sich vom armen montenegrinischen Bauernsohn erst zum Dissidenten-Poeten, zum Psychiater und dann zum Politiker gewandelt hatte, vor dem Untersuchungsrichter. Doch sein Anwalt Svetozar Vujacic erzählte den Reportern, Karadzic sei schon am Freitag um 21.30 Uhr verhaftet worden. Seit er in einem vollbesetzten Bus auf der Fahrt vom Neubauviertel der Hauptstadt, Novi Beograd, nach Batajnica einen Sack über den Kopf gestülpt bekommen habe, schmore er in Untersuchungshaft.

Polizei und Ermittler widersprechen dem. Doch die verwirrende Geschichte der Verhaftung ist nicht die einzige Ungereimtheit bei der Jagd nach Karadzic, dem die Haager Ankläger Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwerfen. Noch am Wochenende, an dem Karadzic angeblich schon in Haft gesessen haben will, betonten Belgrader Geheimdienstler demonstrativ, sie wüssten nicht, wo die seit über zehn Jahren Gesuchten Karadzic und Mladic steckten. Und die Sozialistische Partei Serbiens (SPS) dementierte noch in der Nacht zum Dienstag, ihr Parteichef und neuer Innenminister, Ivica Dacic, habe "irgendetwas mit der Festnahme zu tun". Das ist für Belgrader Politiker kaum verwunderlich. Denn Dacic, der auch der "kleine Slobo" genannt wird, steckt in einem Dilemma: Der SPS-Chef, einst politischer Ziehsohn des Autokraten Slobodan Milosevic und dessen Propagandachef, sitzt als Minister im neuen Kabinett.

Die Regierung wird von den Demokraten des Staatspräsidenten Boris Tadic geführt und ist eine fragile Koalition aus Marktreformern und populistischen Pensionärsfunktionären - und eben Dacics Sozialisten. Schon weil er statt mit den starken Radikalen ein Bündnis mit Tadics Demokraten (DS) einging, hat sein Ansehen laut Umfragen stark gelitten. Die Verhaftung Karadzics lässt ihn nun endgültig als "Verräter" dastehen, als den ihn Aleksandar Vucic, Generalsekretär der Radikalen, brandmarkt.

Noch in der Nacht demonstrierten sie vor dem Untersuchungsgefängnis gegen "Tadics Verräterbande", die Serbien zur "Geisel der USA" mache. Ein Großaufgebot der Polizei riegelte Kerker und US-Botschaft ab, nachdem im März bereits nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovos aufgebrachte Demonstranten in Belgrads Innenstadt Botschaften und Läden geplündert hatten. Die geplante Auslieferung Karadzics nach Den Haag werde so zur innenpolitischen Zerreißprobe, warnen serbische Zeitungen.

Doch die politische Führung ließ keinen Zweifel daran, dass sie Karadzic ausliefern will - wie von der EU als Voraussetzung für eine Annäherung an Brüssel gefordert: "Serbien macht damit ganz klar, dass es ernsthaft nach Europa will", sagte Außenminister Vuk Jeremic (DS). Als weiteres Zeichen des guten Willens Belgrads will Jeremic nun auch die nach der Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovos aus vielen Hauptstädten - darunter Berlin - abgezogenen serbischen Botschafter zurückschicken. Präsident Tadic bekräftigte dies. Vor einer Woche bestätigte er gegenüber dem Handelsblatt, er werde in Kürze darüber entscheiden. So solle klargemacht werden, dass Serbien nun alles getan habe für EU-Beitrittsverhandlungen.

Auch Sozialistenchef Dacic unterstrich nochmals: "Serbiens Weg führt nach Europa, nicht in die Isolation." Aber genau dorthin wollen die noch immer mächtigen knappen Verlierer der Parlamentsneuwahl vom Mai, die Radikalen und Nationalisten, die Sozialisten ziehen - und so eine erneute Regierungskrise in Belgrad heraufbeschwören.

Den Pro-Europäern in Serbien jedenfalls kommt Karadzics Festnahme sehr gelegen: Gestern kam der Chefankläger des Haager Tribunals, Serge Brammertz, planmäßig nach Belgrad. Er sollte für die EU erkunden, ob Serbien mit seiner Behörde auch wirklich kooperiere. Gestern stellte er zufrieden fest: "Das ist ein wichtiger Tag für die Opfer, die seit über einem Jahrzehnt auf diese Festnahme gewartet haben." Zudem sei dies eine Warnung an alle Kriegsverbrecher, "dass niemand außerhalb des Gesetzes steht und dass alle Flüchtigen früher oder später der Justiz überstellt werden".

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