Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Interview EBRD-Chefin Odile Renaud-Basso: „Die Wachstumsstory im Osten bleibt intakt“

Die Präsidentin der Entwicklungsbank EBRD hält Osteuropa für die Boomregion des Kontinents. Im Interview mahnt sie zudem eine einheitliche Haltung gegenüber China an.
29.06.2021 - 09:30 Uhr Kommentieren
Odile Renaud-Basso leitet seit November 2020 die EBRD. Quelle: AFP/Getty Images
Präsidentin

Odile Renaud-Basso leitet seit November 2020 die EBRD.

(Foto: AFP/Getty Images)

Düsseldorf Ein geringerer Einbruch während der Pandemie, deutlich höhere Wachstumsprognosen – und das bei niedrigerer Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung: Osteuropa gehört inzwischen zu den Leistungsträgern des Kontinents. Odile Renaud-Basso, Präsidentin der Osteuropabank EBRD, erwartet, dass das auch so bleiben wird. Für dieses Jahr rechnet sie mit einem Wirtschaftswachstum von 4,2 Prozent für die Region.

Frau Präsidentin, wenn wir Nachrichten aus Osteuropa hören, geht es meistens um populistische Tendenzen und mangelnde Rechtsstaatlichkeit dort. Von der erstaunlichen ökonomischen Robustheit ist selten die Rede. Wie erklären Sie sich, dass die Region zum Wachstumsstar des Kontinents wird?
Der Lockdown dort war kürzer, die erste Corona-Welle schwächer. Deshalb mussten die Regierungen auch ihre Wirtschaften nicht so stark herunterfahren wie etwa in Italien oder Spanien. Außerdem ist Osteuropa nicht so abhängig vom Tourismussektor. Die industrielle Produktion wurde nicht so stark von der Pandemie getroffen wie der Dienstleistungssektor.

Was ist die Wachstumsprognose Ihrer Bank für dieses Jahr?
Die Wachstumsstory im Osten bleibt intakt. Wir erwarten jetzt für das laufende Jahr ein deutlich höheres Wachstum, als wir noch im Oktober prognostiziert hatten: 4,2 statt 3,6 Prozent. Aber es gibt regional große Unterschiede.

Welche sehen Sie?
Die EU-Länder in Mitteleuropa, Polen, die baltischen Staaten und andere, die gut mit dem Impfen vorankommen, werden schon in diesem Jahr wirtschaftlich auf oder über dem Niveau von 2019, dem Jahr vor der Pandemie, liegen. Auch weil sie eine starke Exportwirtschaft, eine große Diversifizierung sowie einen großen Anteil an Industrieproduktion haben und von großen Volkswirtschaften wie den USA, Deutschland oder China mitgezogen werden. Die Länder Zentralasiens können wegen ihrer Rohstoffexporte auch wieder schneller wachsen. Länder mit einem hohen Tourismusanteil und einem starken Dienstleistungssektor wie Kroatien oder Montenegro haben dagegen weiter Probleme mit der Erholung.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Pandemie hat die Sensibilität komplexer Lieferketten vor Augen geführt. Macht es Sinn für Unternehmen, die ihre Lieferketten aus Asien stutzen wollen, in Osteuropa Fabriken anzusiedeln?
    Beim sogenannten Reshoring haben die osteuropäischen Staaten natürlich bis heute Vorteile bei den Arbeitskosten und bei der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte. Das macht sie attraktiv für viele Firmen. Aber das größte Risiko ist natürlich auch dort die Demografie. Man hat in einigen Staaten dort auch schon Fachkräftemangel. Ich war gerade in Polen. Dort liegt die Arbeitslosigkeit bei nur drei Prozent. Aufgefangen werden kann der Fachkräftemangel nur durch Migration aus der Ukraine und Weißrussland.

    Ist es nicht erstaunlich, dass die osteuropäischen Länder auf der einen Seite eine ökonomische Erfolgsgeschichte schreiben, auf der anderen Seite aber mit europäischen Werten hadern und auf Distanz zu Brüssel gehen?
    Sie müssen bedenken, dass diese Länder einen sehr großen Wandel durchlaufen. Das löst Ängste aus und stellt Fragen nach der Identität in den Vordergrund. Das sieht man besonders in Polen und Ungarn, aber auch andernorts gewinnen Strömungen an Stärke, die mit Offenheit und Liberalismus hadern.

    Grafik

    Wie erklären Sie sich, dass private Investoren trotz des zunehmenden politischen Konflikts zwischen Polen und Ungarn einerseits und den westlichen EU-Ländern andererseits in diesen Ländern mehr investieren als je zuvor?
    Für private Investoren spielen die nach wie vor geringeren Löhne und die gut ausgebildete Bevölkerung eine zentrale Rolle. Außerdem profitieren die Länder natürlich von der Tatsache, dass sie Bestandteil des riesigen EU-Binnenmarkts mit den einheitlichen EU-Regularien und einfacher Handelsabwicklung sind. Vor allem die Autoindustrie ist sehr verzahnt. Bei neuen Technologien wie Batteriefertigung und -recycling spielt vor allem Polen eine wachsende Rolle.

    Grafik

    Die Attraktivität des Marktes haben vor allem die Chinesen entdeckt. Westeuropa blickt mit großer Skepsis auf die Annäherung vieler osteuropäischer Staaten an Peking. Haben Sie dafür Verständnis?
    Mein Eindruck ist, dass die anfängliche Euphorie vieler Länder nachgelassen hat. Das „17+1“-Format der Osteuropäer mit China hat etwas an Bedeutung verloren, einige Staaten haben ihr Engagement verringert. Sie haben offenbar die Gefahr erkannt, die eine zu große Abhängigkeit von China mit sich bringt. Außerdem hat die Kreditvergabe der Chinesen in Ländern wie Montenegro zu bedenklichen Schuldenniveaus geführt.

    Sie glauben also, dass die europäische Einheit gegenüber China nicht mehr gefährdet ist?
    Ich glaube, man hat das Problem erkannt. Die EU unternimmt viel, um die EU-Staaten enger zusammenzuhalten und einheitlich gegenüber China aufzutreten. Es ist ein schmaler Grat. Doch die Europäer müssen ihren eigenen Weg finden.

    Aber haben viele vor allem osteuropäische Länder, die bereits mit der Seidenstraßen-Initiative kooperieren und mit China Infrastrukturprojekte angeschoben haben, noch die Alternative, mit der EU deren Plan einer alternativen Seidenstraße umzusetzen?
    Unsere Rolle ist wichtig für große Projekte und als Alternative, mit unseren Standards. Auch das ist eine wichtige Dimension. Die Länder da bei ihrer Wachstumsstrategie zu unterstützen ist extrem wichtig. Das sieht man zum Beispiel auf dem Westbalkan, wo wir nicht nur Projekte finanzieren und politisch unterstützen, die ihnen nützen, sondern die auch eine Alternative sind zu Projekten, die aus anderen Regionen unterstützt werden.

    Die USA streben eine Entkopplung von China an und fordern von Europa, sich dieser Politik anzuschließen. Ist die EU gut beraten, hier den Amerikanern zu folgen?
    Die Krise hat klar vor Augen geführt, dass einseitige Anhängigkeit zu einem Risiko werden kann. Wenn man China zur Fabrik der Welt macht, mag das sehr kostengünstig sein. Aber es hat auch seinen Preis. Die EU braucht eine viel größere Diversifizierung, um ihre strategische Unabhängigkeit zu bewahren.

    Wenn Ihnen die strategische Autonomie so wichtig ist, was halten Sie dann von der „Allianz der Demokraten“, die US-Präsident Biden propagiert? Kann der Westen nach vier Jahren Trump zu alter Stärke zurückkehren?
    Ich sehe eine wesentlich gestärkte Allianz - vor allem in Schlüsselfragen der globalen Agenda wie etwa dem Klimawandel. Da hat sich die EBRD immer engagiert, aber unsere Anteilseigner waren gespalten, die USA bremsten lange Zeit. Das hat sich jetzt mit der neuen US-Regierung gewandelt. Da ist jetzt eine völlig neue Dynamik entstanden. Die USA und Europa pushen das Thema.

    Eine andere Frage, wo EU und die USA offenbar eine Lösung gefunden haben, ist das Thema Mindestbesteuerung von Unternehmen mit 15 Prozent. Was heißt das für Länder wie Ungarn?
    So weit sind wir noch nicht. Viele Details sind noch ungeklärt, und wir brauchen eine Lösung auf G20-Ebene. Aber sollte am Ende eine Lösung stehen, werden auch die osteuropäischen Länder ihr Steuersystem anpassen und ihre Steuern anheben. Das verringert natürlich den Wettbewerb um Investoren. Aber für die osteuropäischen Länder ist das ja nicht der einzige Faktor, der sie zu attraktiven Standorten macht.

    Aber Polens Premier Morawiecki hat deutschen Unternehmen gerade wieder attraktive Steuervorteile schmackhaft gemacht.
    Wenn es eine Mindestbesteuerung von 15 Prozent gibt, ist es immer noch attraktiv gegenüber Ländern mit 25 oder 30 Prozent Unternehmensbesteuerung.

    Grafik

    Derzeit gibt es eine große Debatte um die Rückkehr der Inflation. Was bedeuten die stark anziehenden Preise für die Schwellenländer?
    Wir sehen natürlich den Anstieg in diesen Ländern, die wir unterstützen. Da spielen natürlich die verteuerten Rohstoffe eine Rolle. Dennoch halten wir das für kurzfristige und vorübergehende Effekte.

    Osteuropa ist in den vergangenen drei Jahrzehnten erfolgreich wiederaufgebaut worden. Wozu braucht es eigentlich jetzt noch die Osteuropaförderbank?
    (Lacht) Wir haben genug zu tun. Am Mittelmeer sind ja noch einige Staaten hinzugekommen, die deutlich weniger entwickelt sind. Da haben wir noch eine große Rolle zu spielen.

    Frau Präsidentin, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Osteuropa wird immer mehr zum Powerhaus der EU

    Startseite
    0 Kommentare zu "Interview: EBRD-Chefin Odile Renaud-Basso: „Die Wachstumsstory im Osten bleibt intakt“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%