IWF-Missionsleiter Thomsen „Schuldenverzicht ist keine Lösung“

Neben Irland stehen auch die Griechen finanziell am Abgrund. Dennoch geht der IWF davon aus, dass das Land ohne sogenannten Hair-Cut zu retten ist. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der IWF-Missionsleiter Poul Thomsen über die griechischen Fortschritte und was wir aus der Krise dort sowie in Irland, Portugal oder Spanien lernen können.
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Poul Thomsen: "Der IWF und die EU wissen, dass die Tilgungsfristen für die Hilfskredite relativ kurz sind." Quelle: dpa

Poul Thomsen: "Der IWF und die EU wissen, dass die Tilgungsfristen für die Hilfskredite relativ kurz sind."

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Handelsblatt: Kommt Griechenland mit seinem Sparprogramm voran, so dass Sie die nächste Hilfstranche auszahlen können?

Poul Thomsen: Ja. Wir haben bei unserer Überprüfung festgestellt, dass dieses sehr ambitionierte Programm auf Kurs ist. Das ist die gute Nachricht. Aber natürlich liegen noch große Herausforderungen vor uns.

Bei Ihrem letzten Besuch waren Sie "beeindruckt" vom Start des Programms.

Das bin ich immer noch. Aber weitere Schritte bei der Haushaltskonsolidierung sind ebenso nötig wie strukturelle Reformen, um Wachstum zu generieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Es geht um technisch komplizierte Reformen. So gesehen, liegt der schwierige Teil des Programms noch vor uns.

Halten Sie die Einsparung von weiteren 14 Mrd. Euro im Etat 2011 für realistisch?

Es ist ein sehr ehrgeiziger Haushaltsplan, aber er ist umsetzbar. Schon die diesjährige Leistung kann sich sehen lassen. Von Ende 2009 bis Ende 2011 wird Griechenland sein Haushaltsdefizit um acht Prozentpunkte des BIP reduzieren - und das in einer Wirtschaft, die im gleichen Zeitraum um sieben Prozent geschrumpft sein wird. Zeigen Sie mir ein Land in Europa, das so etwas geschafft hat!

Was sind die nächsten wichtigsten Aufgaben?

In den nächsten drei bis sechs Monaten müssen jene Reformen beschleunigt werden, die es der griechischen Regierung ermöglichen, ihre Ausgaben auf einem niedrigeren Niveau unter Kontrolle zu bringen. Dazu gehören vor allem Reformen im staatlichen Gesundheitswesen. Das ist technisch äußerst schwierig, weil es sich um ein dezentralisiertes System handelt, aber es muss gemacht werden. Eine weitere komplizierte Reform ist die Restrukturierung der Staatsunternehmen. Hier will die Regierung nächstes Jahr 800 Mio. einsparen, aber das kann nur der Anfang sein.

Griechenland hat 2014 und 2015 einen sehr hohen Refinanzierungsbedarf, auch durch die Tilgung der Hilfskredite.

Der IWF und die EU wissen, dass die Tilgungsfristen für die Hilfskredite relativ kurz sind. Die Finanzmärkte sehen darin ein Problem. Wir hoffen immer noch, dass Griechenland sich bis dahin an den Märkten zu tragbaren Konditionen refinanzieren kann. Wenn nicht, werden wir uns damit auseinandersetzen. Da gibt es eine Reihe von Optionen. Eine wäre, dass wir von 2011 an unsere Kredite mit längeren Laufzeiten gewähren, etwa zehn statt fünf Jahren. Eine andere Möglichkeit wäre, die dann zur Tilgung fälligen Tranchen durch neue Kredite zu refinanzieren. Aber eine Entscheidung darüber ist noch nicht gefallen.

Griechenlands größtes Problem ist die Schuldenlast, die in absehbarer Zeit rund 160 Prozent des BIP erreichen wird. Viele Volkswirte sagen, dass solche enormen Schulden nicht zu stemmen sind.

Ich bin anderer Meinung. Entscheidend ist, dass Griechenland 2012 erstmals einen Primärüberschuss im Etat erwirtschaften wird. Das bringt die Wende und ermöglicht einen nachhaltigen Schuldendienst. Wenn dieses Hilfsprogramm 2013 ausläuft, wird die Schuldenquote auf dem Weg nach unten sein. Wenn die Märkte das sehen und die griechische Wirtschaft wieder wächst, dann werden die Investoren begreifen, dass es ein gutes Geschäft ist, Griechenland Geld zu leihen.

Aber zu welchen Konditionen?

Thomsen: Griechenland muss sicher für eine Reihe von Jahren höhere Zinsen zahlen als vor der Krise. Aber die Kombination aus fiskalischer Konsolidierung und Strukturreformen müsste es den Griechen ermöglichen, wieder an den Markt zu gehen.

Vielleicht schon 2011?

Ich halte das nicht für unmöglich. Wir registrieren bereits wachsendes Interesse von Investoren, die sich bisher vor allem auf Schwellenmärkte konzentrieren und jetzt auf Griechenland schauen. Die ursprüngliche Strategie dieses Hilfsprogramms war, Griechenland für zwei Jahre von den Märkten zu nehmen, um die Haushaltskonsolidierung und Reformen auf den Weg zu bringen. Wir haben gerade mal sechs Monate zurückgelegt. Man sollte deshalb nicht zu ungeduldig sein.

Griechenland braucht also keinen Schuldenverzicht, keinen Hair-Cut?

Nein. Ein Hair-Cut wäre keine nachhaltige Lösung. Die Regierung hat völlig recht, wenn sie das unter allen Umständen ablehnt. Die Kosten - der Verlust an Glaubwürdigkeit, die Zinsen, die man dann in Zukunft zahlen müsste - stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen. Griechenlands größtes Problem sind nicht die Defizite und die Schulden. Das gehen wir an, aber es sind letztlich nur Symptome. Das eigentliche Problem ist ein strukturelles: Wie kann Griechenland innerhalb der Euro-Zone wettbewerbsfähig werden? Die Antwort ist: mit Strukturreformen, die zu einem neuen, nachhaltigen Wirtschaftsmodell führen.

Was können wir aus der Griechenland-Krise für Irland, Portugal oder Spanien lernen?



Die griechische Krise hat dazu geführt, dass Europa Mechanismen für das Management solcher Krisen entwickelt hat. Der Fall Griechenland hat klar gezeigt, dass es in Europa ein Defizit im Umgang mit solchen Krisen gab. Das führte zu einer weiteren Destabilisierung. Inzwischen haben der IWF und Europa die richtigen Instrumente.

Die meisten Griechen kennen inzwischen Ihr Gesicht aus dem Fernsehen und den Zeitungen. Wie begegnen Ihnen die Menschen? Fühlen Sie sich willkommen?



Ach, wissen Sie, es geht hier nicht um mich. Hier ist ein Land, das tiefgreifende Reformen unternimmt, um seine Wirtschaft zu retten, und dieser Prozess begann schon einige Zeit bevor der IWF und die Europäer dazukamen. Dieses Programm ist mit Einschnitten verbunden, und natürlich bringt niemand gerne Opfer...

...74 Prozent der Griechen, so eine Umfrage, haben eine negative Meinung vom IWF...

Die Griechen sind ein stolzes Volk. Sie würden es sicher vorziehen, diese Krise aus eigenen Kräften zu bewältigen. Aber die Mehrheit der Menschen hier weiß, dass ihr Land am Scheideweg steht, dass es ein neues Geschäftsmodell braucht. Mit ihrem Porgramm, versucht die Regierung dies umzusetzen, und wir sind hier, um sie dabei zu unterstützen.

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8 Kommentare zu "IWF-Missionsleiter Thomsen: „Schuldenverzicht ist keine Lösung“"

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  • @[7] Leertasche

    Kommentar von [6] Mathematiker lesen.
    Das Problem ist die deutsche Wiedervereinigung, deswegen ist das ganze etwas Planlos geschehen!
    Wichtig ist das Erreichte zu erhlaten.
    Nobody (Nothing) is perfect!

  • [5]Arminius
    Man kann so nicht differenzieren: Mal nehme man den Nationalstaat, mal den iWF, mal die EU, auch mal alle zusammen, um als begründung herzuhalten, Organisationen und institutionen gebührten Glaubwürdigkeit, da alles berechenbar und voraussehbar wäre. Dies ist nicht so.
    iWF und EU wissen eben nicht für einen einzelnen EU-Staat die Höhe und auch nicht die definitive Laufzeit eines Rettungsschirmes Gesamteuropas.
    Und aus diesem Grund ist es auch müßig, über Sinn und Unsinn solcher Maßnahmen auf EU-Ebene zu diskutieren. Er ist eben N O N S E N S.
    Es ist die Glaubwürdigkeit der EU (und auch des iWF) schlichtweg dahin - wegen
    U N K A L K U L i E R b A R K E i T, wenn Sie so wollen, wegen geistiger Planlosigkeit.

  • Die deutsche Wiedervereinigung ist leider zu früh gekommen. Die EU war noch nicht vollendet. ich fürchte dass der wieder erstarkte deutsche Nationalismus unweigerlich zum Zusammenbruch der EU führen wird. Eine Währungs- und Wirtschaftsunion kann nur funktionieren wenn es eine gemeinsame Steuerpolitik gibt, wie in den Vereinigte Staaten von Amerika. Solange wir keine Koordination der Wirtschaften und ausgeglichene Leistungsbilanzen haben wird es Transferleistungen geben müssen. Es ist einfach mathematisch.

  • @[3] Leertasche,
    nicht "Wegen der Glaubwürdigkeit der griechischen Regierung" sondern wegen der Glaubwürdigkeit des Eurolandes. Wenn man zulässt dass ein Land seine Schulden nicht zurückzahlt warum sollte man dann denken dass die andere Euroländer das immer tun werden?

  • Es ist zutreffend, dass das eigentliche Problem von Griechenland (und irland sowie von Portugal) ein strukturelles ist. Es wäre falsch anzunehmen, es ginge dabei nur um den Staatshaushalt. Die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise hat vielmehr aufgedeckt, dass kleinere Staaten am Rand der EU zuvor quasi im Windschatten der großen EU-Staaten auf der Erfolgsspur gefahren sind. Die Länder haben zudem massiv von der EU-Förderpolitik profitiert. Nachhaltig war das offensichtlich nicht.

    Es wird insofern sehr schwer, aber eben unvermeidbar für diese Staaten sein, ein neues Wirtschaftsmodell für sich zu finden, dass ihnen vor allem auch mehr wirtschaftliche Eigenständigkeit bringt. Denn nur so lässt sich dort nachhaltiges Wachstum und eine gewisse Krisenfestigkeit herstellen.

    Um das zu erreichen, muss aber ein gewisser Spielraum für Staatsausgaben erhalten bleiben. Tatsächlich haben EU und iWF den Krisenstaaten eine strikte Austeritätspolitik verordnet, die ihnen keinen Spielraum mehr lässt und zwar obwohl die Frage, wie das neue Wirtschaftswachstumsmodell dort überhaupt aussehen könnte, noch nicht einmal beantwortet ist. insofern ist das ein Anti-Wachstumskonzept. Kein Land kann sich in den Wohlstand sparen!

    Gewiss hat die EU ein Defizit im Umgang mit solchen Krisen gehabt. Ob sie jetzt das richtige instrumentarium gefunden hat, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Die Notwendigkeit einer erneuten Verschärfung des Sparkurses in irland und Griechenland stimmt nicht gerade hoffnungsfroh. Am Ende könnte es durch diese Form des einseitigen Extremsparens durchaus noch viel teurer für die EU werden.

  • PAPPERLAPAPP - GRiECHENLAND iST PLEiTE !
    Das Anwachsen von möglichen investoren bezieht sich sicherlich nicht auf deutsche banken, sonst gnade ihnen Gott!
    Und seit wann ein "Hair-Cut" keine nachhaltige Lösung ist verstehe ich schon mal garnicht.
    Wegen der Glaubwürdigkeit der griechischen Regierung würde ich mir keine Sorgen machen. Die gibts schon länger nicht mehr.

  • "...dass Griechenland 2012 erstmals einen Primärüberschuss im Etat erwirtschaften wird."

    ist das Wissen oder Glauben ?

    bis dahin hat sich Griechenland in die Steinzeit gespart.
    Dann übernachten wohl bereits 50% der Griechen in Erdhöhlen.

    Herr - lass Hirn regnen !

  • Lang lebe die *absolut* risikolose Anlage, für die man aber selbstverständlich Zinsen kassiert, und zwar auch erhöhte, wenn man nämlich viel Aufwand damit bekommt die ausstehenden Schulden abzupressen...

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