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Interview „Weltwirtschaft hat keinen Anker“: Harvard-Ökonom Rodrik kritisiert machtlose G20

Dani Rodrik fordert mehr Freiheit für nationale Wirtschaftspolitik. Internationale Kooperation sei wichtig, man könne jedoch keine Systeme diktieren.
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Dani Rodrik fordert mehr Freiheit für nationale Wirtschaftspolitik. Internationale Kooperation sei wichtig, man könne jedoch keine Systeme diktieren. Quelle: imago images / ZUMA Press
Dani Rodrik

Dani Rodrik fordert mehr Freiheit für nationale Wirtschaftspolitik. Internationale Kooperation sei wichtig, man könne jedoch keine Systeme diktieren.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Berlin Der renommierte Globalisierungskritiker und Harvard-Ökonom Dan Rodrik hält die G20 für machtlos, die aktuellen Spannungen in der Weltwirtschaft zu lösen. „Bislang hat die internationale Gemeinschaft auf die Angriffe Trumps mit dem Ruf nach mehr internationaler Zusammenarbeit reagiert. Die Welt hat immer noch nicht verstanden, dass Trump nur das Symptom, aber nicht die Ursache für die Weltunordnung ist“, sagte Rodrik im Interview mit dem Handelsblatt.

Der 61-Jährige sprach sich dafür aus, den Staaten wieder mehr Spielraum in ihrer nationalen Wirtschaftspolitik zu lassen. „Leben und leben lassen sollte wieder die Devise in der Weltwirtschaft sein. Internationale Regeln müssen wieder so flexibel werden, dass sie es einzelnen Ländern erlauben, ihre wirtschaftlichen und sozialen Ziele zu verfolgen“, sagte der in Harvard lehrende Volkswirt.

Der Rest der Welt habe kein Recht, China zu erklären, wie seine nationale Industriepolitik aussehen solle. Umgekehrt dürfe sich Peking nicht beschweren, wenn Europa und die USA ihre sozialen und wirtschaftlichen Standards schützten. „Das kann nur gelingen, wenn wir eine friedliche Koexistenz unterschiedlicher wirtschaftlicher Systeme akzeptieren und nicht versuchen, unsere Regeln anderen aufzuzwingen.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Rodrik, der G20-Gipfel fällt zeitlich zusammen mit dem Jahrestag der Konferenz in Bretton Woods vor 75 Jahren. Was ist von dem damaligen Gemeinschaftsgeist noch übrig?
Wir haben immer noch den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die heutige Welthandelsorganisation WTO, die als Gatt erst später dazugekommen ist. Von den Prinzipien von 1944 haben wir uns jedoch weit entfernt – und das nicht nur, weil US-Präsident Trump dagegen Sturm läuft.

Woran liegt es noch, wenn nicht nur an Trump?
Wir haben uns bereits in den 1990er-Jahren von den Prinzipien des Treffens in Bretton Woods verabschiedet. Vor allem von dem Grundsatz, dass die Weltwirtschaft die Ziele der nationalen Volkswirtschaften unterstützen muss und nicht umgekehrt.

Welche Ziele meinen Sie?
Zum Beispiel Vollbeschäftigung, eine gerechte Einkommensverteilung oder inklusives Wachstum. Durch die Globalisierung der Finanzmärkte haben wir diese Ziele immer stärker den Bedürfnissen der Investoren untergeordnet. Trump ist nur das Symbol einer Weltwirtschaft, die ihren Anker verloren hat. Er ist der härteste Kritiker des Bretton-Woods-Systems, aber dessen Prinzipien haben wir schon viel früher aufgegeben.

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Wie ist es zu diesem Bruch gekommen?
Bretton Woods ist Opfer seines eigenen Erfolgs geworden. Durch die damals verabredete Liberalisierung der Weltwirtschaft ist die politische Macht multinationaler Konzerne und Banken stark gewachsen. Hinzu kam, dass seit Ende der 1980er- Jahre die internationale Wirtschaftspolitik unter den Einfluss marktradikaler Ideen des Neoliberalismus geriet. Die internationale Integration der Weltwirtschaft wurde zum dominierenden Ziel der Wirtschaftspolitik, auf ihre sozialen Folgen wurde zu wenig Rücksicht genommen. Beides zusammen hat zu einer Hyperglobalisierung geführt.

Geben Sie mir ein Beispiel.
In der Europäischen Union wurde erstmals ein enormer Riss zwischen der wirtschaftlichen Integration durch den gemeinsamen Binnenmarkt und den politischen, fiskalischen und sozialen Institutionen sichtbar. Europa wurde mehr und mehr zu einem wirtschaftlichen Projekt, und die politischen und sozialen Ziele traten in den Hintergrund.

Bretton Woods gilt als Synonym für eine gemeinsam gesteuerte Öffnung der Weltwirtschaft. Sie sagen, multinationale Konzerne hätten die Idee gekapert und für ihre Interessen missbraucht?
Ja, genau. Die Ära der Globalisierung seit den 1990er-Jahren ist stark geprägt von den Interessen dieser mächtigen Unternehmen und Industrien. Diese Spezialinteressen dienten meistens den sehr Reichen und der internationalen Elite. Das führt zu der paradoxen Situation, dass die Weltwirtschaft stärker zusammengewachsen ist, die soziale und wirtschaftliche Spaltung innerhalb vieler Volkswirtschaften jedoch größer geworden ist. Das ist die Kehrseite der Globalisierung.

Wie könnte ein neues Bretton-Woods-System die alten Schwächen überwinden und neue Herausforderungen wie den wirtschaftlichen Nationalismus oder den Klimawandel meistern?
Erschwert wird der Aufbau einer neuen Weltwirtschaftsordnung durch die Rivalität zwischen den USA und China. Mit dem Beitritt Chinas zur WTO hatte man im Westen gedacht, das Reich der Mitte würde Europa und Amerika immer ähnlicher. Das ist jedoch nicht der Fall, und deshalb gibt es jetzt enorme Spannungen bei der Integration der Weltwirtschaft. Wir brauchen eine stabile internationale Ordnung, die Platz lässt für die wachsenden Bedürfnisse und Interessen Chinas.

Wie könnte das gelingen?
Leben und leben lassen, das sollte wieder die Devise in der Weltwirtschaft sein. Internationale Regeln müssen wieder so flexibel werden, dass sie es einzelnen Ländern erlauben, ihre wirtschaftlichen und sozialen Ziele zu verfolgen. Das war der Kompromiss von 1944. Nicht nur China, auch viele andere Länder haben legitime Gründe, ihren wirtschaftlichen Kurs selbst zu bestimmen. Das kann nur gelingen, wenn wir eine friedliche Koexistenz unterschiedlicher wirtschaftlicher Systeme akzeptieren und nicht versuchen, unsere Regeln anderen aufzuzwingen.

Was bedeutet das für den aktuellen Handels- und Technologiekrieg?
Ich bin nicht dafür, dass wir wieder Handelshemmnisse aufbauen, um heimische Industrien zu schützen. Aber der Rest der Welt hat kein Recht, China zu erklären, wie seine nationale Industriepolitik aussehen soll. Und umgekehrt muss China einsehen, dass Europa und die USA das Recht haben, ihre sozialen und wirtschaftlichen Standards zu verteidigen sowie ihre Technologien aus Gründen der nationalen Sicherheit oder der technologischen Integrität zu schützen.

Wie kann eine eng vernetzte Weltwirtschaft funktionieren, wenn einzelne Länder nach unterschiedlichen Regeln spielen?
Wenn es darum geht, ob China seine Unternehmen subventionieren darf. Oder ob es von ausländischen Firmen einen Technologietransfer verlangen kann. Oder ob es Mindestanteile aus heimischer Produktion bestimmen soll. In all diesen Fällen ist China selbst am besten geeignet, zu entscheiden, was in seinem Interesse ist. Wenn China dadurch zu einer erfolgreichen Volkswirtschaft wird, profitiert auch der Rest der Welt davon. Das haben die vergangenen 30 Jahre gezeigt. Es ist ein Irrglaube, dass internationale Regeln so maßgeschneidert werden können, dass sie für die nationalen Bedürfnisse einzelner Länder passen.

Würde die Koexistenz unterschiedlicher Regelwerke nicht letztendlich zu einer Entkoppelung der Weltwirtschaft führen mit zwei stark getrennten Welten – der chinesischen und der westlichen?
Ich denke nicht, dass dies zu einer Spaltung der Weltwirtschaft führt. Allerdings ist es möglich, dass zum Beispiel die digitale Welt in China sich sehr von der in Europa oder Amerika unterscheidet. Handels- und Investitionsströme werden jedoch vor allem davon gelenkt, ob eine Volkswirtschaft gesund ist und wächst. Auch unter dem alten Bretton-Woods-System sind Länder ihren unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Kursen gefolgt, weil die internationalen Regeln so schwach waren. Und doch ist das Volumen des Welthandels und der Auslandsinvestitionen in den vier Dekaden nach 1944 stärker gestiegen als danach.

Gilt Ihr Rat zurück zu nationalen Lösungen auch für globale Probleme wie den Klimawandel und die Migration?
Nein. Für den Kampf gegen den Klimawandel brauchen wir mehr internationale Regeln und nicht weniger. Hier handelt es sich um ein globales Problem, dem man nur gemeinsam begegnen kann. Man kann deshalb nur hoffen, dass die USA ihren Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen noch einmal überdenken.

Und wie bewältigen wir die Migrationskrise?
Auch hier brauchen wir globale Regeln, die sicherstellen, dass die ökonomischen Früchte der Einwanderung von Arbeitskräften auch geerntet werden können. Die Arbeitsmärkte sind der einzige Bereich der Weltwirtschaft, in dem die Globalisierung nicht weit genug fortgeschritten ist. Hier sind die Wohlstandsgewinne längst nicht ausgeschöpft. Mithilfe von zeitlich befristeten Arbeitsvisa könnte man zum Beispiel eine zirkuläre Arbeitsmobilität initiieren, wodurch die Erträge sowohl in den Gast- als auch in den Entsendeländern geteilt würden.

Die USA nutzen derzeit die Stellung des Dollars als Weltleitwährung, um ihre geopolitischen Ziele durchzusetzen. Was kann Europa dagegen tun?
Ich glaube, die Politik der amerikanischen Regierung ist nicht nur falsch, sondern auch sehr kurzsichtig. Sie setzt damit einen starken Anreiz, eine Alternative zum Dollar aufzubauen, was wiederum die USA schwächen würde. Europa hat jetzt gemerkt, dass es viel schneller ein eigenes Zahlungssystem entwickeln muss. Immer, wenn Amerika seine wirtschaftliche Macht einsetzt, um außenpolitische Ziele zu verfolgen, die nicht breit unterstützt werden, schadet es sich selbst.

Ist die G20 die richtige Adresse, um den alten Geist von Bretton Woods wiederzubeleben?
Leider nicht – noch nicht. Bislang hat die internationale Gemeinschaft auf die Angriffe Trumps mit dem Ruf nach mehr internationaler Zusammenarbeit reagiert. Die Welt hat immer noch nicht verstanden, dass Trump nur das Symptom, aber nicht die Ursache für die Weltunordnung ist. Das heißt nicht, dass seine Rezepte richtig sind. Im Gegenteil. Aber wir können keine Weltwirtschaftsordnung aufrechterhalten, die unhaltbar geworden ist.

Kann Europa die notwendigen Reformen der Weltwirtschaft auf den Weg bringen?
Europa könnte diese Rolle übernehmen. Es gibt viel mehr ökonomische Vernunft in Europa als in der US-Regierung. Europa könnte zum Beispiel der Idee, dass die Weltwirtschaft eine Ansammlung souveräner Staaten ist, wieder Auftrieb geben. Aber auch Europa ist Teil der Auseinandersetzung mit China geworden, auch wenn es nicht so aggressiv auftritt wie die USA. Deshalb glaube ich nicht, dass Europa seine Chance ergreift.

Was ist das größte Risiko für die Weltwirtschaft?
Am meisten sorge ich mich über die Angriffe auf unsere liberalen Demokratien. Die wirtschaftlichen Probleme spielen dabei auch eine Rolle. Dafür braucht es nationale oder regionale Antworten. Die Probleme der Euro-Zone lassen sich nicht durch bessere internationale Wirtschaftsarchitektur beheben. Dafür braucht es eine europäische Antwort.

Ist die Globalisierung auf dem Rückzug?
Wir stehen am Anfang einer Ära, in der Handel, Finanzen und Investments nicht mehr so florieren werden wie in den vergangenen Jahrzehnten. Obwohl die aktuellen Handelskonflikte und politischen Krisen weiter eine wichtige Rolle spielen, gibt es doch wesentlich bedeutendere säkulare und technologische Trends, die das Gesicht der Globalisierung ebenfalls verändern werden.

Neue Technologien werden zur Globalisierungsbremse?
Die Tatsache, dass globale Lieferketten sich heute nicht mehr so schnell verbreiten, hat weniger mit politischen Risiken als vielmehr damit zu tun, dass moderne Produktionstechnologien heute eher eine Rückverlagerung von Fabriken in die Heimatländer großer Unternehmen begünstigen. Hohe Ausbildungsstandards und eine hohe Kapitalintensität sind wichtiger als billige Löhne. Das bremst die internationale Arbeitsteilung. Zudem werden Dienstleistungen immer bedeutender. Die lassen sich aber weniger leicht international handeln.
Herr Rodrik, vielen Dank für das Interview.

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