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Innovation Fünf Gründe, warum der Start-up-Nation Israel die Gründer ausgehen

Die Zahl neuer Tech-Unternehmen sinkt drastisch. Das bereitet manchen Experten Sorge. Andere sehen darin jedoch ein Erwachsenwerden der Szene.
10.07.2021 - 11:57 Uhr Kommentieren
Den Rückgang der Zahl neuer Tech-Firmen in Israel halten Wagniskapitalfinanzierer für beunruhigend. Quelle: Moment/Getty Images
Tel Aviv

Den Rückgang der Zahl neuer Tech-Firmen in Israel halten Wagniskapitalfinanzierer für beunruhigend.

(Foto: Moment/Getty Images)

Tel Aviv Sagi Dagan hat schon viele israelische Firmen aus dem Nichts entstehen sehen. Food-Techs und Fintechs, Cyber- und Life-Science-Unternehmen. Nie mangelte es an innovativen Männern und Frauen, die ihre Ideen umsetzen wollten. Doch jetzt sieht Dagan immer weniger davon. Und er warnt: „Israels Wettbewerbsposition als ,Start-up-Nation‘ erodiert im internationale Vergleich.“

Dagan muss es wissen: Als Chef der Abteilung Wachstumsstrategie bei der Israel Innovation Authority (IIA) hat er den Überblick über Trends in der Nation der Gründer. „Die Zahl der Start-ups ist stark gefallen“, konstatiert er. Wurden im Jahr 2014 noch 1404 junge Tech-Firmen gegründet, waren es 2020 nur noch 520. Das hat nichts mit der Pandemie zu tun. Die Zahlen sinken seit sieben Jahren stetig.

Für die Entwicklung sind fünf Gründe verantwortlich: Zum einen seien schlicht mehrere Nationen und Städte als Konkurrenten hinzugekommen, sagt Dagan. Berlin und Paris, Tokio und Miami: Überall sind Gründer-Ökosysteme entstanden.

Das zweite Problem für die Gründer in Israel: Jungfirmen hätten heute mehr Mühe, sich Kapital zu beschaffen, sagt Sagan. Das bestätigt Liron Azrielant, Partnerin beim Wagniskapitalfonds Meron Capital: „Es ist für Start-ups schwieriger geworden, ausländisches Kapital zu beschaffen.“ Investoren aus den USA oder aus Europa seien heute gegenüber Anfängern, die sie nicht kennen, skeptisch und würden es vorziehen, sich dort zu engagieren, wo schon Resultate vorliegen.

Der Hightech-Sektor insgesamt meldet Rekorde bei der Kapitalbeschaffung. Seit Beginn dieses Jahres sind den innovativen Unternehmen mehr als zehn Milliarden Dollar zugeflossen, schreibt die NGO Start-up Nation Central (SNC). Das entspricht der Summe, die der Sektor im Laufe des ganzen vergangenen Jahres akquiriert hatte – und das war schon ein Rekordjahr. Das zeige, dass das Vertrauen von Top-Investoren ins israelische Ökosystem nach wie vor intakt sei, heißt es bei SNC.

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Den Rückgang der Zahl neuer Tech-Firmen indes halten Wagniskapitalfinanzierer für beunruhigend, weil sie den Nachschub an neuen Ideen und Projekten für die Zukunft gefährdet sehen. Um auch in den kommenden zehn Jahren als Tech-Hub erfolgreich zu sein, müsse sich die neue Regierung für den Sektor stärker engagieren, etwa durch stärkere Forschungsförderung, fordern Branchenvertreter.

Wenn der negative Trend bei den Neugründungen anhalte, werde bald die kritische Masse für das Wachstum des Tech-Sektors fehlen, befürchten Wagniskapitalfinanzierer. Und so formuliert die 35 Jahre alte Azrielant, die Unternehmern mit Startkapital beisteht, ihre Aufgabe mittlerweile so: „Wir versuchen, die Tech-Welt für die Zukunft zu retten.“ Meron Capital, an dem auch das Hamburger Büll Family Office beteiligt ist, unterstützt pro Jahr ein halbes Dutzend Jungunternehmer in Israel.

Potenzielle Gründer verdienen bei den großen Tech-Konzernen zu gut

Ein drittes Problem für die israelische Gründerszene sind die globalen Tech-Riesen, die die israelischen Talente anheuern. Multis wie Amazon, Intel, Facebook oder Google böten Löhne, mit denen Start-ups nicht mithalten können, sagt Azrielant. Um 20 bis 30 Prozent höher lägen die Saläre für Forscher bei den Big-Tech-Firmen, sagt die Neurowissenschaftlerin Talia Cohen Solal, die in Jerusalem das Start-up Genetika+ gegründet hat, das individualisierte Behandlungsmethoden gegen Depression entwickelt.

Da die Löhne für gute Beschäftigte in Israel so gestiegen sind, überlegt sie, Talente in der Ukraine anzustellen. Quelle: PR
Gründerin Talia Cohen Solal

Da die Löhne für gute Beschäftigte in Israel so gestiegen sind, überlegt sie, Talente in der Ukraine anzustellen.

(Foto: PR)

Sie will nicht ausschließen, einen Teil der Forschung nach Osteuropa zu verlagern, zum Beispiel in die Ukraine, um die Kosten für ihre Belegschaft niedrig zu halten.

Wie stark die Lohndifferenz das Gründen innovativer Firmen behindert, zeigt das Beispiel eines Top-Ingenieurs bei Google in Tel Aviv. Seinen Freunden erzählt er seit Jahren, dass er Google „demnächst“ verlassen werde, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Doch er hat ein „Problem“: Sein Gehalt beim Tech-Giganten steigt jedes Jahr und hat inzwischen die Eine-Million-Dollar-Schwelle überschritten, wenn man die Aktienoptionen mit einbezieht. Kein Wunder, dass der Ingenieur noch nicht gegründet hat – und weiterhin bei Google ist.

Die Zukunft des Hightech-Sektors ist entscheidend für ganz Israel. Er beschäftigt zehn Prozent aller Beschäftigten, generiert 15 Prozent des Sozialprodukts (BSP), 25 Prozent der Einkommensteuern und 43 Prozent der Exporte.

Im vergangenen Jahr habe sich besonders deutlich gezeigt, wie wichtig ein blühender und international konkurrenzfähiger Hightech-Sektor für die Widerstandskraft der Wirtschaft gegenüber Krisen ist, meint der Tel Aviver Ökonomieprofessor Dan Ben-David, der die Shoresh Institution for Socioeconomic Research leitet.

Während der Pandemie habe Israels Wirtschaft wie ein Märchen aus zwei verschiedenen Welten ausgesehen: Die Hightech-Welt erlebte einen Boom, da viele Technologiebereiche, in denen Israel führend ist, wegen der Pandemie besonders gefragt waren. Cybersicherheit zum Beispiel, Arbeitsautomatisierung und Medizintechnik.

Defizite im Bildungssystem belasten die Zukunftsaussichten

In der traditionellen Wirtschaft hingegen haben die drei Lockdowns in der Pandemie Arbeitnehmern, Restaurantbesitzern und Fremdenführern stark zugesetzt. Dort sei die Arbeitsproduktivität niedriger als in den meisten Industrieländern, rechnet Ben-David vor.

Das liegt auch am für die Masse schlechten Bildungssystem, das als vierter Punkt die Zukunftsfähigkeit des Gründereldorados Israel bedroht und Experten Sorgen bereitet. Das Land habe zwar mit die besten Universitäten, aber das Niveau in den Schulen sei bei zentralen Disziplinen wie Mathematik, Naturwissenschaften oder Leseverständnis im Vergleich zu Konkurrenznationen ungenügend, sagt Ben-David.. „Die Hälfte der Schüler erhält heute eine Dritt-Welt-Erziehung.“ Den aktuellen Lebensstandard werde Israel kaum aufrechterhalten können, wenn die Qualität der Ausbildung nicht verbessert wird.

Gravierend ist die Lage seiner Ansicht nach besonders bei den ultraorthodoxen Juden. Ihr Bevölkerungsanteil beträgt zwölf Prozent – und er wächst am schnellsten. In den Schulen der extrem Frommen werden keine säkularen Fächer unterrichtet. „Der demografische Trend rennt gegen die Moderne an“, mahnt der Ökonom. In zwei Generationen werde die Hälfte der Kinder aus ultraorthodoxen Familien stammen, die den modernen Lebensstil ablehnen. Das werde die Knappheit der Tech-Spezialisten zusätzlich verschärfen.

Schon jetzt berichten etwa 60 Prozent der Unternehmen von Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Beschäftigten für Positionen in Forschung und Entwicklung.

Israels Tech-Szene im Reifeprozess: Von der Start-up-Nation zur Scale-up-Nation

Es gibt aber auch einen wichtigen fünften Grund für die sinkende Zahl der Start-ups – und der sorgt bei Innovationsförderer Dagan wieder für Optimismus mit Blick auf den heimischen Tech-Sektor. Jungunternehmer, die einst nach ersten Erfolgen ihrer Produkte einen Exit anstrebten, trennen sich heute nicht mehr von ihrem Start-up, sondern wollen es wachsen sehen. So blieben sie länger im Unternehmen und gründeten kein zweites.

Israels Hightech-Sektor mache einen Reifeprozess durch, sagt der Innovationsförderer Dagan. Bis vor wenigen Jahren hatten Unternehmer ihr Start-up gern und früh an multinationale Firmen verkauft, um ihre Kapitalbasis zu verstärken und ihre Wachstumsstrategie zu verfolgen. Mobileye ging mit seinen Assistenzsystemen fürs autonomes Fahren an Intel, die Navigations-App Waze an Google.

„Israel war lange Zeit ein Hub für Start-ups, ein Bienenstock der Aktivität“, fasst Jeff Horing von Insight Venture Partners zusammen. „Aber diese Start-ups skalieren erfolgreich in einem schnelleren Tempo.“ So mutiere Israel von der Start-up- zur Scale-up-Nation, bringt Dagan den Trend auf den Punkt.

Dutzende von neuen Einhörnern und börsennotierten Unternehmen prägen den Trend zur Größe. Derzeit gebe es 63 von Israeli gegründete Einhörner, also nicht-börsennotierte Firmen, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind, sagt Jon Medved, CEO der Investitionsfirma OurCrowd. In diesem Jahr seien bereits zwölf weitere hinzugekommen. Europa zähle weniger als Israel, haben Analysten ausgerechnet. Und die Zeit, die israelische Start-up-Unternehmen brauchen, um sich zu vergrößern und „Einhorn“-Status zu erlangen, wird immer kürzer, zeigt ein Bericht von Jonathan Cohen von Catalyst Investments.

Auch dass der Investitionsgigant Blackstone neulich ein Büro in Tel Aviv eröffnet hat, werten Analysten als Vertrauensbeweis für den Standort Israel. Blackstone wird sich auf reife Wachstumsfirmen fokussieren.

Viele Jungunternehmer bringen ihre Firma alternativ bis zum Börsengang, sei es in Tel Aviv oder in den USA. Die Wirtschaftszeitung „Calcalist“ spricht von einer „IPO-Welle“. Nichts deute darauf hin, dass der Schwung nachlasse: Mehrere Firmen haben bereits Prospekte für den geplanten Börsengang eingereicht. Erst kürzlich ging Slack-Konkurrent Monday.com in den USA an die Börse.

Immer mehr israelische Gründer begleiten ihr Unternehmen bis zum Börsengang. Quelle: PR
Jüngster Börsengang eines israelischen Tech-Unternehmens an der Nasdaq

Immer mehr israelische Gründer begleiten ihr Unternehmen bis zum Börsengang.

(Foto: PR)

So paradox es klingt: Dass Neugründungen von multinationalen Entwicklungszentren in Israel spärlich geworden sind, ist ein weiteres Zeichen dieses Reifeprozesses. Statt 46 neue F+E-Hubs wie im Jahr 2016 kamen im vergangenen Jahr nur vier nach Israel. Von Alibaba bis Carl Zeiss und von Bosch bis Siemens, SAP, Lonza, Bayer bis zur Volkswagen-Gruppe: Mehr als 380 namhafte Firmen seien bereits mit F+E-Hubs in Israel vertreten, sagt Dagan. Da sei es kaum zu erwarten, dass neue hinzustoßen. Die Start-up-Nation Israel ist erwachsen geworden – mit allen Vor- und Nachteilen.

Mehr: Israelisches Start-up Monday.com ist nach Börsengang sieben Milliarden Dollar wert

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