Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Interview Außenminister von Katar warnt: „Es droht ein atomares Wettrüsten am Golf“

Der Vize-Premier kritisiert die schwierige Sicherheitslage im Nahen Osten. Als Chef des katarischen Staatsfonds kündigt er milliardenschwere Investitionen in Deutschland an.
Kommentieren
Der katarische Außenminister und Chef des Staatsfonds QIA bezieht im Nahost-Konflikt eine klare Position. Quelle: Bloomberg
Mohammed bin Abdulrahman Al Thani

Der katarische Außenminister und Chef des Staatsfonds QIA bezieht im Nahost-Konflikt eine klare Position.

(Foto: Bloomberg)

München Die Qatar Investment Authority (QIA) ist einer der großen Staatsfonds der Welt. Ein neuer Schwerpunkt der durch die Einnahmen des weltgrößten Flüssiggasexporteurs Qatar Petroleum gespeisten QIA ist Deutschland. Aber auch wegen der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 und der Blockade gegen das Land steht der reiche kleine Golfstaat im Fokus.

An beiden Fronten – Investment und Außenpolitik – hält Scheich Mohammed bin Abdulrahman bin Jassim Al Thani Katars die Fäden in der Hand. Der erst 38-jährige ist Vize-Premier und Außenminister des Staates und zugleich Chef des Staatsfonds QIA. Mit dem Emir, Katars Staatschef, war er in München auf der Sicherheitskonferenz – und sie trafen bei einem CEO-Lunch deutsche Konzernlenker und Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Katar ist Großaktionär der Deutschen Bank, bei VW und Hapag-Lloyd.

Herr Vize-Premier, die Qatar Investment Authority ist einer der weltgrößten Staatsfonds. In welche Richtung steuern Sie die Investments als neuer Chairman?
Wir wollen weitere zehn Milliarden Euro in Deutschland investieren und in fünf Jahren mit 35 Milliarden Euro der größte arabische Investor in Deutschland werden. Deutschland ist eine stabile und wichtige Volkswirtschaft. Und wir sehen eine Vielzahl von Möglichkeiten für weitere Investitionen hier. Wir diskutieren einige Projekte sehr konkret, und wir haben einen Teil unserer Ankündigungen bereits am Kapitalmarkt und mit anderen Deals umgesetzt.

Welche denn?
Das können wir doch öffentlich noch nicht sagen.

Auch weil Katar sich jetzt verstärkt in den deutschen Mittelstand einkaufen will?
Ja, aber dafür haben wir Berater, vor allem einheimische. Wir kommen nicht allein, sondern mit Beratern und Partnern.

Ist das auch einer der Gründe, weshalb Katar der Deutschen Bank trotz der schlechten Performance treu bleibt?
Wir sind nur ein Minderheitsaktionär dort. Aber die Deutsche Bank sehen wir weiterhin als eine gute Möglichkeit an – wie auch den Einstieg bei anderen Firmen.

Sind Sie insgesamt zufrieden mit den Investments in Deutschland?
QIA ist ein Investor mit einer langfristigen Strategie. Wenn wir irgendwo einsteigen, suchen wir nicht den schnellen Profit. Wir wollen ein strategischer Investor sein und echte Partnerschaften aufbauen. Und konjunkturelle Zyklen beeinflussen deshalb nicht direkt unsere Investitionsentscheidungen.

Aber der Dieselskandal bei VW, der deutliche Kursrückgang der Deutsche-Bank-Aktie und die Insolvenz von Solarworld müssen Sie doch nervös machen ...
Das sind Zyklen. Aber Volkswagen, die Deutsche Bank und die anderen sind gute Unternehmen, starke Firmen. Natürlich kann es da von Zeit zu Zeit mal Probleme geben. Aber Partnerschaft heißt, dass wir durch gute Zeiten ebenso gemeinsam gehen wie durch schlechte.

Katar will ja auch Partner werden beim geplanten ersten deutschen Flüssiggas-Terminal. Wie geht es damit voran?
Das hat Qatar Petroleum (QP) unter seiner Regie, das wird kein QIA-Investment. QP investiert in LNG-Terminals und ins Marketing des Flüssiggases.

Dann kommen wir doch mal auf einen ganz anderen Wirtschaftszweig: Fußball. Da investiert Katar gerade Milliarden und trägt 2022 die Weltmeisterschaft aus. Läuft da trotz der Blockade Katars durch seine Nachbarstaaten alles nach Plan?
Wir stellen alle Infrastrukturprojekte für die WM fristgerecht fertig oder sogar schneller als geplant. Alles wird mindestens ein Jahr vor der WM fertig.

Trotz der im Juni 2017 durch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und andere Nachbarn verhängten Blockade?
Wir haben die durch die Blockade entstandenen Hindernisse längst überwunden. Wir bekommen alle benötigten Materialien.

Aber in der Fifa und in Saudi-Arabien wird diskutiert, ob die WM 2022 nicht mit 48 statt der bisher geplanten 32 Teams ausgetragen werden soll – und so Katar nur eines von mehreren Austragungsländern sein wird. Sind Sie dazu bereit?
Katar hat die Zusage zum Austragen der WM 2022 mit einer klaren Anzahl von Nationalmannschaften bekommen, und wir bauen alles exakt dafür. Und wir haben der Welt versprochen, die beste Fußball-WM aller Zeiten auszutragen – das werden wir. Und die Fifa könnte eine solch gravierende Änderung nur in Konsultationen mit uns entscheiden.

Wie hat die Vergabe der WM an Ihr Land das Image Katars in der Welt geändert – positiv wegen des Prestiges, das der Fußball ausstrahlt, oder negativ wegen der in vielen westlichen Medien ausgetragenen Debatte um Arbeitssklaven beim Bau der Stadien?
Überwiegend positiv. Die Weltmeisterschaft ist die Chance, die Welt zusammenzubringen. Zu zeigen, was Katar ist und kann, zu beweisen, dass auch ein kleines asiatisches Land Weltklasseevents austragen kann. Wenn es um die Menschenrechtsfrage geht, so wird sie in vielen Ländern gestellt, und überall läuft einiges gut, anderes schlecht.

Dennoch wird Ihr Land in vielen Medien weiter als Land der Arbeitssklaven dargestellt.
Aber wir haben die Kritik angenommen und große Veränderungen bei Arbeiterrechten vorgenommen. Wir akzeptieren in Katar keine Menschenrechtsverletzungen und ändern die Bedingungen für Arbeiter. Wir behandeln Arbeiter fair, die Stadien und Infrastruktur errichten. Es gab erhebliche Probleme, und wir haben uns die Kritik genau angehört und darauf reagiert, Bedingungen und Rechte ausländischer Arbeiter klar verbessert. Fehler einzugestehen und abzustellen, Reformen anzupacken, ist doch der richtige Weg. Und den geht Katar.

Wann, glauben Sie, wird die Blockade Katars beendet?
Das müssen sie die Blockadestaaten fragen. Wir haben sie von Anfang an gebeten, uns ihre Vorwürfe mit konkreten Belegen zu beweisen. Da kam nichts. Und die ganze Welt weiß jetzt, dass die Blockade jeder Grundlage entbehrt und nutzlos ist.

Hat Ihre Regierung Zahlen, wie viel die Blockade Ihr Land gekostet hat – etwa für Qatar Airways“ teure Ausweichrouten?
Die Zahlen haben wir intern berechnet, und wir werden jetzt die Schäden mit Prozessen gegen die Verursacher vor internationalen Gerichten einklagen. Sie haben geltende Verträge gebrochen und werden dafür zahlen müssen.

Ein anderer Teil Ihrer Arbeit ist die als Außenminister. Auf der Sicherheitskonferenz haben Sie Bundeskanzlerin Merkel und US-Vizepräsident Pence gehört – wer von beiden hat recht, wenn es um den Umgang mit dem Iran geht?
Ich weiß nicht, wer von beiden recht hat, beide haben ihre Argumente. Katars Position ist aber klar: Wir wollen vor allem kein nukleares Wettrüsten am Golf. Der Atomdeal mit dem Iran war ein sehr guter Meilenstein, er muss erhalten bleiben. Über die Atomfrage hinausgehende Punkte müssen wir jetzt an Teheran adressieren und verhandeln. Zugleich hat der Iran auch Sorgen vor einigen Golfstaaten. Das alles muss auf den Tisch und auf diplomatischem Wege gelöst werden. Wir und die Union der arabischen Golfstaaten haben den Atomdeal immer begrüßt.

Saudi-Arabien und andere haben ihn immer kritisiert.
Nein, die Mitglieder des Golfkooperationsrats (GCC) haben ihn erst begrüßt und wollten einbezogen werden in die Verhandlungen. 2017 haben dann einige GCC-Staaten ihre Position geändert, als Trump an die Macht kam, und sich gegen das Abkommen gestellt. Wir halten das Atomabkommen für richtig und nötig. Wir müssen aber die regionalen Probleme zwischen dem Iran und den arabischen Staaten anpacken und dürfen in keine neue Konfrontation geraten. Sonst kommt es zu einem gefährlichen Rüstungswettlauf in unserer ohnehin schon instabilen Region. Wenn der Iran nichts bekommt für seinen Verzicht auf Atomwaffen, wird er aus dem Nukleardeal aussteigen – und dann werden die anderen sich berechtigt fühlen, auch nach Atomwaffen zu greifen. Dann wird alles in der Region militarisiert.

Aber in Syrien und im Jemen gibt es doch längst einen Konflikt, den der Iran und Saudi-Arabien dort über Stellvertreterkriege ausüben. Sehen Sie Lösungschancen für die Kriege dort?
Syrien und der Jemen sind sehr unterschiedlich, und auch die Lösungsansätze sind verschieden. In Syrien gewinnt das Assad-Regime wieder Kontrolle über das Land. Und die politische und ethnische Fragmentierung setzt sich fort.

Aber Katar und Saudi-Arabien hatten die Anti-Assad-Opposition massiv unterstützt. Warum ist das gescheitert?
Der Fall Syrien ist nicht das Scheitern Katars oder Saudi-Arabiens, sondern der Weltgemeinschaft. Sie hat einen Verbrecher an der Macht gelassen, der sein eigenes Volk ermordet und Chemiewaffen gegen die Menschen eingesetzt hat. Er hat mehrfach rote Linien überschritten, und der Weltsicherheitsrat hat nichts getan. Das ist ein Scheitern diesbezüglich, wie die internationale Gemeinschaft mit solchen humanitären Katastrophen umgeht. Es kann doch jetzt nicht nur um Reduzierung der Gewalt gehen, es muss darum gehen, weshalb die Menschen auf die Straßen gegangen sind: Reformen, Demokratie, ein würdiges Leben. Aber niemand redet über eine politische Lösung. Das ist brandgefährlich für unsere Region.

Warum?
Weil es ein fatales Exempel statuiert, dass Kriminelle ihr Volk unterdrücken und umbringen können und dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden, sondern an der Macht bleiben. Das darf nicht die Messlatte für unsere Region werden.

Wie hat das Image des Mittleren Ostens gelitten angesichts der Kriege dort oder der Ermordung des oppositionellen Bloggers Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul?
Das war ein barbarisches Verbrechen. Das beschädigt nicht nur das Image der Region, sondern der ganzen Humanität. Khashoggis Ermordung kann niemand akzeptieren. Und da muss auch ein Zeichen gesetzt werden, dass so etwas nicht hingenommen wird. Das muss aufgeklärt und die Mörder müssen bestraft werden.

Was heißt das? Dass der saudische Kronprinz, der als Auftraggeber beschuldigt wird, abdanken muss?
Das ist nicht unsere Sache. Die Saudis müssen zeigen, wie sie mit den Verantwortlichen umgehen. Das muss Saudi-Arabien machen. Aber die Weltgemeinschaft muss sicherstellen, dass die Verantwortlichen für dieses Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.

Der katarische Außenminister nennt die Ermordung des saudischen Journalisten ein „barbarisches Verbrechen“. Quelle: AP
Jamal Khashoggi

Der katarische Außenminister nennt die Ermordung des saudischen Journalisten ein „barbarisches Verbrechen“.

(Foto: AP)

Verstehen Sie Menschen im Westen, die im Fernsehen von der Khashoggi-Ermordung hören, von Anschuldigungen Ihrer Nachbarn, die Katar der Terrorfinanzierung bezichtigen, von den Kriegen in Syrien und im Jemen – und dann die Länder des Mittleren Ostens als „failed states“ ansehen, obwohl es dort reiche und innovative Staaten gibt?
Die Polarisierung in unserer Region ist irrwitzig für die ganze Welt. Wir brauchen Stabilität – und nicht immer neue Vorwände für Konflikte. Aber wir haben keine Kontrolle über verantwortungslose Führer in der Region. Und es gab neben der Katar-Blockade viele verantwortungslose Entscheidungen in unserer Weltregion, die schlecht für uns alle sind.

Ihre Nachbarn werfen Katar Terrorfinanzierung vor.
Das ist doch aberwitzig: Wir sollen Terrorfinanciers sein, und zugleich ist in Katar das Zentrum der globalen Allianz gegen Terrorismus ansässig.

Und wie sieht eine Lösung für den Jemen aus?
Dort findet eine humanitäre Katastrophe statt, die niemand akzeptieren kann. Das Bomben muss jetzt endlich gestoppt werden, und dann müssen die jemenitischen Konfliktparteien an den Verhandlungstisch, nicht deren Stellvertreter Iran und Saudi-Arabien. Es muss vielmehr ein nationaler Dialog stattfinden. Die Jemeniten müssen die anderen auffordern, sich endlich rauszuhalten.

Herr Vize-Premier, vielen Dank für das Interview.

Startseite

Mehr zu: Interview - Außenminister von Katar warnt: „Es droht ein atomares Wettrüsten am Golf“

0 Kommentare zu "Interview: Außenminister von Katar warnt: „Es droht ein atomares Wettrüsten am Golf“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote