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Japan Tokio wappnet sich für den Super-Taifun „Hagibis“

Am Samstag wird die größte Megacity der Welt das öffentliche Leben einstellen. Denn es werden extremer Sturm und Rekordregenfälle erwartet.
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Regale in einem Supermarkt sind fast leer gekauft worden in Vorbereitung auf den Taifun „Hagibis“. Quelle: dpa
Leere Regale

Regale in einem Supermarkt sind fast leer gekauft worden in Vorbereitung auf den Taifun „Hagibis“.

(Foto: dpa)

Tokio Japans Hauptstadt Tokio bereitet sich auf den womöglich stärksten Wirbelsturm vor, der die Stadt jemals getroffen hat. „Hagibis“ heißt der Taifun, der ab Sonnabendnachmittag mit Windgeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern über die größte Megacity der Welt hinwegjagen könnte. Und eine ganze Region richtet sich darauf ein, das öffentliche Leben teilweise einzustellen.

Die Supermarktkette Ito-Yokoda wird am Samstag über 100 Einkaufszentren erst gar nicht öffnen. Andere Ketten schließen sich dieser Vorsichtsmaßnahme an. Daher kam es schon am Freitag zu Hamsterkäufen. Foren im Internet informierten schon am Vormittag über lange Schlangen in Supermärkten. Am Nachmittag machen Bilder von leer gekauften Supermarktregalen die Runde.

Auch der Nah- und Fernverkehr wird zum Erliegen kommen. Der Superschnellzug Shinkansen wird bereits ab Sonnabendmorgen den Verkehr auf Japans Verkehrsschlagader zwischen Tokio und der zweitgrößten Industriemetropole Osaka stoppen. Lokale Bahngesellschaften folgen ab Mittag. Außerdem werden 900 In- und Auslandflüge gestrichen – sowie zwei Spiele der Rugby-WM. Die Begegnungen von England und Frankreich sowie Neuseeland und Italien werden stattdessen mit Unentschieden gewertet.

Auch Japans Regierung bereitet sich vor und richtet Krisenzentren ein. Zu frisch ist der Taifun „Faxai“ in Erinnerung, der vorigen Monat ebenfalls die Region direkt traf. Damals legte der Sturm Hochspannungsleitungen Tokios Nachbarpräfektur Chiba um und sorgte über mehrere Tage großflächig für Stromausfälle. Doch dieses Mal ist die Gefahr durch das Ausmaß des Sturms und eine Verkettung ungünstiger Umstände noch größer.

Nicht nur könnte das Zentrum wieder in der Hauptstadtregion an Land und damit ungebremst auf Tokio treffen. Normalerweise landen Taifune weiter südwestlich an und bremsen daher ab, bevor sie Tokio erreichen. Zudem trifft die Sturm- mit einer Springflut zusammen. Obwohl „Hagibis“ auf Stufe vier der fünfstufigen Taifun-Skala herabgestuft wurde, ist das Sturmsystem mit einem Durchmesser von 1.400 Kilometern noch immer besonders groß und damit voraussichtlich extrem regenreich. Die Wetterbehörde warnt: „Zusätzlich zum Sturm und Hochwasser erwarten wir Rekordregenfälle in der Hauptstadtregion.“

Bis zu 800 Liter Regen pro Quadratmeter sagen die Prognosen bis Samstag um Mitternacht für die Tokai-Region um die Millionenmetropole Nagoya voraus. In Tokio könnten es 500 Liter werden. Das ist selbst für ein Land viel, dessen Flüsse und Kanalisation auf tropischen Starkregen vorbereitet sind.

„Ich möchte so etwas nicht noch einmal erleben“

Es könnte sogar eine größere Flut als beim sogenannten Kanagawa-Taifun von 1958 werden, warnen Experten. Damals starben 1200 Menschen. Der Fernsehsender NHK spürte einen Überlebenden des Dramas auf. Der kleine Bach vor seinem Haus habe sich in einen Strom verwandelt, erinnert er sich. Schweine und andere Tiere der Bauern riss das Wasser mit. Er selbst habe damals mit dem Leben abgeschlossen. Er hatte sich auf Reisstrohmatten gerettet und buddhistische Sutren laut gebetet, so der Mann. „Ich möchte so etwas nicht noch einmal erleben.“

Die Uferbefestigungen und Deiche sind seither zwar deutlich verbessert worden. Aber die Überschwemmungsgefahr bleibt besonders in Tokios Nordosten hoch. Voriges Jahr warnte die Stadtregierung, dass im Falle eines Deichbruchs von Flüssen wie dem Arakawa oder Edogawa die betroffenen Regionen im Extremfall fünf bis zehn Meter unter Wasser stehen könnten. In den fünf Bezirken wohnen mehr als 2,5 Millionen Menschen.

Doch auch in den höheren Lagen lauern Gefahren. Japans Flüsse sind zwar nur kurz und haben daher ein weitaus kleineres Einzugsgebiet als europäische Ströme wie der Rhein oder die Donau. Aber dafür fallen sie umso schneller aus Japans allgegenwärtigen Bergen in die nahen Meere des langgezogenen Inselreichs ab.

Der holländischen Ingenieur Johannis de Rijke brachte die Lage im 19. Jahrhundert prägnant auf den Punkt. „Dies ist kein Fluss, das ist ein Wasserfall“, entfuhr es ihm beim Besuch des Joganji-Flusses in der Präfektur Toyama. Und auch wenn andere Gewässer etwas weniger Gefälle haben, schießen dennoch Hochwasser immer wieder wie Flutwellen von Berg zu Tal. Und das wird heute noch mehr zum Problem, weil die Bebauung näher an viele Flüsse herangerückt ist.

Aber auch, wer auf den Hügeln der Städte wohnt, kann sich nicht sicher fühlen. Beim letzten Taifun schrillten beispielsweise in einigen Stadtteilen von Tokios Nachbarmetropole Yokohama um vier Uhr morgens die Handyalarme. Die Behörden forderten damit Bewohner in bestimmten Regionen auf, sofort ihre Häuser zu räumen. Denn der Boden hatte sich so voll mit Wasser gesogen, dass Erdrutsche drohten.

Wie real die Gefahr ist, rief den Japanern erst 2018 mehrtägiger Starkregen in West-Japan in Erinnerung. Allein in Hiroshima starben mehr als 100 Menschen zumeist in Erdrutschen. Insgesamt forderte die damalige Regenfront mehr als 200 Tote in 15 Präfekturen. Mehr als acht Millionen Menschen wurden aufgefordert, sich in Evakuierungszentren zu retten. Der 19. Taifun dieses Jahres droht nun örtlich den Boden in kürzerer Zeit mit noch größeren Regenmengen zu tränken. Den Bewohnern Japans und vor allem Tokios steht eine unruhige Nacht bevor.

Mehr: Handelsblatt-Weltgeschichte: In Japan will eine richtige Entschuldigung gelernt sein – auch für Manager.

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