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Interview zur Coronakrise Wirtschaftshistoriker warnt vor Schulden: „Europa droht eine japanische Lösung“

Der US-Wirtschaftshistoriker Adam Tooze warnt vor einer neuen Schuldenkrise in Europa. Es könnte zu japanischen Verhältnissen kommen – dort werden die Schulden bei der Notenbank geparkt.
19.05.2020 - 16:23 Uhr 6 Kommentare
Die Coronakrise habe die wirtschaftlichen Unterschiede in Europa noch einmal akzentuiert, sagt Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Quelle: via REUTERS
Merkel bei der Vorstellung des Anti-Krisenplans

Die Coronakrise habe die wirtschaftlichen Unterschiede in Europa noch einmal akzentuiert, sagt Wirtschaftshistoriker Adam Tooze.

(Foto: via REUTERS)

Berlin In seinem Bestseller „Crashed“ über die Finanzkrise 2008 hat Adam Tooze gezeigt, wie eine wachsende Schuldenlast viele Länder dauerhaft schwächen kann. Das gleiche Schicksal drohe nun Europa nach der Corona-Pandemie. Die Folgen der Krise werden die wirtschaftlichen Unterschiede in Europa weiter verschärfen, warnt der in New York lehrende Wirtschaftshistoriker im Handelsblatt-Interview. Höhere Inflationszahlen könnten helfen, den Schuldenberg erträglicher zu machen.

Ohne eine solche finanzielle Repression drohten japanische Verhältnisse in der Europäischen Union. Die Schulden müssten auf die Bilanz der Europäischen Zentralbank geparkt werden.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Tooze, Deutschland und Frankreich haben sich auf einen gemeinsamen Wiederaufbaufonds für Europa geeinigt. Wo erwarten sie die größten Widerstände?
Die Krise hat die wirtschaftlichen Unterschiede noch einmal akzentuiert. Die Niederlande sind nun noch stärker als zuvor eines der größten Hindernisse für eine stärkere finanzielle Integration Europas.

Kann Europa jetzt auf die EZB als Krisenmanagerin verzichten?
Bislang hat die EZB die Eurozone im Gleichgewicht gehalten. Die Notenbank hat mit ihren Anleihekäufen dafür gesorgt, dass Europa nicht erneut in eine Schuldenkrise wie 2010 gerät. Das EZB-Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat die Lage jedoch komplizierter gemacht, weil es den Handlungsspielraum der Notenbank einengen könnte. Nicht einmal aus den Niederlanden gab es dafür Beifall.

Die Hilfspakete in den EU-Staaten sind sehr unterschiedlich. Deutschland kann viel mehr tun als zum Beispiel Italien. Kann das neue Paket der EU diese Divergenz jetzt ausgleichen?
Die deutschen Hilfen sind sehr groß, aber bestehen hauptsächlich aus Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Es handelt sich also nicht um ein klassisches Konjunkturprogramm wie die USA es im Moment aufgelegt haben. Auch Italien hat ein großes Hilfsprogramm aus Krediten und Steuererleichterungen auf den Weg gebracht, das fast mit dem deutschen vergleichbar ist. Unklar ist jedoch, ob das Land die zusätzliche finanzielle Last in den kommenden zwei oder drei Jahren schultern kann.

Ist es noch zu früh, um von einem Durchbruch zu sprechen?
Die Schuldenkrise begann 2010, erreichte ihren Höhepunkt aber erst in 2012. Wir stecken noch sehr früh in der aktuellen Coronakrise.

Braucht Europa Steuererhöhungen, um die Schulden später zurückzuzahlen?
Theoretisch könnte man auch die Staatsausgaben kürzen, aber eine neue Runde der früheren Austeritätspolitik würde Europas Wirtschaft sehr schaden. Im Falle Italien sind weitere Sparrunden zudem kaum noch sinnvoll. Das Land betreibt seit Jahren eine härtere Haushaltspolitik als Deutschland und erwirtschaftet seit Mitte der 1990er Jahre fast ununterbrochen Primärüberschüsse in seinem Staatshaushalt.

Der Wirtschaftshistoriker warnt vor einer neuen Schuldenkrise in Europa.
Adam Tooze

Der Wirtschaftshistoriker warnt vor einer neuen Schuldenkrise in Europa.

Was wäre die Alternative?
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die USA und Großbritannien ihre Schulden nicht abgeschrieben, sondern durch finanzielle Repression gedrückt. Das Zinsniveau lag unter der Inflationsrate. Das wäre sicher der beste Weg.

Doch woher soll die Inflation im Moment kommen, wenn nicht nur die Produktion, sondern auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage am Boden liegt?
Wir brauchen auf jeden Fall ein nominales Wachstum der Wirtschaft, wenn wir die Schulden wieder loswerden wollen.

Droht Europa also eine neue Schuldenkrise?
Wenn Austerität politisch nicht sinnvoll und Inflation im Moment ökonomisch nicht möglich sind, dann droht Europa eine japanische Lösung, und die Schulden werden in der Bilanz der Notenbank geparkt. Das macht Japan seit Jahrzehnten.

Präsident Macron hat das Rettungspaket mit der Forderung nach mehr europäischer Souveränität verbunden. Können die Europäer jetzt selbstbewusster auch gegenüber den USA und China auftreten?
Ehrlich gesagt, finde ich die Forderungen nach einer strategischen Autonomie Europas nicht sehr überzeugend. Wichtiger wäre es, darüber nachzudenken, wie eine engvernetzte Weltwirtschaft in Zukunft funktionieren soll, wenn sich Verhaltensweisen wie das Reisen grundlegend verändern.

Nicht nur das Reisen wird sich ändern, auch die globalen Lieferketten dürften in Zukunft anders aussehen …
Ich erwarte nicht, dass jetzt viele Länder die Produktion nach Hause holen. Die Unternehmen werden sicherlich darauf achten, dass wichtige Lieferketten kürzer werden. Aber auf eine Produktion in China wird man dennoch nicht verzichten können. Der Markt dort ist einfach zu wichtig und Chinas Wirtschaft kommt wieder auf Touren.

Herr Tooze, vielen Dank für das Interview.

Mehr: 500 Milliarden Euro für Europa: Das Anti-Krisen-Programm von Merkel und Macron

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6 Kommentare zu "Interview zur Coronakrise: Wirtschaftshistoriker warnt vor Schulden: „Europa droht eine japanische Lösung“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Man kann als Deutscher nur froh sein, dass es die Amerikaner gibt.
    Vor allen Dingen die "guten Ratschläge" sind dankenswert.

  • Das ist schon frech, der Herr sollte sich zuerst einmal die Bilanz seines Landes ansehen. Während Deutschland noch Geld für seine Staatsanleihen bekommt und nach der Krise wahrscheinlich einen Schuldenstand von etwa 75% hat, weitestgehend zu nahezu 0% finanziert. schießen die USA weit über die 100% Marke.
    Nimmt man Italien und Griechenland einmal aus, so steht es in der Euro Zone auch nicht so schlecht wie in den USA aus.
    Die USA müssen ihre Staatsanleihen mit mehr als 2,5% verzinsten, was die USA schon lange nicht mehr aus eigener Kraft können, weshalb sie auf Kapitalimporte von weit über 100 Milliarden Euro jährlich angewiesen sind.
    Können die USA z.B. wegen Corona ihre Schulden nicht mehr bedienen, dann wird es mit der Dominanz des Dollars sehr schnell vorbei sein und damit auch ihre Weltmachtansprüche, ohne dass auch nur ein Böller abgeschossen werden müsste.
    Trump schafft den Niedergang der USA ganz allein, America First.
    Es wäre also besser der Herr würde sich darüber Gedanken machen, anstatt sich über andere das Maul fusselig zu reden.

  • Achso, und:

    Wer im Glashaus sitzt, sollte mit Steinen eher vorsichtig manövrieren. Der Ami-Schwätzer soll sich mit Trump duellieren und ansonsten schweigen.

  • Bevor wieder abgeschaltet wird erst mal folgende Feststellung:

    Allen Unkenrufen zum trotz fahren die Japaner mit ihrer Greisengesellschaft von Grüßaugusten doch eigentlich recht kommod mit ihrer Gesamtsituation.

  • endlich mal wieder ein Artikel mit jemanden mit Verstand und Blick für die Historie. Im Moment wird die wirtschaftliche Zukunft Europas durch eine maßlose Schuldensucht verspielt. Leider ist das den heute an der Macht stehenden egal (Managern auch wenn man sich die steigende Verschuldung ansieht). Nichts aus Griechenland gelernt - wir werden einfach aus den Schulden rauswachsen - sicher wenn wir das Silicon Valley wären und nicht Europa,
    Es mag auch heute keiner über die Konsequenzen nach der Kriese sprechen. Das ist auch besser so - es könnte den Wähler nur beunruhigen.

  • Es braucht ab und zu mal einen Tabu-Bruch. Und der muss in der Krise lauten: Schulden ausbuchen und, wie Wunder, niemand verliert etwas. Wie geht das? Die EZB hat mit Geld aus dem Nichts, genannt Geldschöpfung, von den €-Staaten gehörig Staatsanleihen aufgekauft. Das Geld haben die €-Staaten erhalten, also die Finanz-Minister, und ausgegeben. Bezahlt davon wurden Beamte, Unis, Pensionen, Renten, Brücken etc.. Da das Geld aus dem Nichts geschöpft wurde, kann man die von der EZB gekauften Staatsanleihen ganz einfach ausbuchen. Dazu benötigt man nur eine gesetzliche Ermächtigung, Parlamente müssen nur zustimmen und die würden es mehrheitlich auch gerne tun, denn so werden €-Staaten eine Menge Schulden los. Wer dies in Zweifel zieht, frage mal einen Investment-Banker. Fragen Sie dazu nie ihren Schalterbeamten bei der Bank, denn er ist nur Schalterbeamter mit 14 mal Netto-Gehalt. Die Investmenter verdienen dagegen Millionen, da sie das System der Geldschöpfung kennen und für sich super zu nutzen verstehen. Also auf zum Tabu-Bruch und EZB-gekaufte Staatsanleihen ausbuchen.

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