James Comey im Interview Ex-FBI-Direktor glaubt an US-Wähler – „Das anständige Amerika wacht auf“

Dass die US-Regierung übertrieben hart gegen Einwanderer vorgeht, hält James Comey für einen Wendepunkt in der Ära von US-Präsident Donald Trump.
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Ex-FBI-Direktor James Comey bereist im Rahmen einer Buchtour Europa und äußert sich weiterhin negativ über die Trump-Regierung. Quelle: Getty Images; Foto: Per-Anders Pettersson
Ex-FBI-Direktor Comey in Berlin

Ex-FBI-Direktor James Comey bereist im Rahmen einer Buchtour Europa und äußert sich weiterhin negativ über die Trump-Regierung.

(Foto: Getty Images; Foto: Per-Anders Pettersson)

BerlinDer Mann hätte allen Grund, an der Trump-Ära zu verzweifeln. Vom US-Präsidenten wurde James Comey gefeuert. Noch immer beleidigt Trump den ehemaligen FBI-Chef als „Lügner und Schleimer“. Doch der 57-jährige Comey hat sich seinen Optimismus bewahrt. Auch die Trump-Ära werde vorbeigehen, lautet das Fazit seines jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches „Größer als das Amt“. „Amerika ist stark genug, um auch das zu überstehen“, sagt Comey im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Herr Comey, Sie glauben, dass die USA letztlich gestärkt aus der Ära Trump hervorgehen. Doch wir sehen Kinder von Einwanderern, die in Käfige gesperrt werden. Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?
Die Trump-Ära ist wie ein Flächenbrand. Schlimme Dinge geschehen, und es gibt keinen Zweifel daran, dass der Präsident dem Land schweren Schaden zufügt. Mein Optimismus speist sich aus der amerikanischen Geschichte. Wir waren schon öfter in solchen Situationen.

Woher soll das Comeback kommen?
Die Geschichte Amerikas ist eine Geschichte des Fortschritts, aber der Fortschritt verläuft nicht linear, es gibt immer wieder Rückschläge und Leid. Wenn ich durchs Land reise, sehe ich das Leid, von dem Sie sprechen, aber ich sehe auch die Energie der Zivilgesellschaft. Ich sehe das Engagement von jungen Leuten und von vielen Frauen, die sich erstmals in ihrem Leben zur Wahl stellen.

Welche Lektion kann Amerika aus dem Niedergang der deutschen Demokratie vor fast 100 Jahren lernen?
Es gibt keine direkten Parallelen zur Nazi-Zeit, aber generelle Lehren. Zum einen, dass wir niemals annehmen dürfen, die Demokratie ist selbstverständlich. Zum anderen dürfen wir uns nicht auf die Moralität des Kollektivs verlassen. Das Kollektiv hat keine Moral, es kann von einem Demagogen verführt werden. Jeder muss erkennen: „Es ist meine und deine Verantwortung, selbst für die Werte einzutreten, die uns wichtig sind.“ Darum sind die US-Wahlen 2020 so wichtig. Die Leute müssen kapieren, dass sie sich von der Couch erheben und wählen gehen müssen.

Und tun sie es?
Das unmoralische Verhalten unserer Regierung an der Grenze zu Mexiko könnte ein Wendepunkt sein, an dem das anständige Amerika aufwacht. Diese Dinge öffnen den Menschen die Augen.

Sie sind gegen eine Amtsabsetzung von Präsident Trump, sondern wollen den US-Bürgern bei den nächsten Wahlen die Chance geben, ihren Fehler zu korrigieren. Kann es dann nicht zu spät sein?
Kein US-Präsident ist lange genug im Amt, um die Demokratie dauerhaft zu gefährden. Es gibt zwar keinen sogenannten „Staat im Staate“ bei uns, aber es gibt eine tiefverwurzelte demokratische Kultur.

Die Republikaner halten Trump die Treue. Ist die Partei zum Kult verkommen?
Ich würde es nicht Kult nennen. Die Partei hat ihre Werte verraten. Sie stand für Anstand, freien Handel, Bündnispflege. Diese Partei gibt es nicht mehr, weil ihre Anführer kurzsichtige Deals mit Trump machen, um ihre Jobs zu retten.

Verliert die amerikanische Demokratie unter Trump ihre Balance?
Es hat in der amerikanischen Geschichte immer wieder solche Phasen der Reaktion gegeben, in denen etwa ein Drittel der Menschen wütend auf das System war. Denken Sie an den Aufschwung der Ku-Klux-Klan-Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg. Immer hat jedoch die anständige Mehrheit in Amerika die Oberhand behalten. Nicht weil wir uns immer einig sind, aber weil wir an gemeinsame Werte glauben.

Glauben Sie, dass Sonderermittler Mueller Trump zu Fall bringt?
Niemand weiß, was Mueller weiß, noch wann er sein Wissen veröffentlicht. Es ist ein Fehler von beiden Parteien, sich ein bestimmtes Ergebnis zu wünschen. Das Einzige, was wir uns wünschen sollten, ist die Wahrheit. Und Mueller wird sie finden – wenn man ihn lässt.

Sie hatten selbst Einblick in die Russlandaffäre: Gab es Absprachen zwischen Trumps Wahlkampfteam und den Russen?
Ich weiß nicht genug, um das zu beurteilen. Als ich entlassen wurde, waren die Ermittlungen noch nicht weit genug.

Macht es Ihnen Sorge, dass Präsident Trump den Rechtsstaat in den USA attackiert?
Ja, das macht mir große Sorgen. Man stelle sich vor, Hillary Clinton würde das FBI und das Justizministerium in dieser Form angreifen. Die Republikaner würden auf die Barrikaden gehen. Es ist gefährlich, diese demokratischen Institutionen zu untergraben.

Was ist der größte Unterschied der Trump-Administration zu früheren US-Regierungen?
Für Obama und Bush war ihr Amt wichtiger als sie selbst. Das ist bei Trump völlig anders. Er hat keinen Respekt vor Institutionen, es geht immer nur um ihn selbst.

Wie fühlen Sie sich persönlich als jemand, der im Fadenkreuz des mächtigsten Mannes der Welt steht?
Das Merkwürdige ist, dass es mir gar nichts ausmacht. Das macht mir Sorgen. Wenn der Präsident twittert, dass ich ins Gefängnis gehöre, lache ich darüber. Weil ich weiß, dass ich kein Gesetz gebrochen habe. Aber es ist gefährlich, dass mich diese Angriffe gar nicht berühren. Es sollte mich stören, und deshalb rede ich darüber.

Welche Eindrücke nehmen Sie von Ihrer weltweiten Buchtour mit?
Ich bin beeindruckt, wie aufmerksam viele Freunde Amerikas in anderen Ländern die Entwicklungen in meiner Heimat verfolgen. Viele machen sich Sorgen um uns, aber Sorgen auch darüber, was die Trump-Präsidentschaft für sie selbst bedeutet.

Herr Comey, vielen Dank für das Interview.

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