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Interview Kandidatin für WTO-Chefposten: „Das Vertrauen in das globale Handelssystem steht auf dem Spiel“

Koreas Handelsministerin Yoo Myung Hee strebt an die Spitze der Welthandelsorganisation. Was sie dort verändern möchte, erklärt sie im Interview.
16.09.2020 - 07:37 Uhr Kommentieren
Yoo Myung Hee: „Vertrauen in Handelssystem steht auf dem Spiel“ Quelle: dpa
Koreas Handelsministerin Yoo Myung Hee

Die 53-Jährige will Generaldirektorin der WTO werden. Sie tritt gegen sieben anderen Kandidaten an.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Es könnte das erste Mal in der Geschichte der Welthandelsorganisation sein, dass eine Frau an die Spitze rückt. Drei der acht Kandidaten sind weiblich: Eine davon ist die koreanische Handelsministerin Yoo Myung Hee. Sie sieht in der durch die Corona-Pandemie verursachten Wirtschaftskrise die einmalige Gelegenheit, die WTO aus ihrer Krise zu führen, und spricht von einem kritischen Wendepunkt. „Es ist die Chance für die WTO zu zeigen, dass sie relevant und beweglich ist.“

Dafür müssten wichtige Reformen endlich umgesetzt werden: Nachdem der neue Generaldirektor gefunden ist, müssten sich die 164 Mitgliedsländer bis Sommer auf Regeln für Subventionen und den Marktzugang einigen. Auch die Zuständigkeit der umstrittenen Berufungsgeschichte der WTO müsse genauer geklärt werden. Die Reformvorstellungen der Mitgliedstaaten gingen derzeit noch weit auseinander. „Alle sind jedoch überzeugt davon, dass die Organisation revitalisiert werden muss.“

Neben Yoo, die in den vergangenen Jahren zahlreiche Handelsabkommen Koreas mit anderen Ländern verhandelt hat, kandidieren als weitere Frauen Amina Mohamed, Vizechefin im Sekretariat der Vereinten Nationen aus Kenia, sowie die frühere nigerianische Finanzministerin Nnjgozi Okoo-Iweala. Die 27 EU-Staaten könnten sich derzeit jede der drei Frauen an der Spitze der WTO vorstellen. Allerdings gibt es international viele Stimmen, die den Chefposten gerne erstmals an eine Kandidatin aus Afrika vergeben sehen möchten.

Lesen Sie hier das Interview:

Frau Yoo, die WTO steckt seit Jahren in der Krise. Die Welt versinkt in Handelskriegen, und die WTO schaut hilflos zu. Wozu brauchen wir diese Institution überhaupt noch?
Die Mitgliedstaaten sind alle sehr enttäuscht, ja sogar frustriert über den fehlenden Fortschritt bei der WTO. Aber ihre Ansichten, wie die WTO reformiert werden soll, gehen weit auseinander. Alle sind jedoch überzeugt davon, dass die Organisation revitalisiert werden muss. Covid-19 hat uns in einem gewissen Sinn die Gelegenheit geliefert zu überlegen, wie wir das Welthandelssystem wieder relevanter und widerstandsfähiger machen können.

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    In der Covid-Krise schotten sich viele Länder ab. Was könnte die WTO dagegen unternehmen?
    Es ist jetzt umso wichtiger, das multilaterale Handelssystem zu stärken. Wir haben es doch gegründet, um solchen Krisen besser zu begegnen. Und diesen Willen sehe ich bei den Mitgliedern. Wenn wir es sogar nach Covid-19 nicht hinbekommen, eine gut funktionierende WTO zu schaffen, welche andere Chance bekommen wir dann noch? Globale Krisen haben normalerweise Fortschritte gebracht: Bretton Woods, die Uruguay-Runde. Jetzt haben wir eine globale Wirtschaftskrise und Protektionismus: Diese Krise muss als Gelegenheit genutzt werden, die WTO zu reformieren.

    Welche Rolle kann die Organisation denn spielen, wenn die USA als einstiger Garant des Handelssystems dagegen agieren?
    Die USA diskutieren die Reform der WTO ja mit. Vor Covid stand die WTO auch schon vor großen Herausforderungen: schwaches Wirtschaftswachstum, wachsender Protektionismus und Handelskonflikte zwischen wichtigen Volkswirtschaften. Im vergangenen Jahr ist der globale Handel erstmals seit 2009 zurückgegangen.

    Die USA blockieren die Nominierung von Richtern am Schiedsgericht. Teilen Sie die Kritik der USA an diesem System?
    Das Schiedsgerichtssystem ist am Rande der Lähmung. Es gibt aber schon lange Meinungsverschiedenheiten über die Rolle des Schiedsgerichts. Einige Mitglieder warnen, dass das Organ die Handelsregeln nicht zu sehr interpretieren sollte, andere sagen, dass es unablässig ist, dass das Schiedsgericht die Regeln interpretiert, um Handelsstreitigkeiten zu lösen. Und wie bindend sollen die Entscheidungen sein? Dahinter steht auch das Problem, dass die Handelsregeln seit 25 Jahren nicht aktualisiert wurden. Wegen der veralteten Regeln haben sich Mitglieder immer mehr auf die Schiedsgerichte in der Konfliktlösung verlassen.

    Was also schlagen Sie vor?
    Ich habe da auch nicht die Lösung schlechthin, aber es gibt viele weitreichende, teilweise divergierende Reformvorschläge. Die müssen wir diskutieren – und gemeinsam zu einer Reform finden, um die Handelsregeln zu stärken und Handelskonflikte zu lösen.

    Die Amerikaner kritisieren vor allem, dass die WTO jahrelang nichts gegen den chinesischen Merkantilismus unternommen hat. Muss die WTO auf einen besseren Marktzugang in China drängen?
    Mit den Handelsregeln wurden auch die Marktzugangsregeln und Subventionsregeln seit 25 Jahren nicht aktualisiert. Das muss sich dringend ändern – ohne auf ein einzelnes Land zu zielen.

    Da es der WTO nicht gelingt, globale Handelsrunden durchzusetzen, setzen viele Länder auf bilaterale Ansätze. Widerspricht das nicht der Grundidee der WTO?
    Der beste Ansatz ist der multilaterale, aber da gab es eben seit 25 Jahren keinen wirklichen Fortschritt. In dieser Zeit können die bilateralen Abkommen Bausteine sein für eine WTO-konforme Handelsliberalisierung. Bestimmungen für Subventionen oder zu Nachhaltigkeit etwa könnten künftig als Vorlage für neue WTO-Regeln dienen.

    Bis wann hat die WTO Zeit für ihre letzte Chance auf Fortschritt?
    Der erste Lackmustest ist die WTO-Ministerkonferenz nächstes Jahr im Juni. Wenn es die Ministerkonferenz trotz der Krise und mit einer langen Zeit der Vorbereitung nicht schafft, einen Durchbruch zu erzielen, etwa bei den Regeln für Subventionen, würde dies das Vertrauen in das multilaterale Handelssystem erheblich schädigen. Andersherum gesagt: Es ist die Chance für die WTO zu zeigen, dass sie relevant und beweglich ist. Und dann ist die Ministerkonferenz nur ein Anfangspunkt, denn es liegen ja einige Reformen vor uns, etwa beim Schiedsgerichtssystem.

    Was sagen Sie zu Stimmen, dass der nächste WTO-Chef aus Afrika kommen müsse?
    Ich glaube, die Mitgliedstaaten suchen vor allem jemanden, der die WTO aus ihrer Krise führen kann. Wir stehen an einem kritischen Wendepunkt. Die WTO ist in einer tiefen Krise. Der neue Generaldirektor muss ein Koordinator mit viel Vertrauen bei den Mitgliedstaaten sein, damit er Brücken bauen kann. Zugleich muss er aber auch ein kühler Steuermann sein, der die Organisation durch diesen Sturm navigiert mit einer klaren Richtung für das multilaterale Handelssystem vor Augen.

    Ist es Zeit für einen weiblichen WTO-Chef?
    Qualifikation und Eignung sollten entscheiden. Wenn es dabei ein Patt gibt, dann sollte die Frau gewählt werden. Nicht nur hatten wir noch nie einen weiblichen WTO-Chef. Wenn wir alle Direktoren und Vizedirektoren der vergangenen 25 Jahre nehmen, gab es darunter bisher nur eine einzige Frau.

    Mehr: Letzte Chance für die Welthandelsorganisation.

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