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Interview Internationale Handelskammer fordert Aufbau nationaler Güter-Reserven

Die Organisation rechnet damit, dass Lieferketten neu organisiert werden. Eine „Renationalisierung“ von Produktion lehnt die ICC jedoch ab.
18.03.2020 - 15:28 Uhr Kommentieren
Der Deutschland-Chef der internationalen Handelskammer hält nicht viel von Grenzschließungen in Europa. Quelle: Uwe Dettmar
Oliver Wieck

Der Deutschland-Chef der internationalen Handelskammer hält nicht viel von Grenzschließungen in Europa.

Berlin Die Internationale Handelskammer (ICC) mahnt angesichts der Coronakrise zur staatlichen Bevorratung von Medikamenten und anderen Gütern. „Staat und Unternehmen sind aufgefordert, in strategischen Bereichen nationale Reserven aufzubauen. Ich halte das für dringend geboten. Am besten entwickeln Staat und Wirtschaft dafür eine gemeinsame Strategie“, sagte Oliver Wieck, Generalsekretär der ICC Deutschland, dem Handelsblatt.

Eine strategische Bevorratung ähnlich wie beim Erdöl sei erforderlich „für den medizinischen Bereich, also für Medikamente, aber auch für technische Geräte und Schutzkleidung sowie für Impfstoffe“, sagte Wieck.

Eine Renationalisierung der Produktion lehnt dagegen Wieck ab. „Man sollte keinesfalls versuchen, qua Gesetz Unternehmen dazu zu zwingen, Produktion wieder nach Deutschland zu verlagern. Das passt nicht zu unserem Verständnis vom Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft und von effizienten Wirtschaftsabläufen.“ Die ICC hat sich der Förderung des freien, fairen und grenzüberschreitenden Handels verschrieben.

Exportverbote für bestimmte Produkte in Krisenzeiten hält Wieck für falsch. „In diese Zwangslage kommt man nur, wenn man sich nicht um die Bevorratung gekümmert hat. Es ist im europäischen Kontext ein katastrophales Signal, wenn die größte Wirtschaftsnation Exporte von Schutzmasken verbietet“, kritisierte Wieck. Die Bundesregierung hatte Anfang März den Export von medizinischer Schutzausrüstung vorübergehend verboten.

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    Lesen Sie hier das vollständige Interview:

    Erleben wir gerade den Anfang vom Ende der globalisierten, eng vernetzten Welt?
    Nein, das bedeutet nicht das Ende der Globalisierung.

    Was macht Sie so optimistisch?
    An den positiven Effekten der Globalisierung, an den Wohlstandsgewinnen für viele Menschen, besteht kein Zweifel. Daran ändert sich durch die Coronakrise nichts. Was wir allerdings brauchen, ist eine neue Bewertung einzelner Aspekte der Globalisierung. Das betrifft auch die Aufstellung der Unternehmen in einer globalisierten Welt, etwa die Einbindung in Lieferketten.

    Die hochgradige Spezialisierung offenbart im Moment ihre Nachteile, etwa wenn es für wichtige Medikamente nur noch einen Lieferanten gibt. Wie steuert man gegen?
    Staat und Unternehmen sind aufgefordert, in strategischen Bereichen nationale Reserven aufzubauen. Ich halte das für dringend geboten. Am besten entwickeln Staat und Wirtschaft dafür eine gemeinsame Strategie.

    Angesichts der Knappheit bei bestimmten Produkten gab es zuletzt Exportverbote. Sind Exportverbote für Medikamente oder Medizingeräte angesichts der teilweise dramatischen Lage nicht nachvollziehbar?
    In diese Zwangslage kommt man nur, wenn man sich nicht um die Bevorratung gekümmert hat. Es ist im europäischen Kontext ein katastrophales Signal, wenn die größte Wirtschaftsnation Exporte von Schutzmasken verbietet. Es müsste zumindest innerhalb der EU eine Koordination geben, die solche Schritte überflüssig macht. Als Vertreter des globalen Handels schmerzt es mich natürlich auch, wenn Exporte in Staaten außerhalb der EU verboten werden. Aber in extremen Notlagen muss man das wohl als ultima ratio hinnehmen, das gilt insbesondere dann, wenn die Notlagen länger andauern.

    Für welche Bereiche braucht ein Land eine strategische Bevorratung?
    Natürlich für den medizinischen Bereich, also für Medikamente, aber auch für technische Geräte und Schutzkleidung sowie für Impfstoffe. Da ist eine strategische Herangehensweise erforderlich, wie wir sie ja im Bereich der Erdölbevorratung bereits haben.

    Reicht die Bevorratung? Oder muss auch die Produktion nach Deutschland oder Europa zurückgeholt werden?
    Eine echte Renationalisierung hielte ich für falsch. Man sollte keinesfalls versuchen, qua Gesetz Unternehmen dazu zu zwingen, Produktion wieder nach Deutschland zu verlagern. Das passt nicht zu unserem Verständnis vom Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft und von effizienten Wirtschaftsabläufen. Das wäre auch gar nicht bezahlbar. Wir haben dazu auch nicht die Arbeitskräfte in Deutschland. Selbst wenn wir sie hätten, würden hier ja ganz andere Löhne aufgerufen.

    Es geht ja nicht nur um die strategische Bevorratung von Medikamenten oder Öl. Auch die Lieferketten für Konsumgüter und selbst für Lebensmittel erweisen sich in diesen Zeiten als anfällig. Was ist dagegen zu tun?

    Wir haben das Thema Nachhaltigkeit bis vor kurzem lange und intensiv überwiegend unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes und der Menschenrechte diskutiert. Ich bin davon überzeugt, dass die aktuelle Krise dazu führt, Nachhaltigkeit viel breiter zu bewerten. Viele Unternehmer werden sich fragen, ob sie möglicherweise Teile der Produktion in Bereiche verlagern, die besser beherrschbar sind, statt wichtige Teile in China herzustellen und zu erwarten, dass die Lieferketten nach Europa immer reibungslos funktionieren.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Oft haben Unternehmen gar keine andere Wahl, weil Staaten wie China oder auch die USA einen gewissen Anteil lokaler Produktion verlangen.
    Das ist leider in wachsendem Ausmaß so. Es widerspricht dem Verständnis eines regelbasierten multilateralen Handels. Die WTO hat das bislang nicht in Angriff genommen, was die aktuelle Schwäche der Organisation belegt. Gerade in dieser Krisenzeit muss das Thema auf die Tagesordnung, weil es sich für Unternehmen zur extremen Bürde entwickeln kann, weil es sie daran hindert, ihre Lieferketten neu zu organisieren.

    Viele Staaten haben angesichts der Coronakrise den Handel massiv eingeschränkt. Haben Sie dafür Verständnis?
    Innerhalb der EU wird zwar der Personenverkehr eingeschränkt, aber nicht der Warenverkehr. Ich finde die Reaktion insoweit vertretbar. Grundsätzlich sind wir als ICC natürlich gegen Grenzschließungen und gegen Einschränkungen des Handels. Insellösungen helfen gerade innerhalb der EU nicht weiter. Das Coronavirus ist ein globales Phänomen, kein nationales. Mit Grenzkontrollen innerhalb Europas wird man seine Verbreitung nicht aufhalten können.

    Wie bewerten Sie die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung für die Wirtschaft?
    Die Bundesregierung sendet damit ein sehr wichtiges Signal. Das Programm der Bundesregierung umfasst konkrete Hilfen, die zum richtigen Zeitpunkt kommen. Es zeigt sich jetzt, wie wichtig es war, dass die Bundesregierung in den vergangenen Jahren solide gewirtschaftet hat.

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