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Inselgruppe im Südpazifik Abstimmung über Unabhängigkeit von Frankreich – Neukaledonien ist tief gespalten

Am Sonntag entscheidet Neukaledonien über die Abspaltung von Frankreich. Sollte es so weit kommen, hätte das für Paris erhebliche Konsequenzen.
03.11.2018 - 10:30 Uhr Kommentieren
Die Strände von Neukaledonien sind bei Urlaubern beliebt.
Neukaledonien

Die Strände von Neukaledonien sind bei Urlaubern beliebt.

Sydney Sonne, Sandstrände, kristallklares Wasser – und „La Marseillaise“. Aus einem kleinen Lautsprecher dröhnt die französische Nationalhymne. In der neukaledonischen Hauptstadt Noumea findet eine Demonstration statt. Mehrheitlich weiße Neukaledonier schwenken stolz die französische Flagge.

Einige Demonstranten haben sich das Gesicht mit den Farben blau, weiß und rot bemalt. „Vive la France!“, rufen sie, es lebe Frankreich. Am 4. November können die Neukaledonier abstimmen, ob sie sich von Paris trennen wollen. Für die Protestierenden ist der Fall klar: Nein!

Dann versucht plötzlich ein Mitglied der indigenen Kanaken den Aufmarsch zu stören. Bewaffnete Polizisten halten ihn zurück. „Es ist kompliziert“, fasst die australische Pazifikexpertin Denise Fisher die politische Lage im Nachbarland zusammen. Die ehemalige Botschafterin in Noumea lehrt an der australischen Nationaluniversität ANU.

„Kompliziert wegen der verschiedenen Wellen von Einwanderern, die im Verlauf der Jahrhunderte nach Neukaledonien kamen und unterschiedliche Interessen haben. Kompliziert aber auch wegen der spezifischen Rechte, die kein anderes französisches Territorium hat. So kann es etwa seine eigenen Gesetze erlassen“, meint Fisher.

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    Seit tausenden von Jahren besiedeln die Kanaken Inseln im Südwestpazifik. 1853 begann die Kolonialisierung, auf Anweisung von Napoleon. Später machte Paris aus Neukaledonien eine Sträflingskolonie. Seither sind die Neukaledonier abhängig von Frankreich wie ein Baby von der Mutterbrust: Teile der Wirtschaft sowie die öffentliche Verwaltung leben bis heute von Subventionen aus Paris. Allerdings tragen Tourismus und Bergbau verstärkt zum Einkommen bei. So liegen in den Gewässern von Neukaledonien einige der am besten erhaltenen Korallenriffe der Welt.

    Im Boden lagern zwischen 10 und 25 Prozent der globalen Nickelvorkommen. Auch der Abbau dieses Rohstoffs ist mehrheitlich in französischer Hand. Die Pariser Firma Eramet hält einen Anteil von 60 Prozent an der lokalen SLN (Société Le Nickel).

    Die Förderung des Metalls und die Folgen für die Umwelt sorgen regelmäßig für Proteste. Erst im Oktober wurde eine Anlage durch Demonstranten stillgelegt. Nickelminen sind auch ein beliebtes Ziel von Unabhängigkeits-Aktivisten. Anfang Oktober hatte eine Gruppe vorwiegend indigener Protestierender zwei Wochen lang die Produktion einer SLN-Mine aufgehalten.

    Neu ist der Ruf der Kanaken nach Unabhängigkeit nicht, er ist heute nur weniger blutig als früher. Zwischen 1878 und 1917 wurden hunderte von Indigenen in Aufständen getötet. „Oft war der Auslöser, dass Paris über Jahre erkämpfte Rechte für die Kanaken plötzlich wieder zurückgezogen hatte“, analysiert Denise Fisher. Die ethnischen Spannungen endeten 1988 zum letzten Mal in einem großen Blutbad.

    Bei einer Geiselnahme kamen 19 Indigene und sechs französische Sicherheitskräfte ums Leben. Frankreich habe über Jahrzehnte „bewusst versucht, die indigene Bevölkerung zu verdrängen, zu marginalisieren“, analysiert Denise Fisher: „Verschiedene Wellen von Immigranten aus anderen Teilen Frankreichs wurden gezielt eingesetzt, um die Separatisten an Zahl zu übertreffen.“

    Buntes Gemisch von Einheimischen und Zugewanderten

    Das Ergebnis dieser Politik ist ein buntes Gemisch von Einheimischen und Zugewanderten: die von Paris gesandten Administratoren, dann die europäischen Siedler, die seit Jahrzehnten in Neukaledonien leben. Dazu kommen Menschen aus anderen französischen Territorien und aus dem Rest des Pazifiks, sowie Vietnamesen, Chinesen und andere Asiaten. Die Rechnung Frankreichs ging trotzdem nicht auf.

    Die Kanaken stellen heute noch gut 40 Prozent der rund 270.000 Menschen zählenden Bevölkerung. Und sie bleiben eine potente Kraft. „Kanaken sind in allen Bereichen der Wirtschaft und Politik vertreten“, sagt Denise Fisher. „Nicht zuletzt, weil sich Frankreich in den letzten Jahrzehnten ihnen gegenüber deutlich offener gezeigt hatte und sie nicht mehr einfach als Kolonialisierte behandelte.“

    Ein Besuch des französischen Präsidenten Emmanuel Macron im Mai trug zur Charmeoffensive bei. Er schlug die Schaffung einer Achse der Verteidigung zwischen Frankreich, Indien, Australien vor. In diesem neuen System im Indo-Pazifischen Raum solle Neukaledonien eine wichtige Rolle spielen.

    Es könne niemand sagen, wie die Befragung am 4. November ausgehen werde, meint Fisher. Zu groß sei das Spektrum von Parteien. Ganz links steht die kompromisslos auf Unabhängigkeit pochende Labourpartei, ganz rechts die strikt die gegen die Unabhängigkeit von Frankreich politisierenden Konservativen.

    Dazwischen gibt es eine ganze Palette von kleineren Gruppierungen. Viele dieser Separatistenparteien seien heute dank dem Entgegenkommen Frankreichs nicht mehr so extrem wie früher, sagt Fisher. „Ihre Führer sprechen heute sogar davon, die Macht künftig mit Frankreich zu teilen.“

    Für Charles Wea, Sprecher der Kanak and Socialist Liberation Front (FLNKS), ist klar, dass nur eine Loslösung von Paris in Frage kommt. Befürchtungen, ein solcher Schritt könnte in einem wirtschaftlichen Desaster oder sogar in Gewalt enden, weist er zurück. „Wir hatten fast 30 Jahre Zeit, uns darauf vorzubereiten. Wir Kanaken sind in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht bereit“.

    Sollten die Neukaledonier am Sonntag Nein zur Unabhängigkeit sagen, werden sie im Jahr 2020 nochmal abstimmen können, und 2022 noch einmal. So sieht es der vor 30 Jahren mit Paris unterzeichnete Noumea-Vertrag vor. Stimmen sie zu, beginnt eine Phase der Transformation von Macht, der schrittweisen Loslösung von Frankreich. Wie weit die Trennung schließlich gehen wird, muss erst noch verhandelt werden.

    „Das Ziel ist aber, dass Neukaledonien ein souveräner Staat wird“, so Denise Fisher. Auch für Charles Wea ist klar. „Wir wollen eine neue Gesellschaft aufbauen, ein neues Land und damit eine neue Beziehung zu Frankreich. Denn wir können den französischen Kolonialismus nicht mehr akzeptieren“.

    Für Frankreich wäre der Verlust der Kontrolle über Neukaledonien nicht unbedeutend. Die Präsenz im Pazifik stützt die Position, die Macht und den Einfluss von Paris in den Vereinten Nationen, der Nato und der Europäischen Union.

    „Dieser Platz am asiatisch-pazifischen Tisch“ sei gerade in Zeiten geostrategischer Veränderungen sehr wichtig für Frankreich, sagt die Expertin Denise Fisher mit Blick auf die rapide und zeitweise aggressive Expansion von China in der Region. Frankreich hat seine Pazifik-Truppen auf einer Basis in Neukaledonien stationiert.

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