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Interview „Wir müssen uns massive Sorgen machen“ – Clemens Fuest fordert Hilfen für die Türkei

Der Chef des Ifo-Instituts warnt vor den Folgen der Türkei-Krise und sieht wenig Chancen, dass Erdogan das Vertrauen der Märkte zurückgewinnen kann.
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Langfristig könne der Türkei nur ein grundlegender Politikwechsel helfen, glaubt der Ökonom. Quelle: imago/photothek
Clemens Fuest

Langfristig könne der Türkei nur ein grundlegender Politikwechsel helfen, glaubt der Ökonom.

(Foto: imago/photothek)

Clemens Fuest ist derzeit in den USA unterwegs. Doch die Krise in der Türkei alarmiert den Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts derart, dass er sich die Zeit für ein Gespräch mit dem Handelsblatt nimmt. Der Brexit, die transatlantische Krise und ein drohender Handelkrieg – eine politische wie ökonomische Destabilisierung der Türkei habe Europa gerade noch gefehlt, meint der Ökonom.

Herr Fuest, die türkische Lira hat am Freitag fast ein Viertel ihres Werts gegenüber dem Dollar verloren. Ein solcher Absturz an den Devisenmärkten kommt selten vor. Müssen wir uns Sorgen um die Stabilität der Türkei machen?
Wir müssen uns massive Sorgen machen. Die Krise der Türkei ist eine klassische Wirtschafts- und Währungskrise. Die Politik Erdogans sorgt seit einigen Jahren dafür, dass die Wirtschaft des Landes unter Druck gerät. Die Konflikte mit der EU und den USA verunsichern die Investoren. Erdogan hat darauf mit konjunkturpolitischen Maßnahmen reagiert, vor allem in Form staatlicher Kreditgarantien und sehr expansiver Geldpolitik.

War nicht das größte Problem, dass er die Notenbank massiv unter Druck gesetzt hat, die Zinsen zu senken?
Ja, er hat die Unabhängigkeit der Notenbank untergraben. Im Jahr 2017 hat das zu hohem Wachstum geführt, aber das war nur ein Strohfeuer. Jetzt ist das Strohfeuer ausgebrannt. Die Inflationsrate ist explodiert, das Vertrauen erschüttert. Donald Trumps Drohung mit Strafzöllen war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Nun gab es zuletzt Signale, dass die Zentralbank ihre Autonomie behalten kann. Zwingt der Druck der Märkte Erdogan nicht letztlich doch zur ökonomischen Vernunft?
Der Druck der Märkte erzwingt einen Politikwechsel, aber dieser Wechsel kommt zu spät, um die Krise zu verhindern. Wenn man einmal Vertrauen von Investoren und Konsumenten zerstört hat, dauert es sehr lange, dieses Vertrauen wieder aufzubauen. Erdogan steckt in einer schwierigen Zwangslage, in die er sich selbst hineinmanövriert hat. Er hat durch seine Politik die wirtschaftliche Entwicklung geschädigt und dann versucht, die negativen Folgen mit Gelddrucken und staatlichen Kreditgarantien auszugleichen. Aber wenn man ein realwirtschaftliches Problem hat, kann man mit Geldpolitik nur bedingt gegensteuern. Er hätte viel früher umkehren müssen.

Wie kommt er aus dieser Zwangslage wieder raus?
Erdogan muss versuchen, Vertrauen zurückzugewinnen. Der türkische Finanzminister hat schon versprochen, man würde künftig die Unabhängigkeit der Notenbank respektieren. Aber wie glaubwürdig ist das? Wir befinden uns in einer Paniksituation. Viele türkische Unternehmen sind in Euro und Dollar verschuldet. Die Investoren versuchen derzeit, ihr Kapital aus der Türkei abzuziehen, um wenigstens einen Teil davon zu retten. Es ist ungeheuer schwer, eine solche Panik einzudämmen.

Aber wenn die Notenbank die Zinsen jetzt kräftig erhöht, um die Kapitalflucht einzudämmen und gegen die Inflation anzukämpfen, bricht die Wirtschaft dann nicht kurzfristig erst recht zusammen?
Genau das ist das Dilemma. Es handelt sich um eine klassische Stabilisierungskrise. Es ist nicht möglich, die Währung zu stabilisieren, ohne die Zinsen massiv zu erhöhen. Massive Zinserhöhungen werden aber dazu führen, dass die türkische Wirtschaft in eine Rezession gerät. Es gibt hier keinen leichten Ausweg.

Zuletzt wuchs die Türkei doch überraschend kräftig?
Ja, aber das war getrieben durch die Expansion staatlicher Ausgaben und subventionierte Kredite, die vor allem in die Bauwirtschaft flossen. Das kann nur einen Strohfeuereffekt haben. Die schwierige geopolitische Lage der Türkei, der Konflikt mit der EU und den USA, die zunehmende Unterdrückung der Opposition im Inland, die wachsenden Auslandsschulden der Türkei, diese Probleme lassen sich durch Gelddrucken nicht lösen.

Wie erklären Sie sich diesen massiven Einbruch der Währung von mehr als 20 Prozent? Das erlebt man an den behäbigen Devisenmärkten auch nicht oft ...
Wir befinden uns in einer Run-Situation: Die Investoren versuchen, ihr Kapital möglichst schnell abzuziehen, weil sie wissen, dass andere Investoren das auch tun. Wer fliehen kann, der flieht. Keiner will der Letzte sein, denn den beißen die Hunde. In einer solchen Situation spielen die ökonomischen Fundamentaldaten kaum noch eine Rolle.

Was also würden Sie an Erdogans Stelle tun?
Einfache Lösungen gibt es in dieser Lage nicht. Die Abwertung der Währung hilft, weil es dadurch wieder attraktiver wird, in der Türkei zu investieren. Die Abwertung hat aber auch hohe Kosten: Sie treibt Unternehmen, die in ausländischer Währung verschuldet sind, ihre Einnahmen aber in der Türkei erzielen, in die Pleite. Außerdem heizt die Abwertung die Inflation an. Die Inflationsrate lag 2017 schon bei elf Prozent. Die Notenbank müsste jetzt eigentlich Lira vom Markt nehmen. Das kann sie aber nicht, weil die Währungsreserven begrenzt sind. Also bleibt nur die Zinserhöhung, das wiederum kann in eine Rezession führen. Langfristig hilft der Türkei nur ein grundlegender Politikwechsel.

Wie sollten sich aus Ihrer Sicht die Europäer in dieser schwierigen Krise positionieren?
Es liegt im Interesse Europas, einen wirtschaftlichen Absturz der Türkei zu verhindern. Die Türkei ist ein wichtiger Handelspartner, trotz aller Konflikte Nato-Mitglied und ein wichtiger Faktor für die politische Stabilität im Nahen Osten. Europa sollte gleichzeitig klarmachen, dass Unterstützung bei der Überwindung der Krise einhergehen muss mit besserer Zusammenarbeit und politischen Veränderungen in der Türkei, unter anderem der besseren Einhaltung demokratischer und rechtsstaatlicher Standards.

Sollte Europa mit Krediten aushelfen?
Die Türkei sollte Hilfe beim Internationalen Währungsfonds (IWF) beantragen. Die Europäer sollten diesen Weg unterstützen.

Erdogan wird wohl kaum den IWF um Hilfe bitten, es wäre für ihn die Rolle eines Bittstellers gegenüber dem Westen ...
Richtig, das ist ein Problem. Aber wenn der Druck groß genug ist, könnte er das als kleineres Übel sehen.

Die USA haben die Eskalation der Krise mit ihrer Sanktionspolitik gegenüber der Türkei und den Strafzöllen ja erst verursacht – und werden sich wohl eher nicht für IWF-Stützungskredite einsetzen. Was also könnten die Europäer denn tun, wenn eine Stabilisierung der Türkei so wichtig ist?
Theoretisch könnten die europäischen Staaten der Türkei mit Euro-Darlehen helfen und dafür Bedingungen formulieren. Der weitaus bessere Weg wäre aber ein IWF-Programm. Angesichts der autoritären Politik Erdogans dürfte es in Europa unpopulär sein, ihm in dieser Krise zu helfen. Man sollte aber nicht außer Acht lassen, dass die aktuelle Krise auch eine Chance sein könnte, die Beziehungen zwischen der Türkei und den EU-Staaten auf eine neue Basis zu stellen. Die Türkei ist wichtig für Europa, und die Türkei ist mehr als Erdogan.

Was steht ökonomisch für Deutschland auf dem Spiel?
Deutsche Banken sind in der Türkei weniger stark engagiert als Banken aus Spanien, Italien und Frankreich, die größere Probleme haben. Deutsche Exporte in die Türkei betragen gut 20 Milliarden Euro pro Jahr. Das ist viel Geld, macht aber nur rund 1,5 Prozent unserer Gesamtexporte aus. Die Türkei ist ein wichtiger Wirtschaftspartner, aber sie gehört nicht zu den wichtigsten. Insofern halte ich das Problem für überschaubar.

Also keine akute Gefahr?
Das ökonomische Gewicht der Türkei ist nicht so groß, dass eine Wirtschaftskrise dort eine Rezession in Deutschland oder Europa auslösen muss. Trotzdem kommt hier zu den bestehenden weltwirtschaftlichen Belastungsfaktoren wie Brexit und US-Strafzöllen ein weiterer hinzu. Auch in Europa ist das Vertrauen in die Wirtschaftsentwicklung fragil. Eine Stabilisierung der Türkei liegt in unserem Interesse.

Für wie groß halten sie die Wahrscheinlichkeit, dass die türkische Wirtschaft einen so hohen Druck ausüben kann, dass Erdogan letztlich doch zur Vernunft kommt?
Diese Krise ist mit Abstand die schwerste in der gesamten Regierungszeit Erdogans. Deshalb ist der Veränderungsdruck groß. Diese Krise könnte Erdogan das Amt kosten. Für Erdogans Glaubwürdigkeit und Popularität ist die Krise ein schwerer Schlag.

Erdogan schiebt die Schuld für die Krise dem Ausland zu, die Türken scheinen ihm das zu glauben ...
Irgendwann funktioniert das nicht mehr. Wenn die Menschen einen Verfall ihres Lebensstandards erleben, wird es für jede Regierung kritisch, auch für eine, die versucht, dem Ausland die Schuld für eigene Fehler in die Schuhe zu schieben.

Herr Fuest, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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