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Cristina Cattaneo

Die Forensikerin hat das Buch „Schiffbrüchige ohne Gesicht“ geschrieben.

(Foto: AFP)

Italiens Anti-Salvini Cristina Cattaneo gibt toten Flüchtlingen wieder einen Namen

Rund 30.000 Flüchtlinge sind in den vergangenen Jahren im Mittelmeer ertrunken. Die Pathologin Cristina Cattaneo will die Opfer identifizieren – und kämpft damit gegen das Vergessen.
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RomIn vielen der T-Shirts mit aufgedrucktem Spiderman oder Ronaldo sei ein Säckchen mit Erde eingenäht gewesen, nur zwei, drei Zentimeter groß, ein Andenken an die Heimat, erzählt Cristina Cattaneo. Und unter einer Schwimmweste habe sie ein in Plastik eingeschweißtes Zeugnis gefunden, auf französisch und arabisch geschrieben. In einer Hosentasche steckte ein Handy und der Ausweis einer Bibliothek. Und dazu viele Fotos.

Jeder Flüchtling habe etwas auf die Reise übers Meer Richtung Europa mitgenommen, sagt die energiegeladene schmale Frau. Die Norditalienerin war oft in Sizilien, wo die Boote gelandet sind oder die geretteten Menschen von der Küstenwache an Land gebracht wurden.

Nur: sie hat die persönlichen Gegenstände bei der Obduktion gefunden. Denn die Männer, Frauen und Kinder, denen sie gehörten, haben die Flucht übers Mittelmeer nicht geschafft, sie sind gestorben. Seit 2001 waren das insgesamt 30.000 Flüchtlinge.

„Sie haben keinen Ausweis, keinen Namen. Wer und wo ihre Eltern, Kinder und Angehörige sind, weiß niemand. Im täglichen Rettungsdienst in den Häfen gab keine Ressourcen für solche Erforschungen“, sagt sie. Da sei es darum gegangen, sich um die Überlebenden zu kümmern.

Doch ohne Totenschein der Eltern oder Kinder sei die Familienzusammenführung für Flüchtlinge beinahe unmöglich. „Nur mit einer Identifizierung kann ein Kind aus Mauretanien zum Beispiel zur Tante geschickt werden, die mittlerweile in Schweden lebt“, sagt sie.

Deshalb hat die Professorin für Gerichtsmedizin an der Universität Mailand zusammen mit Kollegen die Initiative ergriffen und arbeitet mit Hilfe von DNA-Abgleichen und der Analyse von Knochen und Gewebe, um den Toten einen Namen zu geben. Dazu kommen Interviews mit Überlebenden, die Informationen geben können. Einen „match“ nennen es die Forensiker, wenn sie jemanden identifizieren und ihm einen Namen geben können. 

Seit vielen Jahren ist die 55-Jährige schon in ihrem Beruf, die man nur aus Thrillern kennt: Sie untersucht als Forensikerin Leichen auf Spuren von Verbrechen oder überhaupt nach der Todesursache. Die Polizei trat häufig an sie heran, um Verbrechen aufzuklären, aber auch Archäologen mit ihren Funden.

Am 3.Oktober 2013 kenterte vor der Insel Lampedusa ein Schiff mit Flüchtlingen aus Eritrea, das aus Libyen kam. 155 Menschen überlebten, 366 starben. Ihre Körper wurden aus dem Meer geborgen. Die Weltöffentlichkeit war geschockt. Es war der Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Das war der Moment für Cristina Cattaneo und ihre Kollegen in Mailand, um ihrer Arbeit eine neue Richtung zu geben: Die Toten aus Afrika und Syrien identifizieren.

Team fährt nach Sizilien, um bei Identifizierung zu helfen

Am 18. April 2015 kam die nächste Katastrophe: Ein brüchiges Schiff kenterte auf hoher See zwischen Libyen und Sizilien. Es war überfüllt mit Flüchtlingen, nur wenige überlebten, es gab 1000 Todesopfer. Jetzt arbeitet das Team nicht mehr im Labor in Mailand, wo sie die DNA der Opfer von 2013 untersuchen konnten. Stattdessen fährt das Team nach Sizilien, um bei der Identifizierung zu helfen. „Es war die erste von vielen Reisen“, sagt Cristina Cattaneo.

Sie ist betroffen von den vielen jungen Körpern, die sie obduzieren muss und geht darüber im Gespräch hinweg, wie diese wohl ausgesehen haben müssen nach Monaten im Wasser. „Es darf nicht passieren, dass 14-Jährige so sterben“, sagt sie, „in 50 Jahren muss in den Schulbüchern stehen, was passiert ist in den Jahren 2013 und 2015, wir müssen angehen gegen das Vergessen“, sagt sie.

Sie hat ein Buch über ihre mühsame Arbeit und ihre Gefühle geschrieben, das in Italien viel verkauft wird. „Schiffbrüchige ohne Gesicht“ heißt es.

Politisch engagiert ist sie nicht. Sie lobt die Zusammenarbeit mit den Behörden in Sizilien und in Rom und betont oft, dass sie ohne die beim Innenministerium angesiedelte Regierungsstelle eines außerordentlichen Kommissars für verschwundene Personen die Arbeit wegen der vielen Genehmigungen gar nicht hätte starten könne.

Aber sie ist das humane Gesicht Italiens und eine Art Anti-Salvini. Der Legachef ist Innenminister und hat, seit die Populisten-Regierung vor einem Jahr ins Amt kam, eine harte Anti-Flüchtlingspolitik durchgesetzt. Er hat die italienischen Häfen geschlossen für die Hilfsschiffe der Nichtregierungsorganisationen. Jetzt ist die Zahl der Ankommenden um 95 Prozent gesunken.

Die Zustimmung zum fremdenfeindlichen Kurs Salvinis ist groß in Italien. Doch ebenso groß ist bei vielen das Mitleid mit den Flüchtlingen, die meist aus Subsahara-Ländern kommen und in Libyen in menschenunwürdigen Lagern auf die teure Überfahrt mit Schleusern warten mussten.    

Die Arbeit der Identifizierung dauert an. Das Internationale Rote Kreuz hilft und geht bis in die Dörfer in Afrika, um nach Angehörigen zu fragen. Andere Universitäten machen mit. Finanziert wird die Arbeit von privaten Stiftungen und Organisationen wie zum Beispiel Terre des Hommes. „Der nächste Schritt ist die Zusammenarbeit mit den anderen Ländern in Europa, denn dort sind die meisten Überlebenden inzwischen“, sagt Cristina Cattaneo. „Jeder Tote, den wir identifizieren können, trägt zu Erinnerung bei.“

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