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Interview mit Brendan Simms Historiker zum Brexit: „Großbritannien verdient eine Sonderbehandlung“

Der neue Premierminister Johnson will in den Brexit-Verhandlungen eine harte Gangart einschlagen. Brendan Simms ist der Meinung, Europa müsse nachgeben.
24.07.2019 - 03:47 Uhr 4 Kommentare
Der irische Geschichtsprofessor hält einen ungeordneten Brexit für logische Ergebnis der derzeitigen Entwicklung. Quelle: mauritius images / Jeff Morgan 02 / Alamy
Brendan Simms

Der irische Geschichtsprofessor hält einen ungeordneten Brexit für logische Ergebnis der derzeitigen Entwicklung.

(Foto: mauritius images / Jeff Morgan 02 / Alamy)

London In Brendan Simms sehr englischem Arbeitszimmer im altehrwürdigen Peterhouse-College in Cambridge stehen Bücher über europäische Geschichte dicht an dicht in den Regalen. Auf den Tischen stapeln sich Dokumente, und sogar der Boden ist übersät mit Büchern, Zeitschriften und Ausdrucken.

Darunter ist auch eine Druckfahne von Simms’ nächstem Werk: Der Professor arbeitete zuletzt an einer Biografie über Adolf Hitler. Für das Interview kramt Simms zwei Kaffeetassen hervor, die er auf den Boden stellt. Das Interview kann beginnen.

Professor Simms, haben Sie schon Bordeaux und Pasta gebunkert?
Nein. Wie heißt es so schön auf Deutsch: Es muss nicht immer Kaviar sein.

Bei einem ungeordneten Brexit am 31. Oktober könnte es zu Versorgungsengpässen in Großbritannien kommen. Wird der neue Premierminister Boris Johnson es wirklich so weit kommen lassen?
Ich halte einen ungeordneten Brexit für wahrscheinlich. Er wäre das logische Ergebnis der derzeitigen Entwicklung. Die Fragen sind so komplex, dass es schwer sein wird, einen Deal zu vereinbaren. Es geht nicht nur darum, wie der Brexit vollzogen wird, sondern auch, welche Rolle das Vereinigte Königreich danach auf dem europäischen Kontinent spielt. Die EU scheint der Meinung zu sein, dass das Vereinigte Königreich keine Rolle spielen sollte.

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    Wie kommen Sie darauf?
    Die EU glaubt immer noch, dass sie das Vereinigte Königreich dazu zwingen kann, den ausgehandelten Ausstiegsvertrag zu ratifizieren. Sie kalkuliert, dass die Briten im Fall eines ungeordneten Brexits im Oktober innerhalb von sechs Wochen an den Verhandlungstisch zurückkehren und dann mehr oder weniger akzeptieren, was ihnen vorgelegt wird.

    Und diese Annahme ist falsch?
    Sie ist historisch nicht fundiert. Über Jahrhunderte hinweg war das Vereinigte Königreich eine Ordnungsmacht in Europa. Daher wird es sich jetzt nicht in Gänze oder in Teilen der EU unterordnen. Im Backstop für Nordirland sehen wir den Zusammenstoß zweier Ordnungssysteme. Die EU sagt, wir ordnen entweder euer gesamtes Territorium oder mindestens Nordirland. In der Geschichte war ein solches Vorgehen noch nie erfolgreich.

    Hat Großbritannien denn eine Wahl? Das Land ist keine Weltmacht mehr. Verglichen mit den großen Wirtschaftsblöcken USA, China, EU ist es ein Zwerg.
    Die Welt ändert sich, und Großbritannien ist nicht mehr das britische Empire. Aber seine Verhandlungsposition ist weniger schwach, als die EU und viele Briten annehmen. Europas Anteil an der Weltwirtschaftsleistung schrumpft. Die EU verliert mit Großbritannien 20 Prozent ihrer Wirtschaftskraft. Das ist gleichbedeutend mit dem simultanen Austritt von 19 der kleineren 28 EU-Länder. Und der Verlust geht über das Ökonomische hinaus. Das Vereinigte Königreich trägt am meisten zur Verteidigung Europas bei.

    Die Brexit-Verhandlungen haben das Kräfteverhältnis in den vergangenen drei Jahren doch offengelegt.
    Die Europäer müssen sehr vorsichtig sein. Was sie versuchen, ist eine Form politischer Nötigung mit Mitteln, die nicht ausreichen, um das Ziel zu erreichen. Was passiert, wenn die Briten nach sechs Wochen nicht einknicken? Machen die Europäer dann noch sechs Wochen weiter oder vielleicht sechs Jahre? Wenn sie diesen Weg einschlagen, geben sie Boris Johnson genau das, was er will. Wenn es einen ungeordneten Brexit gibt und die EU unvernünftig wirkt, wird Johnson die nächste Unterhauswahl mit haushoher Mehrheit gewinnen.

    Was wären die Auswirkungen?
    Wenn die Europäer darauf bestehen, nach einem ungeordneten Brexit den Briten das Leben schwerzumachen, wird dies in Großbritannien als eine Wirtschaftsblockade gewertet. Der Gewinner eines solchen Kräftemessens steht meiner Meinung nach keinesfalls fest. Erstens wird ein Chaos-Brexit das EU-Mitglied Irland wesentlich stärker treffen als das Vereinigte Königreich. Zweitens werden die politischen Auswirkungen explosiv sein.

    Was könnte passieren?
    Unsere derzeitige Weltsicht basiert auf der Annahme, dass alle Länder westlich einer gewissen Linie in Europa einander freundlich gesinnt sind. Wenn sich das ändert, würde vieles infrage gestellt – auch das britische Engagement in der Nato.

    Großbritannien würde die Sicherheit gefährden, um einen Wirtschaftskonflikt auszutragen?
    Wenn Europa sich weigert, nach einem No-Deal-Brexit über mildernde Maßnahmen auch nur zu sprechen, würde es sicher rasch zu einem britischen Trumpismus kommen. Der US-Präsident argumentiert: Amerika verteidigt andere Länder, und diese ziehen uns wirtschaftlich über den Tisch. Diese Einstellung würde auch in Großbritannien Verbreitung finden und einen Rückzug aus der Nato auslösen. Wer würde künftig die Fischkutter in der Nordsee schützen? Wer würde Russland fernhalten, wenn die Briten die baltischen Länder verlassen?

    „Die EU legt sich mit dem am besten organisierten europäischen Land an“
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    4 Kommentare zu "Interview mit Brendan Simms: Historiker zum Brexit: „Großbritannien verdient eine Sonderbehandlung“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Die Aussagen von Prof. Simms sind sicherlich interessant und auch überraschend für einen Kontinental-Europäer, sind aber in ihrer Schärfe erklärlich, wenn man sein Arbeitsfeld mit seiner jungen Biographie verbindet. Vielleicht sollte man in diesem emotionalen Umfeld keine klare Aussage erwarten. Herr Kurt Jogun hat mit seiner rheinischen Voraussage sicher recht.

    • Anerkennung an das Handelsblatt, dieses interessante Interview zu bringen, da es einiges über den Mindset der britischen Öffentlichkeit aussagt. Wer die eigene und die Geschichte Europas so einseitig sieht, kann kaum zu der Erkenntnis kommen, dass Grossbritannien nach Europa gehört. Man fühlt sich als auserwählt. Die britische Ordenungsmacht hat in der Geschichte Europas stets versucht, eine gegen sie gerichtete Konstellation oder die Vorherrschaft eines Landes zu verhindern, sobald und solange sie es konnte. Nun werden wir und die Briten sehen müssen, ob diese Strategie weiter funktioniert. Finstere Voraussagen über die gemeinsame oder getrennte Zukunft sind wohlfeil und "es ist wie es ist und es kommt wie es kommt" - es kommt mit Sicherheit und es ist nicht vorhersehbar.

    • "...48 Prozent der Briten haben für den Verbleib gestimmt, wir werden sie nicht für das Votum der 52 Prozent bestrafen. " Doch, exakt genau dieses sollten und müssen wir tun. Alles andere wäre ein fatales Signal an die restlichen EU Mitglieder. Wozu in der Union verbleiben und Verantwortung übernehmen, wenn man sich von draussen auch so die schönsten Rosinen herauspicken kann?

      "...Damals sind England und Schottland eine vollständige parlamentarische, militärische und währungspolitische Union eingegangen." Dieser Vergleich ist ein Witz und disqualifiziert den Mann als Historiker! Der Zusammenschluss von Frankreich, Spanien, Deutschland, Italien, Polen, Portugal, etc. ist mit dem von England und seinen Wurmfortsatz Schottland vor 300 Jahren gar nicht vergleichbar. (Haben die Schotten damals eigentlich in freier Wahl abgestimmt?)

      Der Herr Simms stellt wieder einmal nur die abgehobene Selbstherrlichkeit und Arroganz des Inselreiches zur Schau. Nicht einschüchtern lassen liebe EU!

      "...Die EU legt sich mit dem am besten organisierten europäischen Land an."
      Hahahahaha! Humor haben die Briten ja!

    • An Selbstbewusstsein hat es den Briten noch nie gefehlt, sie sind auch mit Abstand die größten Rosinenpicker in Europa.
      Leider haben sie mit der Befürwortung des BREXIT auch bewiesen, dass sie nichts aus der Geschichte gelernt haben. Mit dem BREXIT schwächen sie eine Nachkriegsinstitution, die den Frieden in Europa gesichert und ein Zusammenwachsen der europäischen Völker gefördert hat.

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