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Interview Ökonom Obstfeld: „Wir müssen einen gesellschaftlichen Zusammenbruch abwenden“

Der frühere IWF-Chefökonom warnt wegen der Ausbreitung des Coronavirus vor einem schlimmen Wirtschaftseinbruch. Der US-Regierung wirft er Führungsversagen vor.
02.04.2020 - 20:27 Uhr Kommentieren
Der Spitzenökonom hat die Finanz- und Geldpolitik geprägt, unter anderem als ehemaliger Chefökonom beim IWF. Quelle: AFP
Maurice Obstfeld

Der Spitzenökonom hat die Finanz- und Geldpolitik geprägt, unter anderem als ehemaliger Chefökonom beim IWF.

(Foto: AFP)

Berlin Der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Maurice Obstfeld, vergleicht den Kampf gegen die Coronakrise mit einem Krieg. „Wir müssen unsere Gesellschaften mobilisieren, um das Virus einzudämmen und irgendwann zur Normalität zurückzukommen“, sagte Obstfeld dem Handelsblatt.

Das erfordere nationale Restriktionen der Bewegungsfreiheit und national koordinierte Verteilung von Ressourcen, um medizinisches Gerät und Behandlungsmöglichkeiten bereitzustellen. „Wir dürfen die Krankenpfleger und Ärzte, die Soldaten in diesem Krieg, nicht mit mangelhafter Ausrüstung an die Front schicken.“

Der wirtschaftliche Schock übersteige sogar das Ausmaß der Weltfinanzkrise von 2008. „Die jetzige Situation ist viel gefährlicher“, fürchtet Obstfeld. Auch der Finanzsektor sei in Gefahr: „Die Banken sind in besserer Verfassung als 2008, aber das heißt nicht, dass sie unverwundbar sind.“ Der US-Regierung empfiehlt der Ökonom, der inzwischen wieder an der University of Berkeley in Kalifornien lehrt, „Maßnahmen wie das deutsche Kurzarbeitergeld“ zu beschließen, „damit die Menschen ihre Jobs behalten und die Wirtschaft mit möglichst geringen Störungen wieder anspringen kann, sobald die Krise vorbei ist.“

Zugleich warnte Obstfeld davor, die Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu schnell wieder zu lockern: „Die Ursache des Problems ist der Erreger. Erst wenn das Virus unter Kontrolle ist, kann die Wirtschaft wieder zu Kräften kommen.“ Man dürfe dabei „keine halben Sachen“ machen.

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    Trotz der gewaltigen Geldmengen, die Regierungen und Notenbanken in die Wirtschaft pumpen, droht Obstfeld zufolge keine Inflation. „Ich weiß, dass es in Deutschland kontrovers ist, was ich jetzt sage, aber: Inflation ist das letzte, vor dem wir uns jetzt sorgen sollten“, betonte Obstfeld. „Wir müssen einen gesellschaftlichen Zusammenbruch abwenden.“ Der große Vorteil einer Zentralbank in Krisen wie dieser sei, dass sie Geld drucken und es unter die Leute bringen könne. Dieses Instrument müsse man nutzen.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Professor Obstfeld, zehn Millionen Amerikaner haben in den vergangenen zwei Wochen ihren Job verloren. Wird eintreten, was 2008 in der Finanzkrise abgewendet werden konnte: eine Depression?
    Die jetzige Situation ist deutlich gefährlicher als 2008, die Krise könnte viel tiefer werden. Zu den unmittelbaren wirtschaftlichen Konsequenzen des gesellschaftlichen Stillstands hinzu kommen die Folgewirkungen, wenn der Verlust des Konsumentenvertrauens auf die Finanzmärkte durchschlägt.

    Rechnen Sie mit einer Insolvenzwelle, die sich auf die Wall Street auswirken wird?
    Die Banken sind besser kapitalisiert als 2008. Dort haben sich Finanzreformen nach der letzten Krise bewährt. Aber es gibt immer noch Schwachstellen. Der Unternehmenssektor ist hochverschuldet. Und die Qualität dieser Kredite war schon vor dem Coronaschock nicht die beste. Die Nothilfen der Zentralbanken haben die Märkte erst einmal beruhigt. Eine Kreditklemme besteht derzeit nicht. Aber die Notenbanken stoßen an ihre Grenzen.

    Der IWF, Ihr früherer Arbeitgeber, spricht von einem „Krieg“. Ist das die richtige Metapher?
    Ich stimme da vollkommen zu. Es ist wie ein Krieg. Wir müssen unsere Gesellschaften mobilisieren, um das Virus einzudämmen und irgendwann zur Normalität zurückzukehren. Das erfordert nationale Restriktionen der Bewegungsfreiheit und national koordinierte Ressourcenzuteilungen, um medizinisches Gerät und Behandlungsmöglichkeiten bereitzustellen. Wir dürfen die Krankenpfleger und Ärzte, die Soldaten in diesem Krieg, nicht mit mangelhafter Ausrüstung an die Front schicken.

    Aber eben das geschieht.
    Ja, es gibt überall Mangel und Engpässe, auch in Europa, aber vor allem in den Vereinigten Staaten.

    Anders als 2008 hat zumindest der US-Kongress schnell gehandelt – und das größte Hilfsprogramm der Geschichte aufgelegt.
    Das Gesetz ist ein Rettungsseil für Arbeitnehmer und Unternehmen. Es umfasst begrüßenswerte Elemente, aber ich vermisse Maßnahmen wie das deutsche Kurzarbeitergeld, damit die Menschen ihre Jobs behalten und die Wirtschaft mit möglichst geringen Störungen wieder anspringen kann, sobald die Krise vorüber ist.

    Zweitausend Milliarden Dollar kostet das Hilfsprogramm. Ist das Geld schlecht investiert?
    Es gibt Kredite und Zahlungen an große und kleine Unternehmen. Das ist ein richtiger Ansatz. Aber ich fürchte, dass die Maßnahmen im Fall der USA vor allem den Konzernen helfen – ohne genaue Aufsicht über die Mittelvergabe. Es ist nicht klar, wie die Entscheidungen zur Rettung einzelner Unternehmen getroffen werden und nach welchen Kriterien sie sich richten. Die Gefahr besteht, dass die staatlichen Eingriffe nicht ökonomisch begründet, sondern politisch motiviert sein werden.

    Wird die Geldflut eine Inflation auslösen?
    Wir befinden uns auf unerschlossenem Gelände. Ein Angebotsschock, wie wir ihn derzeit erleben, würde eigentlich eine Inflation begünstigen. Aber die ökonomische Erschütterung ist so massiv, dass ich kein steigendes Preisniveau voraussehe. Ich weiß, dass es in Deutschland kontrovers ist, was ich jetzt sage, aber: Inflation ist das Letzte, vor dem wir uns jetzt fürchten sollten.

    Wir müssen einen gesellschaftlichen Zusammenbruch abwenden. Der große Vorteil einer Zentralbank in Krisen wie dieser ist es, dass sie Geld drucken und es unter die Leute bringen kann. Das ist ein machtvolles Instrument, und man sollte auch bereit sein, es einzusetzen. Wenn es am Ende etwas mehr Inflation gibt, wäre das sogar begrüßenswert.

    Der Ölpreis ist eingebrochen, traditionell stützt das den Konsum. Doch in den USA gibt es viele Ölproduzenten, die ums Überleben kämpfen. Erhält die Krise damit eine zusätzliche Dimension?
    Die positiven Auswirkungen niedrigerer Ölpreise sind begrenzt, wenn man nicht zur Arbeit fährt. Dagegen ist das, was auf der Seite der Ölproduzenten geschieht, gravierend. Viele Unternehmen kämpfen ums Überleben. Unternehmen, die zu den wichtigsten Emittenten von Risikoanleihen zählten. Wenn diese Anleihen faul werden, droht ein zweiter Schock für das Kreditsystem. Das ist eine echte Gefahr.

    Die Banken sind in besserer Verfassung als 2008, aber das heißt nicht, dass sie unverwundbar wären.

    Eben sagten Sie noch, das Finanzsystem sei widerstandsfähiger geworden.
    Die Banken sind in besserer Verfassung als 2008, aber das heißt nicht, dass sie unverwundbar wären.

    Wie stark wird der Konjunktureinbruch?
    Im zweiten Quartal dürfte die Wirtschaftsleistung um 35 Prozent schrumpfen. In der zweiten Jahreshälfte könnte sich das Leben normalisieren. Aber wir müssen mit einer zweiten Infektionswelle rechnen, solange wir keinen Impfstoff haben. Wie lange die Krise dauert, hängt davon ab, wie lange es dauert, das Virus zu stoppen.

    Dem Virus sind schon jetzt mehr Amerikaner zum Opfer gefallen als den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Wird die Pandemie ein ähnlich tiefes Trauma hinterlassen?
    Das ist zu befürchten. Die Reaktion der US-Regierung war sehr schwerfällig, die Infektionsraten steigen rasant, und die Krankenhäuser in vielen Städten – New York, New Orleans, bald auch Chicago und Detroit – sind überlastet. Überall mangelt es an elementarer Ausrüstung, was zu noch mehr Toten führt. Mit einer besser koordinierten und kraftvolleren Vorbereitung hätte viel Leid verhindert werden können.

    Zur Gesundheitskrise kommt also eine Führungskrise: das Versagen des Weißen Hauses?
    Ja, wir spüren die Auswirkungen eines Führungsversagens. Auf der Ebene der Bundesstaaten hat eine Reihe von Gouverneuren wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen. Aber diese Krise kann kein Bundesstaat allein bewältigen.

    Präsident Donald Trump prahlt mit seinen Einschaltquoten und verkündet zugleich, dass bis zu 200 000 Amerikaner dem Virus zum Opfer fallen könnten. Dennoch steigen seine Umfragewerte. Wie erklären Sie sich das?
    In Krisensituationen steigt die Unterstützung für Präsidenten, so war es auch nach dem 11. September. Aber dieses Mal ist der Anstieg viel geringer als damals, und es ist fraglich, ob er von Dauer ist. Trumps Strategie ist es, mit Selbstbeglückwünschung von seinen Versäumnissen abzulenken. Ich bezweifle, dass die Wähler ihm das abkaufen, wenn die Opferzahlen weiter steigen.

    Auf der anderen Seite haben wir es in den USA mit einer äußerst polarisierten Medienlandschaft zu tun. Ich finde es erschreckend, dass die Regierung die Krise eher als PR-Problem denn als Gesundheitsnotstand behandelt.

    Die Forderungen, die Ausgangssperren zu lockern, werden lauter, je größer der wirtschaftliche Schaden wird. Müssen wir unseren Wohlstand für den Gesundheitsschutz opfern?
    In den USA hatten wir bisher das Schlechteste beider Welten: einen wirtschaftlichen Absturz und eine rasante Verbreitung des Virus. Die Ursache des Problems ist der Erreger. Erst wenn das Virus unter Kontrolle ist, kann die Wirtschaft wieder zu Kräften kommen.

    Wir müssen einen Kollaps der Gesellschaft abwenden.

    Wir können keine halben Sachen machen, etwa indem wir die Segregation von älteren Menschen beschließen. Wir sehen ja, dass auch junge Menschen schwer erkranken und sterben. Wenn die Menschen Angst haben, sich zu infizieren, werden sie nicht mit vollem Einsatz arbeiten.

    Vor dem Corona-Crash erlebte Amerika einen langen Aufschwung. Haben die glänzenden Konjunkturzahlen überstrahlt, wie verwundbar die USA wirtschaftlich sind?
    Einen Schock dieses Ausmaßes, bei dem die Leute auf einmal nicht mehr das Haus verlassen, Fabriken stillstehen und fast der gesamte Dienstleistungssektor dichtmacht, kann keine Volkswirtschaft abfedern.

    Allerdings spüren die Amerikaner die Folgen des Absturzes unmittelbarer, weil es kein soziales Netz gibt.
    Korrekt. Das Hilfsprogramm, das der Kongress beschlossen hat, versucht jetzt, das soziale Netz temporär zu stärken. Aber für die Amerikaner ist die Coronakrise wegen des unterentwickelten Sozialstaats noch beängstigender als für die Europäer.

    Auch die Gesundheitssysteme in Europa haben den Ausbruch der Epidemie nicht verhindern können, aber auf individueller Ebene bedeutet es sehr viel, wenn man in einer solchen Stresssituation weiß, dass man versichert ist. Für viele Amerikaner ist die Krankenversicherung unzureichend oder schlicht nicht existent.

    Werden die USA durch die Coronakrise europäischer?
    In jedem Fall wird diese Erfahrung die Debatte um unser Gesundheitssystem verändern. Die Unterstützung für eine staatliche Versicherungsoption wird zunehmen.

    Wissenschaftler haben uns seit Jahren vor einer Pandemie gewarnt. Aber sie wurden weitgehend ignoriert.
    Das stimmt. Es gibt sogar Hollywoodfilme, die dieses Szenario durchspielen. Aber wir im Westen haben uns in falscher Sicherheit gewiegt, wohl auch, weil die Sars-Epidemie 2002 und die Mers-Epidemie an uns vorbeigegangen sind.

    China positioniert sich international als Rettungskraft, eine Rolle, die traditionell die USA gespielt haben. Besorgt Sie das?
    Es ist mir zu billig, China zu dämonisieren. An der Art, wie Peking auf den Ausbruch des neuen Coronavirus in der Provinz Wuhan reagiert hat, besteht berechtigte Kritik. Aber es ist meines Erachtens jetzt nicht produktiv, sich in einer Notlage gegenseitig Vorwürfe zu machen.

    Professor Obstfeld, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Warum Trump im Ölpreiskrieg zum Vermittler – und Klimaretter werden könnte

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