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Interview mit John Mearsheimer „Die USA betreiben eine aggressive Außenpolitik“

Der Politologe Mearsheimer warnt im Interview vor einem Krieg mit dem Iran. Zudem fordert er, dass sich die USA nicht weiter in Nahost einmischen sollen.
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Für den Politlogen ist klar, wer der Aggressor im Iran-Konflikt ist: die USA. Quelle: imago/Jens Jeske
John Mearsheimer

Für den Politlogen ist klar, wer der Aggressor im Iran-Konflikt ist: die USA.

(Foto: imago/Jens Jeske)

Er zählt zu den prominentesten Politologen Amerikas – und den schärfsten Kritikern der US-Außenpolitik: John Mearsheimer hatte Sympathien für das Versprechen von US-Präsident Donald Trump, alles anders zu machen als seine Vorgänger. Doch die Sympathien sind in Sorge umgeschlagen: „Statt die alten Kriege zu beenden, könnten wir bald in einem neuen verwickelt sein“, fürchtet Mearsheimer.

Professor Mearsheimer, die USA und der Iran steuern auf einen Konflikt zu. Wer trägt die Schuld daran?
Eindeutig die USA. Washington will eine Krise mit dem Iran heraufbeschwören. Die Trump-Regierung hat das Atomabkommen verlassen und Sanktionen verhängt, die enormes Leid verursachen. Die Idee dahinter ist, den Iran zu zwingen, all seine nuklearen Kapazitäten aufzugeben und ihre Außenpolitik fundamental zu verändern. Dass sich die Iraner dagegen wehren, sollte niemanden verwundern.

Was wird Trumps Politik des „maximalen Drucks“ bewirken?
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass maximaler Druck dazu führt, dass wir es bald mit einem nuklear bewaffneten Iran zu tun haben. Je stärker sich die Iraner bedroht fühlen, desto eher werden sie nach Kernwaffen streben, um potenzielle Angreifer abzuschrecken.

Der Iran als Opfer, die USA als Aggressor – ist das nicht zu einfach?
Die USA betreiben eine aggressive, bemerkenswert provokante Außenpolitik. Natürlich weiß die Trump-Regierung, dass ihre Politik zu einem bewaffneten Konflikt zwischen Iran und den Vereinigten Staaten führen kann. Aber das nimmt sie in Kauf.

Der Iran verfolgt ebenfalls eine aggressive Politik in der Region. Das Land droht mit der Vernichtung Israels und unterstützt Milizen im Libanon, im Irak und im Jemen.
Die Iraner betrachten Israel als bösartige Macht, allerdings ist diese Ansicht im Nahen Osten weit verbreitet. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Iran die Vernichtung Israels vorbereitet. Was die Milizen angeht: Die Destabilisierung des Nahen Ostens ist nicht das Werk der Iraner. Die Verantwortung dafür trägt Washington mit dem Einmarsch in den Irak 2003 und der Unterstützung der Umsturzversuche in Syrien 2011.

Wäre es militärisch möglich, Irans Atomprogramm zu stoppen?
Man kann den Iran mit Militärschlägen zurückwerfen, vier Jahre vielleicht, maximal fünf. Die USA haben zweifellos die militärischen Fähigkeiten, um einen großen Teil der nuklearen Infrastruktur des Irans zu zerstören. Doch die Iraner werden ihre Anlagen unterirdisch wiederaufbauen – und letztendlich Atomwaffen entwickeln. Und dann werden sie paranoid sein. So zornig wie Hornissen sein. Das ist eine Situation, die niemand anstreben sollte.

Die Europäer wollen den Atomdeal retten, obwohl Teheran die Regeln bricht. Ist das vernünftig?
Der Nuklearpakt mit Iran ist ein gutes Abkommen. Kein perfektes, weil zentrale Bestimmungen zeitlich begrenzt sind, aber ein gutes. Die USA haben einen schweren Fehler begangen, als sie das Abkommen verließen. Dass die Europäer an dem Deal festhalten wollen, ist gut. Aber ich glaube nicht, dass es ihnen gelingt, die US-Sanktionen zu umgehen.

Sollten Europa mit Russland und China kooperieren, um etwa Ölgeschäfte mit dem Iran abzusichern?
Ja. Aber selbst das würde kaum ausreichen, um das Sanktionsproblem zu lösen. Die USA drohen jedem Unternehmen mit Sanktionen, das im Iran Geschäfte macht – nicht nur ihren eigenen. Diese Drohung ist so effektiv, weil der amerikanische Markt so wichtig ist. Die Europäer können ihre Firmen und Banken nicht zwingen, im Iran Geschäfte zu machen.

Sie waren schon lange vor Trump einer der schärfsten Kritiker amerikanischer Außenpolitik. Was läuft Ihrer Ansicht nach grundsätzlich falsch in Washington?
Nach dem Ende des Kalten Kriegs haben sich die USA einer Außenpolitik verschrieben, die ich „liberale Hegemonie“ nenne. Ihr Ziel ist nicht Geringeres, als die Welt nach amerikanischem Vorbild neu zu erschaffen. Demokratie und offene Märkte sollten sich über den gesamten Planeten ausbreiten. Wenn man eine so missionierende Mentalität entwickelt, muss man viele Krieg führen. Genau das ist geschehen. Seit dem Ende des Kalten Kriegs haben die USA sieben Kriege geführt. Doch wo immer die USA interveniert haben, haben sie eine schlechte Situation nicht besser, sondern noch schlechter gemacht.

Woran liegt das? Sind Wohlstand und demokratische Selbstbestimmung nicht Errungenschaften, nach denen sich alle Menschen sehnen?
Das Konzept „liberale Hegemonie“ unterschätzt den Nationalismus – die stärkste Kraft in der internationalen Politik. Andere Völker lassen sich von Fremden nicht gern sagen, wie sie leben sollen. Präsident George W. Bush, vielleicht erinnern Sie sich, wollte den Nahen Osten in ein glänzendes Meer der Demokratie verwandeln. Doch Versuche, politische Freiheit in den Nahen und Mittleren Osten zu tragen, sind ein kompletter Fehlschlag. Schauen Sie nach Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen und Ägypten. Die USA haben keine Erfolge in der Region. Unsere Motive mögen nobel sein, aber unsere Politik geht fast immer nach hinten los.

Sie beschreiben den Nationalismus als stärkste politische Kraft. Für Europäer klingt das ziemlich beunruhigend. Nirgendwo hat der Nationalismus so gewütet und so viel zerstört wie in Europa.
Viele Europäer dachten, dass der Nationalismus mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verschwunden sei. Das war schon damals falsch. Die Sowjetunion, Jugoslawien und die Tschechoslowakei sind wegen nationalistischer Bewegungen auseinandergebrochen.

Aber ist die EU nicht der Beweis, dass Nationalismus überwunden werden kann?
Die EU ist eine Institution, in der sich Nationalstaaten Verhaltensregeln setzen. Ich sage bewusst Nationalstaaten, denn diese sind die Verkörperung des Nationalismus. Weil die EU aus Nationalstaaten besteht, kann sie den Nationalismus gar nicht überwinden.

Was seit ein paar Jahren geschieht, ist: Die dunkle Seite des Nationalismus tritt wieder stärker hervor – die Abgrenzung und Abschottung gegenüber Fremden. Das zeigte sich etwa bei der Brexit-Abstimmung. Viele Briten wollten sich nicht damit abfinden, dass so viele Osteuropäer zu ihnen kommen. Etwas ähnliches erleben wir in Polen und Ungarn beim Umgang mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten, teils sogar in Deutschland.

Wie erklären Sie, dass diese dunkle Seite des Nationalismus selbst in Ihrer Heimat, den USA, auf dem Vormarsch ist?
Die USA haben eine lange Tradition, Einwanderer willkommen zu heißen. In dieser Hinsicht unterscheidet es sich von Europa sehr deutlich. Aber es gibt in den Vereinigten Staaten das verbreitete Gefühl, dass Einwanderung, insbesondere illegale Einwanderung, zu weit gegangen ist. Das liegt vor allem daran, dass das Wachstum der US-Wirtschaft den unteren und mittleren Schichten kaum Einkommenszuwächse beschert hat. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen zu der Ansicht gelangen, dass Einwanderer ihnen ihre Jobs wegnähmen und die Löhne drückten.

Trump nutzt diese Ängste aus. Aber in der Außenpolitik schlägt er mitunter Töne an, die Ihnen gefallen müssten. Mit der Verbreitung der Demokratie hat er nichts am Hut.
Als Kandidat hat Trump versprochen, mit Endlos-Kriegen Schluss zu machen. Doch als Präsident macht er einen schlechten Job. Statt alte Kriege zu beenden, könnten wir bald in einen neuen verwickelt sein.

Herr Mearsheimer, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Die Internationale Atombehörde soll am Mittwoch feststellen, ob Iran das Nuklearabkommen einhält. Wenn nicht, dürfte auch die EU wieder Geschäfte mit dem Land verbieten.

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