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Interview mit Christof Rühl Experte: „Iran hat der US-Luftüberlegenheit nichts entgegenzusetzen“

Ökonom Christof Rühl erwartet keinen schnellen Gegenangriff des Iran im Konflikt mit den USA. Er hält eine politische Reaktion für wahrscheinlicher.
05.01.2020 - 13:58 Uhr Kommentieren
Ökonom Christof Rühl sieht Schwierigkeiten für den Iran, auf Augenhöhe mit den USA militärisch zu reagieren.
Proteste in Teheran

Ökonom Christof Rühl sieht Schwierigkeiten für den Iran, auf Augenhöhe mit den USA militärisch zu reagieren.

Berlin Der aus Franken stammende Christof Rühl ist Senior Fellow an der Harvard Kennedy School und am Center on Global Energy Policy der Columbia-Universität. Zuvor war er Research-Chef beim Staatsfonds Adia in Abu Dhabi, Chefökonom bei BP sowie Chefökonom der Weltbank für Russland und Brasilien.

Herr Rühl, nach der Ermordung des Kommandeurs der Al-Kuds-Brigaden hat Irans Führung „schwere Rache“ angekündigt. Wie wird Teheran reagieren?
Für den Iran kam der Anschlag überraschend, nachdem sie in den letzten Monaten ja eher den Eindruck einer passiven Reaktion der derzeitigen US-Regierung auf diverse Nadelstiche gewonnen haben dürften. Und es war ein Schock, weil dies das erste Mal seit Beginn der Auseinandersetzung 1979 war, dass die USA gezielt einen ranghohen Staatsrepräsentanten des Iran eliminiert haben. Damit geht auch ein Gesichtsverlust einher. Das Signal an die Teheraner Führung ist: „Wir wissen, wo ihr seid, und ihr seid nicht sicher.“ Und Präsident Trump zeigt: „Ich kann auch anders.“

Aber die iranische Führung ist erfahren und, in ihren Grenzen, rational. Der Iran wird nicht sofort reagieren, ohne das sorgfältig zu durchdenken, und die wirkliche Reaktion kann lange dauern. Denn Teheran kann keine adäquaten Maßnahmen ergreifen, also etwa einen ranghohen US-Politiker ermorden, ohne ihre bisherigen Aktionen auf ein Niveau zu bringen, das amerikanische Luftangriffe auslösen würde.

Aber einige Politiker und Experten warnen bereits vor der Möglichkeit eines großen Krieges am Golf.
Der Iran hat Schwierigkeiten, auf Augenhöhe zu reagieren. Das ist es, was Experten mit „asymmetrischer Kriegsführung“ umschreiben: isolierte Anschläge, Zerstörung von Infrastruktur und so weiter, aber keine offene Kriegsführung. Wenn die Führung in Teheran nun mit ihrer „asymmetrischen“ Reaktion überzieht, riskiert sie, dass die USA zum Gegenschlag aushohlen. Die militärischen Kräfteverhältnisse sind ja sehr eindeutig, und der Iran hat der US-Luftüberlegenheit nichts entgegenzusetzen. Deshalb glaube ich nicht, dass Teheran den Konflikt zu einem Krieg eskalieren lässt.

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    Was kann Teheran sonst machen?
    Im Moment scheint jeder diese Frage in rein militärischen Kategorien zu diskutieren. Aber es muss ja keine rein militärische Reaktion sein. Ich glaube, es wird in erster Linie darum gehen, die irakische Regierung dazu zu bringen, dass die US-Truppen den Irak wieder verlassen. Wir vergessen zu schnell: Es war ja erst 2012, dass die USA den Irak verlassen mussten – sie wurden dann 2014 wieder eingeladen, um die Terrormiliz IS zu bekämpfen, die das entstandene Machtvakuum besetzt hatte.

    Ökonom und Senior Fellow an der Harvard Kennedy School. Quelle: Dietmar Gust, Euroforum
    Christof Rühl

    Ökonom und Senior Fellow an der Harvard Kennedy School.

    (Foto: Dietmar Gust, Euroforum)

    Im Irak haben wir gerade eine Phase großer Unruhen gesehen, die sich explizit nicht nur gegen Korruption und Ineffizienz, sondern gegen die iranische Präsenz im Lande gerichtet haben und die harsch niedergeschlagen wurden von einer Führung, die Herrn Soleimani und seiner Regierung sehr nahe steht. Syrien hat sich schon in die vom Iran gewünschte Richtung entwickelt. Libanon ist wirtschaftlich instabil und braucht in erster Linie finanzielle Unterstützung. Im Irak lässt sich viel gewinnen – mit Mitteln, die der Iran aktuell zur Verfügung hat.

    Wie könnte das aussehen?
    Im Parlament hat sich bislang keine Mehrheit für den Rauswurf der US-Truppen gefunden. Ich glaube, es wäre ein lohnendes Ziel für den Iran, dies zu ändern oder außer Kraft zu setzen. Der Irak ist inzwischen der fünftgrößte Ölproduzent der Welt. Die Regierung ist instabil und der Premier nur noch kommissarisch im Amt. Der Irak braucht Geld und Konsolidierung. Die amerikanische Präsenz dort zu vermindern und zu delegitimieren wird ganz oben auf Teherans Prioritätenliste stehen. Es ist also ein politisches Ziel, nicht bloß eine militärische Reaktion, um das es gehen wird.

    Wie wichtig war denn der ermordete General im iranischen Machtgefüge?
    Das kann ich nicht beurteilen. Es gibt Stimmen, die behaupten, seine Rolle sei aufgebauscht worden. Es ist wohl auch unzweifelhaft, dass das iranische politische und paramilitärische System genug Redundanzen hat, um solche Verluste zu ersetzen. Die große Frage, die sich für die Führung in Teheran stellt, ist, inwieweit das Volk noch hinter ihr steht nach der brutalen Niederschlagung der Massenproteste im November. Da wurden Parolen gerufen, dass die Politik, für die Soleimani stand wie wenig andere, dass Irans Einmischung in Syrien, im Libanon und im Irak sehr kostspielig ist. Und nun sehen viele, dass sie auch noch sehr gefährlich ist. Auch dies deutet auf eine überlegte Antwort der Regierung hin – wie etwa die gegenwärtige Situation zur Stärkung der eigenen Position im Irak zu nutzen.

    Welche wirtschaftlichen Folgen sind denn jetzt zu erwarten?
    Wir haben ja wieder und wieder gesehen, dass Ereignisse, die vor einigen Jahren noch zu einer Explosion der Ölpreise geführt hätten, den Ölpreis gar nicht oder nur temporär beeindruckt haben. Die Welt hat, vor allem dank der US-Produktion, mehr als genug Öl. Allerdings würde ich erwarten, dass diesmal eine gewisse Risikoprämie im Markt bleibt, solange nicht klar ist, ob es eine unmittelbare Eskalation gibt. Wenn sich die Debatte im Moment nur auf militärische Aspekte konzentriert, hört der Markt zu.

    Und welche Risiken gibt es für die Weltwirtschaft?
    Vor allem werden die lokalen Aktien und Kapitalmärkte etwas leiden, und zwar in der gesamten Region. Ob es weitergehende Konsequenzen gibt, hängt eher von der kurzfristigen Entwicklung als von dem langfristigen Schachspiel ab, das dort gespielt wird.
    Herr Rühl, vielen Dank für das Interview.

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