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Interview US-Ökonom Rogoff warnt vor „Krise einer neuen Dimension“

Der ehemalige IWF-Chefökonom spricht über die Folgen der Corona-Pandemie. Für die Schwellenländer fordert Kenneth Rogoff einen Schuldenaufschub.
07.04.2020 - 16:45 Uhr Kommentieren
Der US-Ökonom Rogoff fordert für die Schwellenländer in der Coronakrise ein Schuldenmoratorium. Quelle: mauritius images / Orjan Ellingvag / Alamy
Kenneth Rogoff

Der US-Ökonom Rogoff fordert für die Schwellenländer in der Coronakrise ein Schuldenmoratorium.

(Foto: mauritius images / Orjan Ellingvag / Alamy)

Kenneth Rogoff ist ein eher zurückhaltender, vorsichtiger Ökonom – er gehört mit Sicherheit nicht zu jenen Wissenschaftlern, die auch schon mal Superlative verwenden, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. In der jetzigen Krise allerdings greift auch der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Harvard-Professor zu drastischen Worten.

Nicht nur viele Schwellenländer, auch die USA „werden in eine tiefe Rezession stürzen“. In eine Rezession, „die so ungewöhnlich ist, dass sich die Statistiker möglicherweise nie genau darauf einigen werden, um wie viel Prozent die Produktion eingebrochen ist“, sagt Rogoff.

Die Staaten müssten ohne Rücksicht auf die jetzt schon hohen Schuldenstände stark eingreifen. Für die Schwellenländer fordert Rogoff ein Schuldenmoratorium.

Herr Rogoff, es ist nicht lange her, da galten die USA als der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft. Nun erreicht die Coronakrise in Amerika schlimmere Ausmaße als in anderen Ländern. Wie schlimm wird es?
Die USA werden in eine tiefe Rezession stürzen, die so ungewöhnlich ist, dass sich die Statistiker möglicherweise nie genau darauf einigen werden, um wie viel Prozent die Produktion eingebrochen ist. Unser System zur Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist für diese Art eines plötzlichen Stopps einfach nicht ausgelegt. 

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    Können Sie trotzdem eine Größenordnung nennen, um wie viel die Wirtschaftsleistung sinken könnte?
    Ich gehe davon aus, dass der Einbruch bis zu 25 Prozent im zweiten Quartal annualisiert, also auf das Jahr hochgerechnet, betragen wird. Die Arbeitslosenquote wird kurzfristig wohl auf 13 bis 14 Prozent ansteigen. Die Unsicherheit ist riesig. 

    Nun hat die US-Regierung ein mehr als zwei Billionen Dollar schweres Paket beschlossen. Waren es die richtigen Maßnahmen?
    Die makroökonomische Reaktion war außerordentlich schnell, energisch und in seiner Dimension in dieser fast kriegsähnlichen Situation durchaus angemessen.

    Sie gelten als der große Skeptiker, was hohe Staatsschulden angeht. Machen Ihnen die billionenschweren Hilfspakete, die nicht nur in den USA, sondern überall verabschiedet werden, keine Sorgen?
    Schulden müssen inmitten von Kriegen und Naturkatastrophen aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet werden. Sehr große Defizite sind in einer solchen Lage, wie wir sie jetzt erleben, angemessen, ja sogar notwendig. Intelligentes Schuldenmanagement allerdings berücksichtigt diese Eventualitäten und bereitet sich darauf vor. Deutschland zum Beispiel ist in der glücklichen Lage, alles tun zu können, was es jetzt braucht. Und hoffentlich auch noch Reserven übrig zu haben, um Europa zu helfen.

    Werden die hohen Schuldenstände nicht die Wachstumsperspektiven verschlechtern? 
    Ja, es wird Probleme geben, einschließlich einer Beeinträchtigung des langfristigen Wachstums – schon allein deshalb, weil Länder mit extrem hohen Schulden nicht in der Lage sein werden, um künftige Krisen abzuwehren. Aber jetzt in dieser kritischen Lage ist es nicht der richtige Zeitpunkt, sich darüber Sorgen zu machen.

    Derzeit werden die Amerikaner in Scharen arbeitslos. Rächt sich jetzt, dass die USA kein entwickeltes Sozialsystem haben wie viele europäische Staaten?
    Ja, das kann man so sehen. Aber man braucht nicht zwingend einen überwuchernden Sozialstaat, um mit solchen Katastrophen fertig zu werden. Das größere Problem als der mangelhafte Sozialstaat in den USA aber besteht darin, dass wir uns seit vielen Jahren in einer Art kaltem politischem Krieg befinden, in dem die beiden Parteien überhaupt nicht zusammenarbeiten können und jeder den anderen zerstören will. Das Problem sollte man nicht unterschätzen. Unsere Studien haben gezeigt, dass die schlimmsten Finanzkrisen und Schuldenausfälle mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit immer genau dann auftreten, wenn das politische System instabil ist.

    Wenn der Einbruch der Wirtschaft schon in den USA so groß ist, wie sehen dann erst die Aussichten für Länder wie Italien aus? 
    Italiens Situation ist ziemlich düster, das Land ist in den letzten zwei Jahrzehnten kaum gewachsen, und es hat stark darunter gelitten, das erste europäische Land zu sein, das von Covid-19 getroffen wurde. Das Land braucht dringend steuerlichen Spielraum im Kampf gegen die Krise und ein Schuldenmoratorium – genauso übrigens wie zahlreiche der schwächeren Entwicklungs- und Schwellenländer. 

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    Ein Schuldenmoratorium für viele Schwellenländer: Würde das nicht neue Unsicherheiten an den Finanzmärkten zur Folge haben?
    Die Lage ist äußerst schwierig. In vielen Schwellenländern war das Wachstum bereits vor der Pandemie zurückgegangen, die privaten und öffentlichen Auslandsschulden dagegen sind gestiegen. Die Devisenreserven schmelzen dahin, die Rohstoffproduzenten kämpfen mit den einbrechenden Preisen. Hinzu kommt: Die private Finanzierung für Schwellenländer ist zum Stillstand gekommen, und Kreditgeber wie der Internationale Währungsfonds verfügen kaum noch über Ressourcen, um die Lücke zu füllen. Wir kommen an einem Schuldenmoratorium kaum vorbei.

    Was werden die Gläubiger sagen?
    Wir brauchen eine gemeinsame Pandemie-Strategie, ausgearbeitet vom IWF und der Weltbank. Auch China, der größte Gläubiger für viele der ärmsten Länder der Welt, muss miteinbezogen werden.

    Das klingt alles sehr dramatisch. Wie erklären Sie sich die relativ ruhige Lage an den Finanzmärkten angesichts dieser Lage? 
    Die Finanzmärkte haben derzeit das Szenario eingepreist, dass alles in sechs bis acht Wochen vorbei sein wird. Aber die Märkte unterschätzen womöglich diese Krise und die immense Unsicherheit, die mit ihr einhergeht. 

    Was bedeutet Corona langfristig für den Welthandel? 
    Der Welthandel bricht härter und schneller zusammen, als wir es in den letzten 90 Jahren, also seit den 1930er-Jahren, erlebt haben. Während der Finanzkrise hörte der Welthandel auf zu wachsen, und das war schon schlimm genug. Nach dem großen Einbruch, der uns bevorsteht, können wir uns immer noch nicht richtig vorstellen, wie die neue Normalität aussehen wird. Die Krise scheint die schlimmsten protektionistischen Instinkte zu wecken. 

    Dieser Instinkt war bei Donald Trump mit seinen vielen Handelskriegen ja auch vorher ganz gut entwickelt. Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der US-Regierung in der Coronakrise?
    Die Politik und die Kommunikation der Verwaltung in den ersten Wochen dieser Krise waren einfach katastrophal und entsetzlich schlecht – mit schwerwiegenden Fehlern auf allen Ebenen. Um nur ein paar zu nennen: Das „Center for Disease Control“ hat einen Test lizenziert, der sich als fehlerhaft herausstellte und die Vereinigten Staaten in den ersten vier bis sechs Wochen dieser Krise praktisch blind machte. Pläne für die notwendige Beschaffung von Notbeatmungsgeräten lagen jahrelang in den Schubladen der Ministerien, ohne dass etwas passiert ist. Das Schlimmste in der Krise aber war und ist das Misstrauen des US-Präsidenten gegenüber Wissenschaftlern und Experten.

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    Reicht das als Erklärung für die rapide steigende Zahl der Infizierten und vor allem der Todesopfer?
    Die USA haben eine gefährdete Bevölkerung mit weltweit höchsten Raten an Bluthochdruck und Diabetes sowie anderen Krankheiten, die einen tödlichen Verlauf einer Infektion mit dem Coronavirus wahrscheinlicher machen. Außerdem gibt es in den USA keine einheitliche nationale Politik. Einige Staaten haben verschiedene Formen von Ausgangssperren, andere machen business as usual. Aber die Grenzen zwischen den Staaten sind offen. Stellen Sie sich vor, Deutschland hätte eine Ausgangssperre, müsste aber seine Grenzen für andere Länder offen halten, die keine haben.

    Es heißt, das Schlimmste sei in New York überstanden....
    Ich wäre da vorsichtig. Wenn die teilweisen Sperren Ende Mai aufgehoben werden, könnte es schnell wieder schlimmer werden.

    Welche langfristigen Auswirkungen der Coronakrise sehen Sie? Wird es nachhaltige Folgen auf unser globales Wirtschaftssystem geben? 
    Die Folgen werden weitreichender sein, als sich viele vorstellen können. Die Krise von 2008 löste einen populistischen Sturm aus, diese Krise könnte etwas Ähnliches hervorbringen. Andererseits gibt es auch Hoffnung. Die Menschen werden künftig vielleicht mehr zu schätzen wissen, dass es keine schlechte Sache ist, kompetente Technokraten in der Regierung zu haben. Sie werden künftig vielleicht Führungskräfte bevorzugen, die sich wissenschaftlich beraten lassen. Denn eines hat diese Krise ja gezeigt: Bei solchen Katastrophen stellen Führungspersönlichkeiten, die sich eher von Instinkten leiten lassen, ein gravierendes Problem dar.

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    Das ist eine der zentralen Lehren aus dieser Krise?
    Ein anderer Hoffnungsschimmer ist, dass wir uns nach dieser Pandemie endlich ernsthaft auf zukünftige Seuchen vorbereiten. Und: Auch auf dem Trümmerhaufen der vielen gescheiterten Unternehmen werden neue Ideen entstehen, die besser an die neuen Realitäten angepasst sind. Ich habe zum Beispiel lange darüber nachgedacht, dass die Hochschulbildung ein viel reichhaltigeres und besseres Angebot an Onlinekursen bieten sollte, das Schüler jeden Alters erreicht. Die Krise könnte langfristig zu einer besseren Möglichkeit des lebenslangen Lernens führen.

    Manche sagen, China, das den Höhepunkt der Pandemie überschritten hat und wo die Wirtschaft schon wieder anläuft, könnte der Gewinner der Krise sein. Sehen Sie das auch so? 
    Es wäre schon eine Ironie des Schicksals, wenn ausgerechnet jenes Land, wo die Epidemie seinen Ausgang nahm, der große Profiteur wäre. Im Moment aber ist alles möglich. Ich würde jedoch die Kreativität und Widerstandsfähigkeit der USA nicht unterschätzen. Hinzu kommt die typische Angewohnheit der Amerikaner, in solchen Fällen immer Glück zu haben.

    Wird auch Trump dieses Glück haben und im November möglicherweise wiedergewählt?
    Ich wage da keine Prognose. Aber die Zustimmungsraten von Präsident Trump sind erstaunlicherweise gestiegen. Andererseits beginnt die wirkliche Katastrophe mit einer wachsenden Zahl an Todesopfern, steigender Arbeitslosigkeit und einem wirtschaftlichen Zusammenbruch gerade erst.
    Herr Rogoff, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Corona und die Systemfehler der USA. Hohe Opferzahlen, Wirtschaftseinbruch, politisches Versagen: Die Coronakrise erschüttert die USA – und könnte das Land langfristig verändern.

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