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Iran US-Gericht verfügt Beschlagnahmung von Supertanker „Grace 1“ – der Golf-Konflikt schwelt weiter

Am Donnerstag hatte das oberste Gericht von Gibraltar den iranischen Tanker freigegeben – jetzt schalten sich die USA ein. Die Lage ist festgefahren.
Update: 17.08.2019 - 01:58 Uhr 4 Kommentare

Großbritannien gibt festgesetzten iranischen Öltanker frei

Berlin, Washington, Gibraltar Kurz nachdem der iranische Supertanker „Grace 1“ vom obersten Gericht des britischen Überseegebietes Gibraltar freigegeben worden war, hat ein US-Gericht die Beschlagnahmung des Schiffes verfügt. In einer Stellungnahme teilte das US-Justizministerium mit, es würden mutmaßliche Verstöße gegen US-Sanktionen, Geldwäschegesetze und Terrorismusstatuten vorliegen.

Der iranische Supertanker war sechs Wochen lang mit 2,1 Millionen Barrel Rohöl im Frachtraum in Gibraltar festgehalten worden. Aber auch nach der am Donnerstag erfolgten Freigabe kommt er nicht vom Fleck, wie Schiffs-Trackingagenturen mit Luftaufnahmen belegen.

Die USA, die bis zuletzt vor Gericht des zu Großbritannien gehörenden Mittelmeeranrainers ein Auslaufen des Schiffs zu verhindern suchten, setzen alles daran, die „Grace 1“ zu blockieren. Jeder, der dem Tanker helfe, werde nie wieder in die USA einreisen können, drohte US-Außenminister Mike Pompeo per Twitter. Das scheint zu wirken.

Zudem weigert sich der indische Kapitän, der mit seinem Ersten Offizier und zwei weiteren Offizieren im Stadtstaat festgesetzt worden war und erst am Donnerstag freikam, nach Angaben seines Anwalts wieder an Bord zu gehen. Er wolle so schnell es gehe zurück in seine Heimat.

Die „Grace 1“, die bisher unter der Flagge Panamas fuhr, ist umgeflaggt worden auf den Iran. Auch soll jetzt eine iranische Schiffsversicherung für mögliche Schäden haften.

Der Megatanker war am Donnerstag per Gerichtsentscheid freigekommen, nachdem er am 4. Juli angeblich in Hoheitsgewässer Gibraltars gefahren und dort von der britischen Marine festgesetzt worden war. Iran hatte Großbritannien „Piraterie“ vorgeworfen, der Tanker sei in internationalen Gewässern gewesen.

Deshalb würden für ihn auch die EU-Ölsanktionen gegen Syrien nicht gelten. Die aber hat Großbritannien als Grund für das Festsetzen des Schiffs angegeben. Die iranischen Revolutionsgarden hatten darauf hin am 19. Juli den britischen Öltanker „Stena Impero“ an der Straße von Hormus, dem Nadelöhr am Persischen Golf, gekapert.

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Iran hat nach Angaben der Regierung von Gibraltar fest zugesagt, dass die „Grace 1“ nicht nach Syrien fahren werde. Zudem sei kein Tanker-Tausch vereinbart worden, also nicht die automatische Freigabe der an Irans Küste festliegenden „Stena Impero“ im Gegenzug für das Ende der Beschlagnahmung der „Grace 1“.

Wohin die „Grace 1“ nun aber fahren soll, ist unklar. „In einen Mittelmeer-Hafen“, sagte Jalil Eslami, Vizechef der iranischen Hafen- und Seefahrtbehörden. Ursprünglich sollte das Öl an die Beniyas Raffinerie an Syriens Mittelmeerküste gehen.

Die 140 Millionen Dollar, die die Ölfracht auf dem Tanker wert ist, werden im Iran dringend gebraucht. Denn die iranischen Ölexporte sind wegen der US-Sanktionen im freien Fall. US-Präsident Donald Trump war im Mai 2018 einseitig aus dem Atomabkommen mit dem Iran ausgestiegen und hatte Sanktionen gegen das Land verhängt.

Saudi-Arabien profitiert von Irans Schwäche

Selbst China, das mit den EU-Staaten und Russland weiter am Atomabkommen festhält, hat seine Ölimporte aus dem Iran drastisch reduziert. Saudi-Arabien, der große Rivale Teherans, hat seine Öllieferungen auf mehr als 1,8 Millionen Barrel täglich fast verdoppelt. Im August 2018 waren es noch 921.000 Fass pro Tag. Im Gegenzug hat Riad seine Ölausfuhren in die USA um 62 Prozent auf nur noch 262.000 Barrel täglich reduziert.

Washington hatte Irans Rivalen aufgefordert, verstärkt den Ländern Öl anzubieten, die es bisher aus dem Iran beziehen. So hat der saudische Ölriese Saudi Aramco Anfang der Woche den Einstieg bei Indiens Ölkonzern Reliance bekannt gegeben. Und Aramco will zusammen mit Adnoc, dem staatlichen Ölförderer der Vereinigten Arabischen Emiraten, für 44 Milliarden Dollar zusammen mit anderen indischen Energiekonzernen Ölraffinerie- und Petrochemie-Komplexe in Indien aufbauen. Neben Indien und China wurden vor allem Japan und Südkorea mit Irans Rohöl versorgt.

Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif, der inzwischen mit dem iranischen Religions- und Revolutionsführer, Ajatollah Ali Chamenei, auf der US-Sanktionsliste steht, versucht durch Reisen in die Region, diese Märkte offen zu halten.

In der Nacht zum Freitag spottete er über die USA: Nach dem Gerichtsurteil von Gibraltar twitterte er, „Trumps Wirtschafts-Terrorismus“ und die „Piraterie der USA“ seien jämmerlich gescheitert. Ein Regierungssprecher in Teheran sprach am Freitag vom Erfolg „iranischer Power-Diplomatie“. Er weigerte sich, über einen Termin zur Freigabe des britischen Tankers zu sprechen.

Ein Austausch der beiden Tanker war von der britischen Regierung verhandelt worden – bis Boris Johnson als neuer Premier an die Macht kam. Er will für den Brexit ein enges Bündnis mit den USA schmieden und hat sich deshalb in der Tanker-Frage eng an die USA gebunden.

Iran steckt in der Syrien-Falle

Wie der Iran jetzt weiter vorgeht, bleibt offen. Die Hardliner in Teheran, wie der Kommandeur der Revolutionsgarden, General Hossein Salami, drohen mit „Irans globaler Macht“ und fordern die USA und Großbritannien auf, den Persischen Golf zu verlassen. Sonst würde Irans Militär, das in den vergangenen Tagen demonstrativ neue Raketen und Abwehrsysteme präsentierte, „den Feind vertreiben“. Dort fahren britische und amerikanische Marineschiffe Patrouille.

Zugleich versucht Iran, seine von 2,5 Millionen auf 67.000 Barrel täglich gefallenen Ölexporte wieder anzukurbeln. Nur noch China, die Türkei und Indien kaufen iranisches Öl in kleinen Mengen, die allerdings auch immer weiter sinken. Dabei spielt neben China, wohin Teheran sogenannte „Geister-Tanker“ schickt, also Schiffe mit Ölladungen, bei denen die GPS-Transponder zur Vermeidung der Verfolgung durch Schiffstrackingdienste ausgeschaltet sind, vor allem Syrien eine entscheidende Rolle.

Das belegt auch das Schicksal der „Grace 1“: Nachdem Ägypten die Durchfahrt durch den Suezkanal für iranische Tanker mit Ziel Syrien gesperrt hat, musste die „Grace 1“ statt der 3500 Seemeilen durch das Rote Meer die 12.000 Seemeilen lange Route um das Horn von Afrika nehmen – und wurde von den Briten vor Gibraltar gestoppt. Seit 2011 besteht seitens der EU ein Ölembargo gegen den syrischen Diktator Bashar al-Assad.

Assad und die Führung in Teheran sind eng verwoben: Die Al Quds Brigaden der Revolutionsgarden unterstützen den syrischen Diktator mit Militärberatern und Bodentruppen, während die russische Luftwaffe Angriffe auf Rebellengebiete fliegt.

Dort liegen auch die meisten syrischen Ölquellen. Assads Regime kontrolliert mit 24.000 Barrel nicht einmal ein Viertel der Tagesproduktion von Rohöl. Deshalb ist es auf iranische Öllieferungen angewiesen, um den Bedarf von 4,5 Millionen Litern Benzin und sechs Millionen Litern Diesel täglich zu decken.

Iran braucht die Einnahmen aus Öl- und Ölproduktlieferungen an Syrien, die sich jährlich auf 1,2 Milliarden Dollar summieren. Doch Assad kann kaum zahlen. Wegen der Sanktionen und akuten Geldmangels hatte Iran im Oktober laut einem Bericht der regierungsnahen syrischen Zeitung „Al Watan“ die Lieferungen gestoppt.

Tanker-Trackingdienste wie Kpler belegen, dass seit April wieder iranische Tanker Syrien anlaufen. Zuletzt lagen Tanker vor der syrischen Küste fest, da eine in ein syrisches Kraftwerk führende Unterwasserpipeline gesprengt worden war.

Wegen der Ölknappheit musste Assads Regime Benzin rationieren. Immer wieder kommt es zu langen Wartezeiten vor Tankstellen. Und auch das Betanken von Kampfjets und Panzern muss das Regime sicherstellen. Assads Partner Russland ist bisher bei der Ölversorgung nicht hilfsbereit.

Im Iran indes werden täglich mindestens elf Millionen Liter Benzin und Diesel außer Landes geschmuggelt. Das ergeben die konservativsten Schätzungen iranischer Regierungsinstitute. Außerdem liefert Iran mit wöchentlich 1200 bis 1500 Tanklastzügen Öl und Diesel nach Syrien durch den Irak.

Mehr: Die USA wollen Schiffe am Persischen Golf schützen lassen. Während aber Großbritannien sich der US-Mission anschließt, wollen die anderen EU-Ländern lieber eine Beobachtermission.

Mit Agenturmaterial der dpa.

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4 Kommentare zu "Iran: US-Gericht verfügt Beschlagnahmung von Supertanker „Grace 1“ – der Golf-Konflikt schwelt weiter"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • die amis können nur mit unlauternen mitteln ( erpressung usw) geschäfte machen!!

  • ich sitze hier vor meinem PC und bin ausser mir vor zorn über diese unverschämten und grosskotzigen amerikaner. wer verbietet ihnen die iranischen gewässer?

  • So wird es sein; Herr Henseler. Seit Herr Trump an der "Macht" ist, ist klar zu erkennen: die Verantwortlichen in den USA können machen, was sie wollen. - Das war auch früher schon so. wurde aber nicht so ausgelebt. Die EU wehrt sich nicht dagegen, bzw. baut ein eigenes Netz auf, um Finanzströme zu lenken.

  • Offensichtlich hat der Tanker Gibraltar immer noch nicht verlassen. Die Amerikaner haben
    alles moegliche in Bewegung gesetzt, dass dies auch nicht passiert, obwohl der vorgeschobene Grund Verletzung von EU-Sanktionen waren. EU-Sanktionen gelten aber fuer EU-Laender und koennen nicht als Vorwand fuer die Freiheit der Seefahrt auf internationalen Gewaessern missbraucht werden. Die Briten haben sich offenbar nicht von der Einmischung der Amerikaner beeinflussen lassen - aber fakt ist offenbar, dass das Schiff noch nicht ausgelaufen ist. Bei den Amerikanern zeigt sich klar, dass man einen noch so duennen Vorwand inszenieren will, um eine Eskalation zu provozieren.

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