Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Donald Trump

Der Politologe rechnet mit einer 50-Prozent-Chance, dass Trump wiedergewählt wird.

(Foto: dpa)

Interview mit Populismusexperte Mounk „Die liberale Demokratie hat ihre Versprechen nicht erfüllt“

Der Populismusexperte Yascha Mounk über die Wahlerfolge der AfD, das globale Erstarken der Populisten und die Wiederwahlchancen von Donald Trump.
03.09.2019 - 21:28 Uhr 2 Kommentare

Der deutsch-amerikanische Politologe Yascha Mounk warnt davor, die Erfolge der AfD in Ostdeutschland zu unterschätzen. Zwar sei die AfD weder in Brandenburg noch in Sachsen stärkste Kraft geworden. Doch sie habe ihre Zustimmungsraten mehr als verdoppelt – und das in einer Phase, in der sie sich immer weiter radikalisiere: „Das wird uns in zehn oder 20 Jahren wesentlich wichtiger erscheinen als die Frage, ob sie nun ein paar Prozentpunkte mehr oder weniger als die großen etablierten Parteien erreichen konnte“, sagte Mounk dem Handelsblatt

Zugleich warnte er davor, die AfD mit Parteien wie der NPD gleichzusetzen. Die AfD agiere viel geschickter als Vorläufer aus dem rechtsradikalen Milieu: „Während klassische rechtsradikale Parteien wie die NPD recht offen den Faschismus verherrlichten und die Demokratie angriffen, präsentiert sich die AfD immer als Verfechter der Demokratie.“ Man könne in vielen Ländern sehen, „dass dieses Argumentationsmuster viel größere Wählerkreise erreichen kann als ein klar antidemokratisch-rechtsradikales Profil“.

Mounk, 1982 in München geboren, gehört zu den führenden Populismusexperten. Er hat in Harvard unterrichtet und lehrt jetzt in Washington an der Johns-Hopkins-Universität. Das gute Abschneiden der AfD fügt sich für Mounk in einen globalen Trend.

„In Indien ist Premier Narendra Modi wiedergewählt worden“, sagte er. „Brasilien wird mit Jair Bolsonaro von einem Rechtspopulisten regiert. In Italien ist ein anderer Rechtspopulist zum stärksten Mann im politischen System geworden – Matteo Salvini. Und in Großbritannien verwandelt Boris Johnson die konservativen Tories in eine rechtspopulistische Partei.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Ein Grund für Erfolgswelle der Populisten sitzt im Weißen Haus: Donald Trump. „Es gibt keinen Anführer der freien Welt mehr, vielleicht ist der Anführer der freien Welt sogar ins Lager der Möchtegern-Autokraten übergelaufen“, sagte Mounk.

    „Statt harte Konsequenzen für ein Abdriften aus der Demokratie befürchten zu müssen, können sich Herrscher wie Kaczynski in Polen oder Bolsonaro in Brasilien darauf verlassen, dass sie für ihre antidemokratischen Schritte aus dem Weißen Haus Applaus bekommen.“

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Professor Mounk, was sollte nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen überwiegen: Erleichterung, dass die AfD nicht stärkste Kraft wurde – oder Sorge, dass sich die AfD zur ostdeutschen Volkspartei entwickelt hat?
    Beide Emotionen mischen sich, aber die langfristig wichtigere Erkenntnis ist sicher, dass die AfD in Ostdeutschland zur Volkspartei geworden ist. Gerade in einem Moment, in dem sie sich radikalisiert, hat sie unglaublich viel Zustimmung gewonnen. Das wird uns in zehn oder 20 Jahren wesentlich wichtiger erscheinen als die Frage, ob sie nun ein paar Prozentpunkte mehr oder weniger als die großen etablierten Parteien erreichen konnte.

    Der Politologe sieht Populisten auf dem Vormarsch.
    Yascha Mounk

    Der Politologe sieht Populisten auf dem Vormarsch.

    Die AfD radikalisiert sich, sagen Sie. Entsteht hier hinter einer bürgerlichen Fassade eine neue NPD?
    Teile der AfD haben personell und inhaltlich klar erkennbare Beziehungen zu rechtsradikalen Kräften. Das ist für die deutsche Demokratie zutiefst besorgniserregend. Ebenso wichtig ist aber, dass es für den Erfolg der AfD andere Gründe gibt. Während klassische rechtsradikale Parteien wie die NPD recht offen den Faschismus verherrlichten und die Demokratie angriffen, präsentiert sich die AfD immer als Verfechter der Demokratie.

    Inwiefern?
    Sie will, wie es in einem ihrer Wahlkampfslogans hieß, „die Wende vollenden“. Sie nimmt also für sich in Anspruch, ein bisher angeblich nur eingeschränkt demokratisches Land vollständig demokratisieren zu wollen. Es ist dieses Versprechen, dass die AfD als populistisch ausweist. Das macht sie langfristig weitaus gefährlicher. Wir sehen in vielen Ländern, dass dieses Argumentationsmuster viel größere Wählerkreise erreichen kann als ein klar antidemokratisch-rechtsradikales Profil.

    Woher speist sich die Wählerwut auf „das System“?
    Die Erklärung liegt zum Teil darin, dass ein bestimmter Personenkreis die Grundwerte der Demokratie nie voll angenommen hat. Ivan Krastev, ein bulgarischer Politologe, hat den sehr interessanten Gedanken, dass wir das Wendejahr 1989 womöglich missverstanden haben.

    Der Fall des Eisernen Vorhangs wird im positivsten Licht als liberal-demokratische Revolution interpretiert. Das war er sicher auch zum Teil. Aber er war zugleich eine konservative, eine religiöse und eine antiimperialistische Revolution. Das erklärt, warum der Widerstand gegen die liberale Demokratie in Mittel- und Osteuropa heute so ausgeprägt ist.

    Aber auch im Westen haben Populisten Zulauf – denken wir an die Trump-Wähler in den USA.
    Wir müssen erkennen, dass viele Versprechungen der liberalen Demokratie nicht eingehalten wurden: Der Lebensstandard von vielen Menschen hat sich nicht wesentlich verbessert. Politische und gesellschaftliche Eliten haben die Anbindung zu den normalen Bürgern verloren. Natürlich gibt es Korruption und Vetternwirtschaft. Diese Missstände nutzen Rechtspopulisten geschickt aus.

    Fügen sich die Wahlerfolge der AfD in den globalen Siegeszug von Rechtspopulisten und Autoritären?
    Ja, wir beobachten in vielen Teil der Welt ein Erstarken der Populisten. Die AfD hat ihren Stimmenanteil in Sachsen und Brandenburg verdoppelt. In Indien ist Premier Narendra Modi wiedergewählt worden. Brasilien wird mit Jair Bolsonaro von einem Rechtspopulisten regiert. In Italien ist ein anderer Rechtspopulist zum stärksten Mann im politischen System geworden – Matteo Salvini. Und in Großbritannien verwandelt Boris Johnson die konservativen Tories in eine rechtspopulistische Partei.

    „Trumps Wiederwahl wäre ein Risiko für die Demokratie“
    Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen
    Mehr zu: Interview mit Populismusexperte Mounk - „Die liberale Demokratie hat ihre Versprechen nicht erfüllt“
    2 Kommentare zu "Interview mit Populismusexperte Mounk: „Die liberale Demokratie hat ihre Versprechen nicht erfüllt“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Sehr interessanter Artikel, auch die Analyse des Herrn Faust. Ich war jetzt in den letzten 14 Tagen im Raum Görlitz und anschließend in Polen im Raum Wrozlaw unterwegs. In Görlitz kam ich mit mehreren älteren Menschen ins Gespräch, die dort die DDR erlebt haben. Interessanter Weise wurde mir mehrfach erzählt, dass man es in der DDR ein gutes Leben hatte. (ein Faktor war scheinbar, dass die Einkommen in der Bevölkerung nicht großartig differierten - soll bedeuten: der Akademiker hatte etwas mehr als der Arbeiter - aber überschaubar) Das politische Leben in der DDR wurde nach ca. 30 Jahren evtl. verdrängt? Sind dies evtl. typische AFD - Wähler. - Wobei innerhalb dieser Gespräche keine politische Diskussion zustande kam.

    • Gute Analyse...nur vielleicht ist das Hauptproblem der liberalen Demokratien, dass sie zu erfolgreich waren....die Erfolge in Wissen und Bildung als erstes Ergebnis einer aufgeklärten Gesellschaft, haben Technologien hervorgebracht, die immer wieder zu solch unglaublichen Umbrüchen (um das Wort Disruption nicht überzustrapazieren) geführt haben, dass zwar auch monetär der Wohlstand wuchs aber die Verteilung überhaupt nicht nachkam. Denn mental sind wir hoffnungslos mit den Megatrends Digitalisierung (z.B. KI, Robotik, Industrie 4.0, 3D Druck, digitale soziale Netze). Klimawandel (E-Mobilität, H2 Wirtschaft, Kohle, AKW weg, dezentrale reg. Energien rein)...und vieles mehr überfordert. Wissenschaft und Technik müssen viel mehr sozial stabilisieren und das auf Wachstum getrimmte Finanzsystem, muss der Gesellschaft wieder viel mehr dienen. Vor der Energiewende müsste eigentlich die Finanzwende kommen. Gegenüber den Finanzprozessen war die liberale Demokratie eben zu liberal.
      Aber noch kann man vieles verbessern und alle Komplexität ist kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%