Israel wählt Jung und unzufrieden

Tel Aviv ist modern und jung – genau deshalb ist Israels Premier Netanjahu dort unbeliebt. Kurz vor der Knesset-Wahl hat Herausforderer Herzog besonders viele Anhänger. Warum ist das so? Vier junge Tel Aviver erzählen.
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Junge Israelis haben zu Zehntausenden in Tel Aviv in den vergangenen Wochen immer wieder gegen Premier Benjamin Netanjahu demonstriert. Quelle: Reuters
Weg mit Netanjahu

Junge Israelis haben zu Zehntausenden in Tel Aviv in den vergangenen Wochen immer wieder gegen Premier Benjamin Netanjahu demonstriert.

(Foto: Reuters)

Tel AvivLiav Hertsman war schon als Teenager Friedensaktivistin. Als Gymnasiastin führte die heute 35-Jährige mit arabischen Jugendlichen hitzige Debatten über Koexistenz mit den Palästinensern und versuchte, die andere Seite zu verstehen, so schwierig das mitunter auch war. Heute ist sie Filmverleiherin und will die Links-außen-Partei Meretz wählen: Das sei die einzige Partei, die nie und nimmer einer Koalition von Regierungschef Benjamin Netanjahu beitreten würde.

Ob der amtierende Premier Netanjahu allerdings bei der Wahl heute mit seiner Likud-Partei überhaupt wieder stärkste Fraktion in der Knesset wird, ist fraglich. Jüngste Hochrechnungen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Netanjahu-Lager und dem seines größten Widersachers Izchak Herzog voraus. Rechtsanwalt Herzog ist Spitzenkandidat des größten Mitte-links-Oppositionsbündnisses Zionistische Union, das er mit der ehemaligen Justiz- und Außenministerin Tsipi Livni gegründet hat.

Ein Zünglein an der Waage bei der Knesset-Wahl könnten Israelis wie Hertsman sein. Denn Israel ist im Vergleich zu anderen OECD-Ländern sehr jung. Das Durchschnittsalter liegt bei rund 30 Jahren. Besonders viele Junge leben in Tel Aviv. Und es sind besonders die Jungen, die mit der Politik von Benjamin Netanjahu nicht zufrieden sind.

„Wir müssen den Dialog mit den Palästinensern neu aufnehmen“, sagt etwa der Kleinunternehmer Shachaf Rodberg. Für den 28-Jährigen ist das das ausschlaggebende Argument, warum er Herzog seine Stimme geben will. Wer Gewähr bieten würde für die „richtige“ Politik gegenüber den Palästinensern, ist freilich umstritten.

Netanjahu, der ständig Apokalyptisches von sich gebe, sei zu mutlos, um einen Schritt auf die Palästinenser zuzugehen, begründet die Sozialarbeiterin Nizzan Scharf, eine 32 Jahre alte Sozialarbeiterin, ihre Stimmabgabe für Herzog.

Reicht es für eine vierte Amtszeit von Netanjahu?

Raz Ben Jacob, Projektmanager in einer High-Tech-Firma, wählt hingegen rechts, weil er Angst habe, dass Herzog im Westjordanland Siedlungen und Gebiete aufgeben könnte, die für die Sicherheit Israels notwendig seien. „Ich sehe bei den Palästinensern keinen Partner, der mit uns einen Deal machen würde“, sagt der 28-Jährige.

Netanjahu hat bis zum Schluss seines Wahlkampfs behauptet, nur er habe das Zeug, um auf die iranische Atomgefahr zu antworten. Die Umfrageergebnisse konnte er damit allerdings nicht zu seinen Gunsten verbessern. Kleinunternehmer Rodberg macht klar, warum auch ihn das nicht beeindruckt. „Es gibt schlimmere Gefahren, die uns direkt bedrohen“, sagt er und nennt die Hamas mit ihren Raketen und Selbstmordattentaten.

„Ich sehe bei den Palästinensern keinen Partner, der mit uns einen Deal machen würde.“ Quelle: Privat
Projektmanager Ben Jacob

„Ich sehe bei den Palästinensern keinen Partner, der mit uns einen Deal machen würde.“

(Foto: Privat)

Ausschlaggebend beim Wahlentscheid sind für einen großen Teil der Jugend aber vor allem wirtschaftliche Probleme. Die Makrozahlen sind zwar eindrücklich. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 6,7 Prozent, die Wirtschaft wuchs im vierten Quartal 2014 um mehr als sieben Prozent. Es mache sich aber trotzdem ein Gefühl der Unzufriedenheit breit, sagt der ehemalige Chefökonom der Bank of Israel, Asher Blass.

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